♦ Emily ♦
Wenn Menschen sterben, dann gibt es dieses Phänomen, dass man ein grelles Licht sehen soll. Ruhe erfasst einen, man schwebt über seinem eigenen Körper und verabschiedet sich davon. Von seiner leeren Hülle. Die Seele steigt zum Himmel auf und klopft an den Pforten an.
So, oder so ähnlich hatte ich das mal gelesen. Ich selbst sehe kein Licht, ich schwebe nicht und die friedvolle Ruhe bleibt aus – eher im Gegenteil, mein Herz klopft wie ein Presslufthammer gegen meine Rippen. Mein Körper fühlt sich müde, kalt und nass an. Schreie, ein Grollen, das wie Kanonenfeuer klingt malträtiert meine Ohren und alles was ich sehe, ist schwarze Dunkelheit. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, das würde mir keine Angst machen. Wahrscheinlich hat jeder Mensch irgendwie Angst vor dem Tod, vor dem, was einen erwartet, doch ich habe mir erhofft, dass es poetischer und... nun ja, überirdischer abläuft. Mir kommt es auch so vor, als wäre meine Seele weiterhin in meinem schmerzenden Körper gefangen. Es lässt einfach nicht nach.
„Emily?", ruft mich eine Stimme und ich bin der vollen Überzeugung, dass endlich mal Schwung ins Sterben kommt. Vielleicht verzögert sich das alles ein wenig, weil Gott gerade zu viel zu tun hat oder so.
„Emily?!" Die Stimme wird lauter und kommt mir wage bekannt vor. Nur kann ich sie nicht zuordnen.
„Bist du okay?" Wärme durchflutet meine Schulter und ich zucke zurück. „Fuck!" Hä?
Irritiert schlage ich die Augen auf und blicke auf nasse, dreckige Grashalme. Das Dröhnen in meinen Ohren verklingt und ich meine Regentropfen auf den Boden niedergehen zu hören. Panisch werfe ich mich herum, taste an meinen Oberkörper, spüre mein Herz schlagen, fühle, wie sich meine Lungen unter mir aufblähen und wieder zusammenziehen. In meinem Kopf zähle ich bis fünf, bis ich begreife, dass ich nicht tot bin. Ich lebe. Ich bin putzmunter – nun, soweit munter, wie mein geschundener Körper es vermuten lässt.
Langsam lasse ich meine Augen umherwandern und schlage mir die Hand vor den Mund, als ich keinen Meter von mir entfernt einen Mann im Rasen liegen sehe. Seine leeren Augen sind nach oben gerollt und in seiner Stirn prangt ein großes Loch. Schnell wende ich mich ab, entdecke vier weitere Leibe, die sich alle nicht mehr rühren. Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals, den ich angestrengt versuche wegzuschlucken.
„Okay, du stehst unter Schock." Wieder diese Stimme. Diesmal bereitet sie mir eine unangenehme Gänsehaut. Ich sehe auf, halte die Luft an, als ich in dunkle, braune Augen sehe und rutsche auf dem nassen Boden zurück wie ein in die Enge getriebenes Tier. Diego geht in die Hocke, streckt seine Arme aus und sieht mich so mitleidig an, dass ich ein Gefühl dafür bekomme, was ich gerade für einen Eindruck vermitteln muss. Ich will mich aufstützen, will davonrennen. Doch meine Muskeln sind in einen Streik getreten und wollen mir nicht gehorchen.
„Nicht, Emily", sagt Diego beschwichtigend und erhebt die Hände, als wolle er mir zeigen, dass er unbewaffnet ist. „Ich tue dir nichts, das schwöre ich." Neben ihm liegt eine Waffe im Gras und meine Synapsen schaffen es langsam einen Zusammenhang herzustellen. Das Kanonenfeuer müssen Schüsse gewesen sein. Schüsse, die meine Verfolger niederstreckten und nicht mich. Aber was macht Diego hier? Und wieso hat er das getan? Wie hat er mich gefunden? Die Fragen wirbeln nur so durch meinen Kopf und ich schaffe es nicht, auch nur einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. Auf den zweiten Blick stelle ich fest, dass er mitgenommen aussieht – was wohl eine maßlose Untertreibung ist. Sein Kiefer ist blau und dick, unter seinen Augen prangen Schnittverletzungen und sein Haar ist an der Schläfe ganz starr vor getrocknetem Blut.
„W...wie...w...wo...woher?", stammele ich. Meine Zähne klappern aufeinander und auf einmal wird mein gesamter Körper von einem starken Zittern erfasst, das ich nicht kontrollieren kann. Er rückt näher zu mir auf, dieses Mal bewege ich mich nicht und lasse zu, dass er direkt vor mir auf die Knie geht. Vorsichtig, als wäre ich tatsächlich ein scheues Tier, beugt er seinen Körper nach vorne, legt seine Hände auf meinen Rücken und drückt mich schließlich an sich. Zuerst versteife ich mich, kämpfe einen Kampf zwischen Unglaube und Furcht, Zuneigung und Hass, Wohlbefinden und Angst aus. Dann lasse ich mich gegen ihn fallen. Sein vertrauter Geruch beruhigt mich, seine Körperwärme wärmt mich. Es ist egal, dass er mich verraten hat. Es ist auch nicht weiter wichtig, dass er zuletzt noch zu den Bösen gehörte. Ich brauche Trost. Ich brauche Sicherheit. Und genau das kann er mir in diesem Moment geben.
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Afraid of you
Mysterie / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
