♦ Emily ♦
Die Tage und Wochen ziehen an mir vorüber wie in einem Film, bei dem ich nicht die Stopp-Taste betätigen kann. Ben hat sich dazu erbarmt die Rollos oben zu lassen, sodass ich zumindest erkennen kann, wann die Nacht hereinbricht und ein weiterer Tag in Gefangenschaft vergangen ist, auch wenn ich längst den Überblick darüber verloren habe, wie viele es tatsächlich sind. Für ihn war das ein großes Zugeständnis, wofür ich ihm danken sollte. Ich verspüre permanent den Drang in mir ausreifen, ihm mal kräftig in die Nüsse zu treten. Das ist womöglich schon längst überflüssig, da es wohl niemanden auf diesen Globus gibt, der sich dazu in der Lage fühlt, ihm die Stirn zu bieten und ihm seine eigene Arroganz vor Augen zu führen. Dass ich die Richtige dafür bin, wage ich jedoch auch zu bezweifeln. In meiner jetzigen Position glaube ich kaum, dass es ratsam wäre mich gegen ihn aufzulehnen.
Seit dem Tag, als Emanuel mich fast zu Tode geprügelt hat, kümmert er sich auf seine eigene Art und Weise um mich. Es ist zu einem Art Ritual geworden, dass er jeden Abend zu mir kommt und zusammen mit mir isst. Ich persönlich denke, dass er nur überprüfen möchte, ob ich tatsächlich esse. Warum auch immer ihm etwas an meinem Wohlergehen liegt. Nur leider muss ich zugeben, dass diese halbe Stunde jeden Abend alles ist, was mich nicht vollkommen durchdrehen lässt, obwohl meist dabei nicht ein einziges Wort fällt. Er beobachtet mich nur mit seinen blauen Augen. Doch diese dreißig Minuten – manchmal auch vierzig –, lenken meine Gedanken auf andere Bahnen und lassen die düsteren Bilder vor meinen Augen für wenige Augenblicke verblassen.
Die Verletzungen an meinem Körper sind fast abgeheilt, was zur Folge hat, dass auch Maria nicht mehr vorbeikommt um mich zu verarzten, doch die Narben in meiner Seele sitzen tiefer, als der körperliche Schmerz mir jemals etwas hätte antun können. Ich werde in meinen Albträumen von toten Augen, Peitschen und teuflischem Lachen gequält, sodass ich es kaum schaffe länger wie eine halbe Stunde am Stück zu schlafen. Ich befinde mich in einer Art Delirium, den der Schlafmangel und die grausamen Erinnerungen an meinen Aufenthalt hier hervorruft. Das ist wohl auch das Einzige was mir hilft, die tägliche Einsamkeit halbwegs zu überwinden, ohne dabei wahnsinnig zu werden. Alleine ein Blick in den Spiegel reicht aus um zu erkennen, dass ich langsam am Ende meiner Kräfte angekommen bin. Meine Augen sind blutunterlaufen, mit dunklen Ringen darunter und mein Blick wirkt, als hätte ich zu viel getrunken. Meine sowieso schon viel zu blasse Haut wirkt fast durchsichtig und eingefallen.
Aber ich gebe nicht auf. Das habe ich mir in der Nacht nachdem das alles geschehen ist hoch und heilig geschworen. Als ich auf dem Bett lag, gepeinigt von einem stechenden Schmerz an meinem Rücken und die Augen des Mannes auf mich gerichtet, der das alles zu verantworten hat, hatte ich mir selbst das Versprechen gegeben, dass ich irgendwann fliehen werde. Sei es in ein paar Wochen, Monaten oder sogar Jahren. Das bin ich mir selbst und meinen Eltern schuldig. Auch wenn es verlockend wäre das Lacken zusammenzubinden und mich damit am Gestell des Bettes aufzuhängen.
„Du siehst von Tag zu Tag schlechter aus, Darling." Bens tiefe Stimme ertönt von weit weg und ich muss mich zwingen, den Blick von dem massiven Holzrahmen des Bettes zu lösen und stattdessen zur Tür zu sehen. Er tritt mit eleganter Leichtigkeit in den Raum hinein, lässt mich nicht aus den Augen, während er das Tablett auf den kleinen Tisch stellt und auffordernd seine Augenbrauen hebt. Wie immer wenn er hier ist, der Raum gefüllt mit einer Präsenz, sodass die Wände kleiner und die Decke niedriger wirken, sein Duft nach Zimt und Tabak mich einhüllt, schlägt mein Herz kräftiger. Ich bin so tief gesunken, dass ich tief in mir etwas spüre, das einer Euphorie gleicht, wenn er sich dazu herablässt in meiner Nähe zu sein. Schon in den letzten Tagen habe ich darauf geachtet, dass ich gepflegt aussehe, bevor er mich sieht. Mehr schlecht als Recht habe ich meine Augenringe abgedeckt, ein wenig Rouge aufgelegt und meine Haare ordentlich gekämmt, sodass sie tatsächlich wie goldene Seide wirken, wie Maria immer sagte. Aus dem Schrank habe ich mir ein leichtes Sommerkleid herausgenommen, dessen Rock schwingt, als ich vom Bett aufstehe und auf ihn zugehe. Seine Augen werden bei jedem Schritt den ich tätige dunkler und er scannt mich von oben bis unten ab, ehe er sein tiefschwarzes Jackett öffnet und auf dem Stuhl hinter sich Platz nimmt.
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
