Twenty-Eight. Mute

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Emily

Alles was mein Hirn in diesem Moment wahrnimmt ist die Verbindung zu dem Wort Polizei: Rettung. Wenn sie hier sind, können sie mir helfen. Sie können mich von hier wegbringen, können mich zurück nach Irland und in mein altes Leben bringen. Sie können mich vor meinen eigenen Gefühlen retten, die langsam dabei sind, mich selbst, mein eigenes ich zu zerstören. Also schreie ich so laut los, wie ich nur kann. Ich schreie los, weil ich hoffe, dass sie mich durch den Telefonhörer hören können. Dass sie das Haus stürmen und mich mitnehmen. Egal, wie konfus dieser Glaube auch sein mag. Etwas in mir geschieht. Der Stillstand der letzten Tage und Wochen bricht ein und ich merke, wie ein unbändige Kraft in mir aufsteigt, die alles verdrängt, den Schmerz, die Demütigung. Alles.

Doch mein Protest dauert keine fünf Sekunden. Bens Hand presst sich gegen meinen Mund, sein Unterarm gegen meine Kehle, sodass ich kaum mehr Luft bekomme. Ich gebe nicht auf, brülle weiter und schlage mit meinen Händen um mich. Er hält mich auf Abstand, es scheint ihn nicht die geringste Anstrengung zu kosten, mich abzuwehren. „Ruf Carlos an. Er soll kommen. So schnell es geht", spricht er ruhig in sein Handy, legt auf und steckt es sich mit einem schnellen Handgriff in die Hosentasche. Noch immer geht er nicht auf mich ein, was mich nur noch rasender macht. Seine Miene ist kalt, unergründlich und seine Augen funkeln mir eisig entgegen. Er ist wieder genau das Monster, das ich im Keller das erste Mal gesehen habe. Die Verkörperung alles Bösen. Ein eiskalter Schauder läuft mir den Rücken hinab und ich versuche mit den Zähnen nach seiner Hand zu schnappen. Die Luft geht mir langsam aus, aber ich gebe nicht auf. Nicht jetzt, nicht hier und nicht bei dem ersten Lichtblick, nach wochenlanger Dunkelheit. Wahrhaftige, echte Hoffnung. Keine, die sich mein Geist zusammenspinnt, um nicht durchzudrehen.

Bens Hand drückt sich noch fester gegen meine bereits prickelnden Lippen und sein Gesicht wird durch ein diabolisches Grinsen dominiert. Mit einem schnellen Griff hat er meine Hände auf den Rücken gedreht und wenn mir das Loslassen um meinen Hals kurzzeitig Erleichterung verschafft, fährt stechender Schmerz durch meine Oberarme. Wie ein Tier treibt er mich voran, den Gang entlang und bleibt plötzlich stehen. Aus dem Augenwinkel heraus erkenne ich, wie er sich umsieht und ich beginne erneut mich zu winden, als ich das Quietschen von Autoreifen hören kann. „Scheiße", murmelt er.

Seine Finger schnüren die Blutzufuhr zu meinen Händen ab und er drückt noch fester zu, als er erneut weitergeht und direkt die Bibliothek ansteuert. Wir gehen um die Regal herum, bis er im hinteren Eck des Raumes stehen bleibt und hektisch den Kopf dreht. „Wir können das auf die nette oder nicht ganz so nette Weise lösen, Darling. Das hast ganz alleine du zu entscheiden", brummt er und seine Augen bohren sich in meine. Ich bleibe starr. Seine coole Fassade bröckelt, ich sehe ihm an, dass dieser Besuch für ihn überraschend kommt. Dass er nicht vorbereitet ist. Wahrscheinlich ist das die einzige Chance, die ich kriegen kann.

„Wie du willst."

Ich keuche, als er mich mit seinem Körper gegen das Regal drückt, das sich schmerzhaft in meinen Rücken bohrt. So sehr ich es auch versuche, er hat einfach zu viel Kraft.

Vorsichtig lässt er meine Hände los, doch die Hand auf meinen Lippen bleibt. Wieder beginne ich zu schreien, was wie ein erbärmliches Murmeln klingt, doch ich kann nicht aufgeben. Diese Genugtuung werde ich ihm keinesfalls geben. Das Lächeln auf seinen Lippen ist zurück, als er an seine Krawatte greift, sie öffnet und über seinen Kopf stülpt. Blitzschnell zieht er sie mir über den Kopf, stopft sie mir samt Knoten in den Mund und zieht sie so fest, dass sie in meine Wangen und meinen Hinterkopf einschneidet. Meine Schreie klingen sogar noch gedämpfter, als mit seiner Hand. Die Hoffnung schwindet von Sekunde zu Sekunde mehr, dass mich irgendjemand hören könnte. Wahrscheinlich ist das alles aussichtslos. Selbst wenn meine Rettung greifbar ist, Ben nimmt sie mir. Wie er mir alles genommen hat.

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt