Fourty-Five. Mood Swings

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♦ Emily ♦

Gestern Abend war ich enttäuscht. Enttäuscht darüber, das Ben mich hatte abblitzen lassen. Schließlich hatte ich mich ihm quasi an den Hals geworfen. Sein Blick, nachdem er die Spuren von Raul entdeckt hatte, verfolgen mich seit jenem Augenblick. In seinen Augen lag so viel Wut, so viel Ekel, dass ich mich selbst unheimlich schäbig fühle und mich dafür schäme, diese Situation herbeigeführt zu haben. Ich weiß nicht wie lange ich letztlich unter der Dusche stand, aber als ich zurück ins Zimmer kam, war Ben weg. Erst hatte ich wachgelegen, darauf gewartet, dass er zurückkommen und sich mir erklären würde. Jetzt ist mir klar, dass ich nicht bescheuerter hätte sein können. Wir sprechen hier von Benjamin Clarke. Einem Menschen, der sich niemals vor irgendjemanden rechtfertigt. Einem herzlosen Mann, der aus allem nur seinen Vorteil zieht. Einem Typen, der meine Verzweiflung ausnutzen wollte und von mir abgelassen hatte, als er die Spuren seiner Fehler auf mir gesehen hatte.

Am nächsten Morgen, nach einer unruhigen Nacht, war ich sauer, nachdem ich von Maria geweckt wurde, die mir Frühstück brachte und anschließend meine Wunden mit Salbe verarztete. Sie hatte nicht viel gesprochen, mich kaum angesehen und ich bin mir sicher, dass ihr charmanter Boss etwas damit zu tun hat. Den einzigen zusammenhängenden Satz den sie herausgebracht hatte war, dass der Boss mächtig angefressen sei. Soweit so gut. Das ist ja nichts Neues. Nur begreife ich nicht, weshalb. Will er nicht genau das? Nähe zu mir? Meine Unschuld? Gestern war ich noch bereit ihm genau das zu geben. Ich wollte die Kontrolle, wollte selbst Entscheidungen treffen und nun hat er mir erneut alles aus den Händen gerissen. Also ist er doch selbst Schuld an allem. Doch am allermeisten nervt mich, dass ich mir unterbewusst selbst die Schuld gebe und von Zweifeln geplagt werde. Als wäre ich nicht gut genug für ihn. Als wäre es töricht von mir geglaubt zu haben, dass er Interesse an mir hat.

Trotz alledem hatte ich den Mut gefasst mich anzuziehen und nach unten in die Küche zu gehen, um mich Ben und meiner Scham zu stellen. Das war der Punkt, an dem ich richtig sauer wurde. Der werte Herr ließ sich ewig nicht blicken, bis er letztlich eine Stunde später mit einem mir fremden Kerl aufgetaucht ist, der mir eine Spritze in den Arm gejagt hatte und ohne ein Wort an mich zu richten wieder verschwunden war. Ben hatte mir kein einziges Mal in die Augen gesehen. Es schien beinahe so, als würde er meine Nähe nicht ertragen. In kaltem Tonfall hatte er mir dann erklärt, dass auf Grund der Kratzer an meinen Schenkeln meine Tetanus-Impfung aufgefrischt wurde. Ich war so durch den Wind, dass ich ihm beinahe dankbar war, nur weil ich nun wusste, was die Spritze beinhaltet hatte. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Und es kratzt unheimlich an meinem Ego, ihm plötzlich so am Arsch vorbei zu gehen. Selbst wenn es so eigentlich besser wäre, da ich mit seinem Desinteresse leichter von hier verschwinden könnte.

In mir ist alles durcheinander, völlig verdreht und wahnsinnig. Ben hat meinen Bruder bedroht, mich in Gefahr gebracht, vor meinen Augen einen Menschen kaltblütig ermordet und trotzdem fühle ich mich von ihm zurückgewiesen.

Nach seinen unheimlich liebevollen Worten, war er wieder verschwunden und hatte mich mit meinen abstrusen Grübeleien alleine gelassen. Eine Weile war ich im Wohnzimmer gesessen und hatte versucht meine überstrapazierten Nerven wieder zu beruhigen. Bis er eine halbe Stunde später mit Carlos im Schlepptau erneut aufgetaucht war. Und jetzt - jetzt -, bin ich kurz davor zu explodieren.

Mit aufgeklapptem Mund und Tellergroßen Augen sehe ich ihn an und wiederhole wieder und wieder seine Worte in meinem Kopf. Ich glaube, dass es ein Scherz ist. Es muss ein Scherz sein. Seine harte Miene sagt jedoch etwas Anderes. Genauso wie Carlos' hochgezogene Augenbrauen.

„Du willst was?", kreische ich.

„Sir, also das...also das, halte ich für keine gute Idee." Wäre ich nicht so geschockt, würde ich mich wahrscheinlich über Carlos fassungsloses Gesicht amüsieren. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so viele Emotionen in seiner Miene gelesen zu haben.

„Ich schon." Ben bedenkt den riesigen Hulk mit einem strengen Blick und das erste Mal seit gestern Abend wendet er sich mir zu. „Du wirst mit Carlos zusammen trainieren, dass du dich künftig besser verteidigen kannst. Jeden Tag eine Stunde. Der Mann ist einfach der Beste", wiederholt er seine völlig hirnrissige Aussage von eben. Er grinst, klopft Hulk, der total belämmert drein sieht, aufmunternd auf die Schulter und dreht sich nach einem Zwinkern zum Gehen um. Das kann er ja mal sowas von vergessen! Ich mache mir schon alleine von Carlos' Anblick fast in die Hosen und dann soll ich jeden Tag eine Stunde mit ihm alleine verbringen?!

Aufgebracht setze ich mich in Bewegung und renne ihm hinterher, die Schmerzen von dem Angriff gestern ignorierend. „Das kannst du nicht ernst meinen!", schreie ich ungehalten und bin schon aus der Puste, als ich bei ihm ankomme und sein Handgelenk zum Greifen bekomme. Dieses lasse ich jedoch blitzschnell wieder los, sobald er sich zu mir umgedreht hat. Seine Augen schießen Giftpfeile auf mich nieder, sein Kiefer mahlt aufeinander und seine Körperhaltung ist so angriffslustig, dass ich automatisch einen Schritt nach hinten mache. „Hast du die Regeln schon wieder vergessen?", blafft er mich an. „Wiederspreche. Mir. Nicht." Er betont jedes Wort einzeln und mit so viel Schärfe, dass ich schlucken muss. Rasch tritt er an mich heran, packt mein Kinn und hebt es an. Ich kann seinem eiskalten Blick kaum standhalten. Er ist nicht mehr der Mann von gestern, der sich um mich sorgt und mich begehrt. Wahrscheinlich war er das nie und ergötzt sich daran mich erst in den Himmel zu katapultieren, nur, um mich mit einem Schlag zurück in die Hölle zu befördern. Meine Gefühle fahren Achterbahn, mir wird schwindelig, je länger ich das klare Blau seiner Augen betrachte. Je fester er zupackt und mich in die Enge treibt.

Für den Hauch einer Sekunde schweift er hinab zu meinen Lippen, ehe er erneut meine Augen fixiert. Innerlich verfluche ich mich dafür, dass ich wünschte, er wollte mich küssen. Dass ich erneut fühlen könnte, was ich gestern Abend gefühlt habe. Leidenschaft, exzessive und unerbittliche Hingabe, zu dem Mann der mich vor einem Monster gerettet hat und der mir gerade mal wieder seines zeigt.

„Du tust was ich sage. So wie jeder hier auf meinem Anwesen. Daran hat auch deine nuttige Vorstellung gestern Abend nichts geändert, Darling", raunt er gefährlich leise. Ein Schauder überkommt mich und ich kämpfe angestrengt gegen die Tränen an. Er demütigt mich bis aufs Blut – und er weiß es ganz genau. Das sehe ich ihm an. Innerlich rufe ich mich zur Fassung, halte störrisch seinem Blick Stand und schlucke meine Erniedrigung hinunter.

„Wird er mir was tun?", grolle ich und hasse, dass ich so schwach klinge.

„Hat dir hier je jemand etwas getan?" Seine Augen zwängen sich zusammen, seine dichten Wimpern werfen Schatten auf seine markanten Wangenknochen. Wieder frage ich mich, wie etwas so schönes, so böse sein kann. Ich schenke ihm nur einen bedeutungsvollen Blick. Mir wurde hier schon mehr als genug wehgetan. Von ihm am allermeisten. Nur würde ich mir lieber die Zunge abbeißen, als dies laut auszusprechen.

„Außer den Schwanzlutschern die ich kalt gemacht habe?", sagt er gelangweilt. Genervt seufzt er, während ich meine Augenbrauen nach oben ziehe.

„Also. Da hast du deine Antwort. Solange ich niemandem sage, er soll dir was tun, wird dir auch nichts passieren." Mit diesen Worten lässt er ruckartig von mir ab, zwinkert mir diabolisch grinsend zu und geht. Diesmal halte ich ihn nicht auf.

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Hey ihr Hübschen :)

Ein kurzes Zwischenkapitel für euch x)

Ben ... nun ja. Was soll man dazu sagen? Vollidiot? Depp? Arschloch? Das trifft es wohl ziemlich gut. Typisch, dass er sein schlechtes Gewissen an ihr rauslassen muss. Und Emily soll mit Carlos zusammen trainieren? Ob das gut geht? Oder entpuppt sich der knallharte Security als ein Schmusehündchen? :D

Ganz liebe Grüße an euch

Eure Lary

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt