♦ Benjamin ♦
Meine Stimmung ist ausgelassen, als ich mein Büro betrete, in dem ich bereits Carlos vorfinde, der gegenüber an meinem Schreibtisch Platz genommen hat. Er hebt die Augenbraue, als ich mich auf meinen Stuhl niederlasse, verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mich auffordernd an. „Was war so wichtig, dass sie mich an meinem freien Tag hierher zitieren mussten?"
„Kurz bevor du gekommen bist, war die Polizei hier. Hab ich dich etwa gestört?", antworte ich und grinse, als ein kurzes Aufflackern über seine dunkelbraunen Augen schwimmt. Ein Mann reagiert nur so forsch auf eine Störung, wenn man ihn beim Vögeln gestört hat. Davon bin ich überzeugt.
„Was ...?", beginnt er, doch ich hebe die Hand, um ihn am Weiterreden zu hindern.
„Es ging um Emily. Jesus und Miguel haben nicht nur falsch gehandelt, sie haben sich auch noch dabei aufzeichnen lassen", kurz seufze ich und verfluche die beiden Toten, „damit haben sie die Fährte geradewegs zu mir geführt." Carlos versucht mit allen Mitteln, seine triumphale Miene vor mir zu verbergen. Glück für ihn, sonst hätte ich tatsächlich mal eine kleine Auffrischung seiner Erinnerungen an die Machtverhältnisse schaffen müssen. Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, verschränke die Arme am Hinterkopf und fahre fort. „Informiere dich bitte genauestens über einen gewissen Tobias Alvarez. Er scheint neu bei der Polizei zu sein und glaubt, mich provozieren zu müssen. Ich will alles wissen. Wo er herkommt, wie seine Ausbildung abgelaufen ist, wem er unterstellt ist und sogar wann der Bastard kacken geht. Alles."
Effizient wie mein Mitarbeiter nun mal ist, zieht er sein Handy hervor und macht sich an die Arbeit, während er mir weiter zuhört.
„Außerdem brauchen wir eine weibliche Leiche. Europäisch wäre von Vorteil." Nun habe ich seine volle Aufmerksamkeit. Carlos blickt wieder zu mir auf, sein Mundwinkel zieht sich zu einem diabolischen Grinsen nach oben und er richtet sich leicht in seinem Stuhl auf. Mir ist klar, dass genau das zu den Aufgaben gehört, die er am liebsten tut. Ich bin einfach ein toller Chef.
„Verfolge die Route der Suchtrupps der Polizei und sorge dafür, dass die Leiche bis spätestens morgen Abend gefunden wird. Ohne Gebiss, unkenntlich gemacht, versteht sich. Ich habe keine Zeit und keine Lust, mich mit lächerlichen Anschuldigungen der Bullen herumzuschlagen", sage ich und mustere schmunzelnd das Glitzern in Carlos Iriden. Spätestens jetzt ist er mir nicht mehr böse, weil er nicht zum Abschuss gekommen ist. Wie Emily mich als so verabscheuungswürdig behandeln kann... Wenn ich möchte, kann ich durchaus nett sein.
Räuspernd erhebe ich mich, gehe zu meinem Safe und tippe die Zahlenkombination ein. „Soll ich White anrufen?", fragt Carlos nach meinem Anwalt. Kopfschüttelnd krame ich in dem Inneren des Safes, ziehe Emilys Tasche hervor, die sie bei ihrer Ankunft bei sich hatte und schnappe mir die Kette aus einer der Seitenlaschen. „Das wird nicht nötig sein, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind." Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer, als ich die Kette in Carlos geöffnete Hand fallen lasse. „Der Anhänger ist aus Titan." Er nickt, streift mit seinen Fingern über den silbernen Schmetterling und lässt ihn anschließend in seiner Hosentasche verschwinden. Sehr praktisch, dass Emily hochschmelzenden Schmuck bei sich trägt. Damit kann man arbeiten. An Carlos leicht zusammengezwickten Lider erkenne ich, dass er sich ebenso schon einen Plan macht, wie er den Anhänger möglichst gut in Szene setzen kann.
„Ach und vielleicht kann man das ein oder andere Haar von Miguel am Fundort finden", ergänze ich und nehme wieder an meinem Schreibtisch Platz. „Jesus wird nach wie vor aus der Sache herausgehalten." In meinem PC suche in nach der Krankenakte, die ich mir schon vor Wochen aus Vorsicht besorgt habe. Mein blonder Engel hatte nämlich schon einen Bruch im Handgelenk und im Knöchel, die man eventuell berücksichtigen sollte. Ich bin mir sicher, dass Carlos etwas einfällt, wie zum Beispiel die Knochen zu zertrümmern. Das Geräusch des Druckers im Hintergrund erfüllt den Raum und Carlos steht auf, nimmt sich die Blätter und überfliegt sie mit konzentriertem Blick. Der Typ ist echt der krankste Schweinehund, dem ich je begegnet bin.
„Das wäre dann alles", entlasse ich ihn.
„Gut. Wird erledigt." Ohne nochmals aufzusehen, tritt er den Rücktritt an und tippt mit seinen Fingern auf dem Weg durch das Büro auf seinem Oberschenkel herum. Es sieht aus, als würde er die Takte von Jingle Bells klopfen. „Das hätte ich beinahe vergessen!", halte ich ihn auf und er bleibt lediglich an der Tür stehen, stoppt sein Getippe, „Emanuel muss ins Bad gebracht werden." Carlos streckt seinen Daumen nach oben, öffnet die schwere Holztür und verschwindet nach draußen. Der nächste Mitarbeiter, der sich schon bald in Säure auflösen wird.
Mit einem tiefen Seufzen lehne ich meine Ellenbogen auf die Marmorplatte vor mir, lege meinen Kopf auf meine Hände und fahre mir über die Unterlippe. Der Sturm in meinem Innersten legt sich, hat sich mittlerweile zu einer lauen Brise entwickelt, die mich voll und ganz zufriedenstellt. Ich hatte bisher gedacht, dass sich die Dinge um die vermisste Irin mit der Zeit legen würden, doch es gefällt mir mehr als ich zugeben möchte, wenn schon bald die offizielle Todesmeldung von Emily McMillen bekannt gegeben wird. Wenn Carlos seine Arbeit gut macht, wird man die Leiche nicht identifizieren können und mit ein paar wenigen Kröten, werden sich auch die DNA-Proben der unbekannten Toten in Luft auflösen. Emily ist gestorben, als sie den ersten Fuß auf mein Anwesen gesetzt hat. Nur, wird es jetzt offizell gemacht. Durchaus wird es zum Vorteil sein, wenn ich sie ganz und gar zu meinem Eigen machen kann, ohne mich ständig nach Gefahren umdrehen zu müssen.
Grinsend zünde ich mir eine Kippe an und drücke die Freisprecheinrichtung um Maria zu erreichen. „Sí Seníor?"
„Gehst du dann bitte nach oben und kümmerst dich um das, worum ich dich gebeten habe?" Es bleibt still in der Leitung und ich verdrehe die Augen. Schon als ich sie dazu aufgefordert habe, die nötigen Dinge zu besorgen, hat sie sich ein wenig geziert. Von meiner sonst immerzu loyalen Haushaltshilfe bin ich das nicht gewohnt.
„Sind Sie sicher, dass ...?"
„Ja, bin ich", auch wenn es mir selbst nicht wirklich gefällt, zu solchen Mitteln greifen zu müssen, „und noch etwas Anderes."
„Sí?" Maria ist einfach ein Goldstück.
„Ich bitte dich, für morgen eine Torte zu backen und etwas Besonderes für Emily zum Abendessen vorzubereiten. Sie hat Geburtstag." Ohne ihre Antwort abzuwarten kappe ich die Leitung, hole mir die Tasche, die noch immer auf dem Boden steht und hole Emilys Pass hervor. Mein Pulsschlag beschleunigt sich bei dem Blick auf das unscheinbare Papier und dem Gedanken daran, dass wir morgen nicht nur ihren achtzehnten Geburtstag feiern werden, sondern auch einen kompletten Neuanfang. Eine neue Identität, ein neues Leben. Und während ich mir meinen Plan für den morgigen Abend ganz genau zurechtlege, richtet sich mein Schwanz voller Vorfreude auf. Die Herausforderung dieses vorlaute, widerspenstige Ding, das sich mir in den letzten Tagen wieder deutlich gezeigt hat, endlich zu unterwerfen, wird mir eine riesige Freude machen. Diesmal wird sie sich mir nicht verweigern. Dafür werde ich sorgen.
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Hey ihr Hübschen :)
Sorry, dass ich euch so lange hab warten lassen :( Leider war die Woche unheimlich viel los und dann war ja noch Champions League, die ich natürlich nicht verpassen durfte ;)
Was haltet ihr von Bens Plänen? Ein Mann mit seinem Einfluss kann durchaus einen Mord vortäuschen, oder? Vor allem würde das Emilys Chancen gerettet zu werden deutlich minimieren... Und was genau hat er Maria aufgetragen? Was hat er an ihrem Geburtstag vor? Wird sie sich auf ihn einlassen, nachdem was geschehen ist?
Das Kapitel ist ein wenig kürzer als sonst - ich hoffe, das ist okay. Das nächste wird auf jeden Fall wieder länger ;)
Ganz liebe Grüße an euch da draußen und allen frohe Ostern x)
Eure Lary<3
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
