♦ Benjamin ♦
„Verflucht, kannst du mal aufhören ständig vor meinen Füßen rumzulaufen?", raunze ich den Köter an, wegen dem ich schon wieder beinahe auf die Fresse geflogen bin. Am liebsten hätte ich ihn im Haus eingeschlossen, aber er hat sich ja schon mal nützlich erwiesen nach Emily zu suchen. Da will ich mal nicht so sein. Trotzdem könnte er mal aufhören ständig durch meine Beine zu wuseln. Es kotzt mich schon genug an, nachts bei einer Arschkälte durch den Wald zu laufen und nach einem entlaufenen Mädchen zu suchen.
Im Ernst, was hat sie sich dabei gedacht?
Höchstwahrscheinlich gar nichts. Ansonsten hätte sie mit einkalkuliert, dass ich das Bedürfnis entwickele, ihr den Hals umzudrehen, sobald ich sie gefunden habe. Sie kann doch nicht so mir nichts dir nichts verschwinden!
„Fuck, Peewee!" Fluchend trete ich beiseite, nachdem der Hund aufgejault hat und starre ihn genauso vorwurfsvoll an wie er mich. „Ich hab's dir gesagt. Kann ich auch nichts für, wenn ich dir dann auf die Pfote steige", murmele ich und beschließe weniger zu trinken, wenn ich schon anfange mit Tieren zu diskutieren. Hoffentlich ist keiner in der Nähe der mich hören kann. Das würde meiner Autorität sicherlich einen Abbruch tun.
Kopfschüttelnd richte ich meine Taschenlampe auf den Schnee und suche weiter nach Spuren, die allerdings nicht zu finden sind. Bei diesem starken Schneefall ist das auch kein Wunder. Ihre Fußabdrücke sind wahrscheinlich schon vor einer guten halben Stunde zugeschneit worden. Ich könnte mir dafür in den Arsch beißen, dass ich ganze zwanzig Minuten gebraucht habe zu checken, dass Emily aus dem Haus verschwunden ist. Seitdem renne ich mit dem tollpatschigsten Hund aller Zeiten durch die Gegend und suche nach irgendetwas das mir verraten könnte wo sie hin ist.
Trotz der Kälte schwitze ich. In mir drin tobt ein Sturm von Wut, Unglaube und Angst. Angst davor, dass sie wirklich davonlaufen könnte und Wut auf ihre Impulsivität. Obwohl mein Versteck weise von mir ausgesucht wurde, heißt das noch lange nicht, dass wir hier in absoluter Sicherheit sind. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn einer von Santos' Handlangern sie in die Finger bekommen würde.
Verfluchte Scheiße.
Erbost raufe ich mir die Haare, mache auf dem Absatz kehrt und stapfe auf direktem Wege zurück zum Haus. Es macht keinen Sinn weiterhin durch den Wald zu rennen und zu hoffen, dass ich sie dort irgendwo finde. Möglich, dass sie bereits die Schnellstraße gefunden hat, die keine 50 Meilen südlich zu den Grenzen der Staaten führt. Wahrscheinlich habe ich mich seit dem Vorfall vor acht Tagen zu sehr in Sicherheit gewogen. Für mich sah es so aus, als wäre sie damals nach ihrer Flucht froh gewesen mich zu sehen. Ihre Worte, dass sie sich um mich gesorgt hat, dass sie mich nicht zurücklassen wollte... Ich dachte, sie wollte nicht mehr davonlaufen. Ich dachte, sie hätte ihre Situation und Umgebung akzeptiert. Ich dachte, sie hätte mich akzeptiert. Vielleicht sogar ein wenig mehr als das.
Ich bin ein Vollidiot.
Meine gesunde Menschenkenntnis inklusive meiner Vorsicht scheint irgendwo in Kolumbien zurückgeblieben zu sein. Alles läuft schief. Und das ist eine nicht hinnehmbare Sachlage.
Die Tür zu Joses Souterrain-Wohnung knallt gegen die Wand als ich sie schwungvoll öffne und ich blicke direkt in den Lauf einer Knarre. Augenrollend sehe ich, wie sie sich senkt und dahinter Joses grimmiges Gesicht erscheint. „Tschuldigung, Senior", murmelt er, verstaut seine Waffe in dem Holster an seiner Schulter und verschränkt geschäftig die Arme vor der Brust.
„Emily ist weg. Ich möchte, dass du hier die Stellung hältst und mich sofort anrufst, wenn sie hier auftaucht." Ohne seine Antwort abzuwarten, drehe ich mich um. „Ach und Jose?" Ich blicke über meine Schulter und ziehe die Augenbrauen nach oben. „Wenn du sie anrührst, bringe ich dich um." Wie immer ist seiner Mimik nichts abzulesen und er streift sich bereits eine Jacke über um meinem Befehl Folge zu leisten. Das Geräusch des Entriegeln meines Wagens hallt wie ein Donnergrollen durch die Stille des dichten Waldes und ich atme nochmals durch um mich zu sammeln, ehe ich die Tür öffne und mich gerade auf den Sitz gleiten lassen möchte, als ein schwarzer Schatten an mir vorbeihüpft. Peewee macht es sich auf dem Beifahrersitz bequem, lehnt sich an und schaut aus dem Fenster.
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Afraid of you
Misterio / SuspensoKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
