♦ Emily ♦
Es ist stockduster. Kein Licht mag durch die schwarze Haube kommen und mein schneller Atem zieht immer wieder den Stoff ein, sodass ich noch weniger Luft bekomme. Mit schnellen Schritten werde ich vorangetrieben und immer wieder versuche ich mich zu wehren. Versuche, die großen Hände von mir abzuschütteln.
Doch ich bin zu schwach. Meine Arme sind taub, da sie stundenlang nach oben gefesselt waren und trotzdem spüre ich wie wund meine Handgelenke von den Handschellen sind. Bei jedem weiteren Schritt reiben sie noch mehr. Mein Kopf tut weh und meine Kehle ist von den vielen Schreien kratzig. Rau. Und die Angst kriecht von Sekunde zu Sekunde mehr in mir auf.
Ich dachte immer, dass es mit der Zeit besser werden würde. Dass die Panik meine Venen nicht mehr mit Adrenalin vollpumpen würde. Meine Lungen irgendwann ruhiger würden. Doch ich habe mich getäuscht. Es ist ein Dauerzustand der mit jeder verstreichenden Minute von Ungewissheit immer schlimmer wird. Meine Beine wollen mich vor Zittern kaum mehr tragen und ich wimmere leise, als ich an meinen Handschellen gepackt und zum Stehen bleiben gezwungen werde.
Ein lautes Knarzen ertönt und mit einem heftigen Stoß gegen meinen Rücken falle ich nach vorne. Mir entfährt ein lauter Schrei, der durch das Tuch in meinem Mund gedämpft wird, ich kneife die Augen zusammen, als ich stolpere und mich auf den Aufprall gefasst mache. Allerdings greifen Hände nach mir, fangen mich auf und stellen mich wieder auf die Füße, die kaum mehr Halt auf dem Boden finden. „Na, na. Nicht so stürmisch, Süße", erklingt seine rauchige Stimme und ich erschaudere. Er ist noch da. Ich bin seit Stunden blind. Mir ist immer noch schlecht von der holprigen Autofahrt und ich weiß nicht, wer von diesen Mistkerlen noch in meiner Nähe ist. Aber ihn werde ich immer erkennen. Schon alleine sein Geruch hat sich in meiner Nase festgesetzt, erinnert mich an ihn.
Finger greifen nach meinen gefesselten Händen und ich zische, als das kühle Metall an meinen Wunden reibt, meine Haut noch weiter aufreißt. Ich werde weiter nach vorne gedrängt und selbst unter meinem Tuch kann ich die stickige, staubige Luft hier drinnen mehr als erahnen. Außerdem ist es noch dunkler, fast schwarz. Bis ein Klicken in der Stille hallt und es ein wenig heller wird. Erschrocken schnappe ich nach Luft, als mit einem Mal die Haube von meinem Kopf gezogen wird. Ich schließe instinktiv meine Augen, blinzele, um mich an das Licht zu gewöhnen. Hastig geht mein Kopf herum und ich blicke in jene Gesichter, die ich schon vor Stunden gesehen habe.
Der Narbenmann steht direkt vor mir, auf seinen Lippen ein argwöhnisches Grinsen und zwischen seinen Zähnen hat er einen Zahnstocher mit dem er spielt. Hinter mir ist der dicke, schwitzende Kerl, der das Auto gefahren hat. Seine Hände riechen nach Motoröl und er hat so viel Kraft, dass ich nur beim Gedanken an seine Ohrfeigen meinen Kopf wegfliegen sehe. Daneben steht der andere Typ. Der, der mit dem Narbenmann unterwegs war. Er ist klein, wirkt auf mich als einziger der Drei wie ein Mensch. Auch wenn er sie nicht abgehalten hat mir das hier anzutun, was dann doch eher gegen ihn spricht.
Mein Mund ist noch immer geknebelt und ich kann nur schwer atmen. Die Panik hat sich wieder verschlimmert, jetzt da ich sehen kann. Mit einem Mal wünsche ich mir die Dunkelheit zurück. Nicht zu sehen wo ich mich befinde wäre in diesem Augenblick eine Wohltat. Doch ich sehe es. Ich sehe die grauen, kahlen Betonwände. Den ebenso eintönig grauen Boden, der übersäht ist mit Schlaglöchern. Die Badewanne im hinteren Eck, die über und über mit Rost bedeckt ist und in der Mitte steht ein einzelner Tisch mit zwei Stühlen. Das hier wird also der letzte Ort sein, den ich in meinem Leben zu sehen kriege.
Ein Raum, wie aus einem typischen Krimi. Dunkel, ohne Fenster, stickig und ohne den Hauch einer Chance zu entkommen. Die große Eisentür fällt ins Schloss und ich reiße meine Augen angsterfüllt auf, als der Narbenmann ein Messer hebt. Quiekend taumele ich zurück, werde sofort wieder an meinen Handschellen gepackt und somit am Gehen gehindert. Tränen sammeln sich in meinen Augen, tropfen ungehindert über meine verklebten Wangen und ich schluchze laut auf, während er mit langsamen, bedrohlichen Schritten auf mich zukommt. Das schwache Licht der kleinen Hängelampe bricht sich in der Klinge, die er hoch nach oben hält und ich fange an zu krächzen. Mehr bringen meine Stimmbänder nicht mehr zusammen. Obwohl das hinfällig wäre, da ich durch das Tuch zwischen meinen Lippen sowieso nicht schreien kann. Der Dicke hinter mir lacht auf und ich kneife meine Augen fest zusammen, als das Messer direkt vor meinen Augen gezückt wird. Ich bete. Ich bete zu Gott, dass er auf meine Familie aufpasst. Dass er meiner lieben Mutter Trost spendet und ich bete zu Gott, dass es nicht allzu schmerzhaft wird, zu sterben.
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Afraid of you
Misteri / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
