♦ Emily ♦
„Ben, was ist hier los?!", schreie ich verängstigt. Meine Knie beginnen zu zittern und ich starre verwirrt auf das Holz direkt vor meinen Augen. „Tu was ich dir gesagt habe!" Er klingt zu weit weg, als dass es Sinn gemacht hätte ihm noch etwas hinterherzurufen.
Erst Peewees weiches Fell an meinen Beinen lässt mich aus meiner Starre erwachen und ich lasse mich seufzend an der Wand zu Boden gleiten. Was auch immer dort draußen vor sich geht, ich werde einfach dazu verdonnert nichts ahnend zu warten. Wut frisst sich wie Gift durch meine Venen und ich schnaube leise in mich hinein. Es ist nicht fair, dass er mich küsst, dass er solche Sachen zu mir sagt und intim mit mir wird, mich jedoch vollkommen ausschließt. Schließlich stecke ich genauso in dieser Sache mit drin wie er es tut. Seinetwegen.
Grummelnd streichele ich durch Peewees Fell, atme tief durch und schließe die Augen. Kurz erlaube ich mir einen Moment an alles zu denken, was ich vermisse. An meine Eltern, meinen Bruder, meine Freunde. An Irland. In letzter Zeit habe ich mir das Vermissen verboten um nicht zu zerbrechen und Bens geändertes Verhalten hat es mir vereinfacht. Zwar macht es mir tief im inneren ein schlechtes Gewissen, doch es würde mich komplett zerstören, wenn ich darüber nachdächte was ich verloren habe. So wie jetzt. Mein Herz zieht sich zusammen, Tränen sammeln sich in meinen Augen und ich muss kräftig gegen den Kloß in meinem Hals schlucken. Schnaubend fasse ich mir an die schmerzende Brust und unterdrücke mit aller Gewalt ein Schluchzen. Es tut so verflucht weh.
Ein Poltern im Schlafzimmer lässt mich zusammenzucken und ich öffne meine Augen, wische mir die Tränen weg und verspanne in Erwartung darauf, was mich gleich erwarten wird. Der Schlüssel dreht sich und ich atme auf, als Bens große Gestalt im Türrahmen erscheint. Sein Oberkörper ist noch immer nackt, seine Beine stecken in schwarzen Hosen und in der rechten Hand liegt locker die Waffe. Er lehnt sich gegen den Rahmen und mustert mein Gesicht. Bestimmt sind meine Wangen mit roten Flecken übersäht und meine Augen verweint. Ben nimmt es wahr, runzelt die Stirn und schüttelt mit dem Kopf. „Falscher Alarm. Ihr könnt rauskommen", sagt er ruhig und verschwindet wieder durch das Schlafzimmer nach unten. Emotionaler Krüppel! Ehrlich, ich kenne keinen Menschen der schlechter mit Gefühlen umgehen kann als ihn. Sheldon Cooper ist gegen ihn eine Prinzessin auf der Erbse auf Gefühlsebene.
Schwerfällig rappele ich mich auf, versuche mich zu sammeln und stapfe ihm nach, die Treppen nach unten und in die Küche. Ben steht mit dem Rücken zu mir vor dem Tresen und stürzt sich gerade ein Glas mit klarer Flüssigkeit die Kehle hinab.
„Was ist hier los?!", frage ich mit beißendem Unterton. Ich kann es mir nicht verkneifen. Ich hasse es, dass ich ständig im Dunklen tappe. Ich hasse es, dass ich keine eigenen Entscheidungen treffen kann. Und am meisten hasse ich, dass ich ständig Angst um mein Leben haben muss! Ein Bild von meinem hübschen Bruder flackert vor meinem inneren Auge auf und ich beiße fest die Zähne zusammen, als Ben sich langsam zu mir umdreht. Seine blauen Augen funkeln und er taxiert mich mit festem Blick. Doch ich sehe nur die Gesichter meiner Familie. Ich sehe nur die Bilder der letzten Wochen vor mir aufflackern. Gewalt.
Verzweiflung.
Angst.
„Was passiert hier?", wiederhole ich mich erstickt. Meine Finger zittern, als ich sie gegen die Kücheninsel lege um Halt zu finden. Mir ist schwindelig und all das Verdrängte scheint sich durch meine Eingeweide zu fressen. Ich fühle mich wieder allein und zurückgelassen im Wald. Ich fühle mich wieder leer und tot und kaputt.
Hektisch sehe ich auf, starre in Bens vollkommenes Gesicht und erinnere mich daran, wie ich anfangs dachte, er wäre der Teufel. Aber er hat sich verändert. Er hat sich geöffnet. Er kann nichts dafür, dass er so kalt ist. Ihm wurde es so gelernt und so oft ich darüber grübele, wie er aufgewachsen ist, empfinde ich tiefes Mitgefühl für ihn. Er kann nichts dafür...
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
