Sixteen. Awareness

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♦ Emily ♦


Wie versteinert starre ich auf die weißen Fliesen vor mir und ordne währenddessen meine wirren Gedanken. Ben hat mich gerettet. Er ist wie ein wildes Tier auf Emanuel losgegangen und hat dafür gesorgt, dass er mir nichts mehr antun kann. Abgesehen von den Schmerzen ist alles woran ich denken kann, sein Gesichtsausdruck. Die blauen Augen, die plötzlich heiß wie eine warme Quelle glühten. Die Falten um seine Mundwinkel, die voller Sorge waren und seine aufgeblasene Körperhaltung, die mich dazu brachte, dass ich mich in Sicherheit wog. Ich fühle mich beschützt und sehne mich nach seinen starken Armen, die mich halten, die mir Wärme spenden. Und gleichzeitig möchte ich mich für diese Gedanken ohrfeigen. Es ist falsch. Es ist verrückt und sowas von krank.

Ein Rumpeln hinter mir reißt mich von den weißen Fliesen los und ich zucke zusammen, als eine Frau neben mir auftaucht, die mich mit einem herzerwärmenden Lächeln mustert. Ihre olivfarbene Haut ist an den Wangen leicht gerötet, ihre braunen Augen strahlen Mitgefühl aus und ihre dunklen Haare sind mit feinen grauen Haaren durchzogen, die verraten, dass sie schon weit über die fünfzig hinaus sein muss. Sie müsste diejenige sein, die mir immer Essen gebracht hatte.

„Ich bin Maria, corazoncito. Ich will dir helfen, hab keine Angst", sagt sie in gebrochenem Englisch und legt Tuben und Verbandzeug auf dem Waschbecken ab, das sie bisher fest in ihren Händen gehalten hatte. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich am ganzen Leib zittere und ich verziehe meine Mundwinkel zu einer Art Lächeln, um ihr zu zeigen, dass ich mich nicht fürchte. Nein, es ist das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, dass ich keine Angst habe. Nur das stetige Brennen an meinem Rücken erinnert mich an die Pein, die Höllenqualen und die Todesangst, die ich im Schuppen des Schreckens erleiden musste.

„Wir sollten dich baden", bemerkt sie leise, streckt mir ihre mit Altersflecken bedeckte Hand hin und ich ergreife sie. Kurzzeitig glaube ich, dass meine Beine mich nicht tragen werden, doch ich schaffe es die Balance zu halten. Maria hält mich weiterhin fest, streichelt mir beruhigend über den Handrücken und lässt derweilen das Badewasser ein. Sie gibt etwas aus einem kleinen Döschen hinein und schon wird der ganze Raum von wundervollem Kamillen- und Veilchenduft eingehüllt. Ich schlucke, als sie sich zu mir herumdreht, ihre weichen Finger um den Revers des Sakkos legt und stumm um Erlaubnis bittet. Nickend trete ich nach vorne und beiße die Zähne zusammen, während sie den Stoff von meiner Blut- und Schweißgetränkten Haut streift.

„Dios mío!", stößt sie atemlos hervor. Eigentlich kann ich mir denken, wie ich aussehen muss, doch ihre vor Schreck geweiteten Augen lassen mich frösteln. Sie murmelt leise etwas auf Spanisch vor sich hin, was ich nicht verstehe und sie öffnet mit größter Vorsicht meinen BH, nur um mir anschließend aus Shorts und Unterhose zu helfen. Zwar ist es mir unangenehm, dass sie mich nackt sieht, doch ich weiß, dass ich alleine gar nichts hinbekommen würde.

Sie hilft mir mit bedauerndem Blick in die Wanne und ich brauche all meine Selbstbeherrschung um nicht loszuschreien, als meine Wunden Stück für Stück in Berührung mit dem warmen Wasser kommen. Es fühlt sich an als stünde meine Haut in Flammen. Tränen treten mir in die Augen, die ich vergeblich versuche wegzublinzeln. Maria wischt sie mir weg, ehe sie sich einen Schwamm schnappt und anfängt mich zu waschen. „Wie heißt du?", fragt sie leise. „Emily." Meine Stimme klingt fremd, krächzend und ich atme tief durch, als sie sich zu meinem Dekolleté vorarbeitet, das mit kleinen Schnitten übersäht ist. „Und was tust du hier, Kind? Wie bist du hier hineingeraten?" Sie versucht mich abzulenken und ich bin erstaunt darüber, dass sie wohl nicht weiß, dass ich hier festgehalten werde. Einen Augenblick lang hadere ich mit mir ihr die Wahrheit zu erzählen, doch ich habe gelernt hier niemandem zu vertrauen. Sollte ich jemals fliehen können, ist es besser, wenn niemand etwas ahnt. Schließlich arbeitet sie hier und weiß natürlich genau, was hier vor sich geht. Die Drogen, die Waffen, die Unmenschlichkeit. Sie mag vielleicht nicht den Anschein erwecken, aber es kann gut sein, dass sie genauso herzlos ist wie die restlichen Menschen auf diesem Anwesen.

Afraid of youGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt