♦ Emily ♦
Mein Geist schwebt irgendwo zwischen Aufwachen und Schlafen umher und ich bin noch nicht soweit, mich den Konsequenzen des gestrigen Abends zu stellen. Deshalb kneife ich meine Augen zusammen, in der Hoffnung, dass mein Dämmerzustand anhalten wird. Ich habe geschlafen wie ein Welpe nach Stundenlangem Ballspielen. Tief und fest. Was mich selbst äußerst schockiert nach den Ereignissen, die sich nun zu einem lebhaften Film in meinem Kopf entwickeln und mich doch gequält die Augen öffnen lassen. Schamesröte steigt mir ins Gesicht, während ich der Sonne entgegenblinzele, die feine Strahlen durch die Baumkronen in mein Gesicht scheinen lässt. Mechanisch fahre ich mit meinem Finger über meine Lippe und überlege, ob das nicht doch alles ein seltsamer Traum gewesen sein könnte. Aber nein. So angestrengt ich auch versuche mir das einzureden, weiß ich, dass es nichts bringt. Bens Geruch hängt noch immer an mir. Seine Berührungen sind noch immer spürbar. Und das Klopfen zwischen meinen Beinen setzt ein, sobald ich an diesen leidenschaftlichen Kuss zurückdenke. So etwas kann man weder träumen, noch verdrängen.
Leider.
Um mich nicht noch weiter zu quälen, schäle ich mich aus der schützenden Decke und schlüpfe unter die Dusche. Dadurch erhoffe ich mir inständig, dass ich etwas anders rieche außer Ben. Es reicht schließlich schon, ihn ständig vor meinem geistigen Auge sehen zu können.
Mein Pulsschlag ist für diese Tageszeit schon erhöht und trotzdem zwinge ich mich, alles halbwegs rationell zu betrachten. Ich bin seit Monaten hier eingeschlossen, teilweise isoliert, teilweise in Gefahr. Es ist also durchaus plausibel, dass mein Handeln nur noch von meinem labilen Zustand angetrieben wird. Mir ist klar, dass ich mittlerweile schwerwiegende Neurosen entwickelt habe. Bei dem mir erlebten Trauma sollte das kein Wunder sein. Kann das rumknutschen mit meinem Entführer und Peiniger auch eine Neurose sein?
Ich würde gerade mein letztes Hemd für einen Laptop mit Zugang zur googleischen Selbstdiagnose geben. Wenn ich denn eins besäße.
Seufzend steige ich nach einer gefühlten Ewigkeit aus der Dusche. Meine Haut ist von dem heißen Wasser gerötet und fühlt sich leicht wund an, jedoch reiner, Ben-los. In meinem Schrank durchwühle ich die vielen Klamotten nach einer halbwegs alltagstauglichen Garderobe und stelle dabei fest, dass der Mistkerl dafür gesorgt hat, dass ich nur noch Kleider und Röcke besitze. Egal wie oft ich den Haufen durchsehe, finde ich keine Hose. Auch die Unterwäscheschublade trägt nicht unbedingt zu einer besseren Laune bei. Durchsichtige Spitze und noch durchsichtigere Spitze. Ausschließlich sexy Dessous, bei deren Anblick mein Gesicht warm wird. Vor mich hin maulend suche ich mir ein Set heraus, das halbwegs blickdicht ist und schlüpfe in ein hochgeschlossenes Sommerkleid mit ausgestelltem Rock. Meine Verdrängungs-Mechanismen arbeiten auf Hochtouren und ich bin meinem Verstand dafür äußerst dankbar, als ich mein Zimmer verlasse und tief durchatmend den langen Flur betrete. Es wäre eine durchaus angenehme Möglichkeit, mich für den Rest meiner Zeit in meinem Verlies zu verbarrikadieren und somit Ben aus dem Weg zu gehen. Allerdings hilft das meinem Fluchtplan nicht weiter, wobei ich erst Mal das Gelände erkunden muss, und noch dazu habe ich einen Bärenhunger. Und ich will mich erwachsen benehmen. Schließlich fühle ich mich nach dem gestrigen Tag anders, reifer, erfahrener. Egal, wie lächerlich das auch sein mag. Und egal, ob ich mir das eingestehen möchte, hat es nichts mit meinem Geburtstag zu tun. Dieser Kuss hat mich verändert. Vielleicht weil es verboten war und irgendwie ...schmutzig.
Instinktiv halte ich die Luft an, als ich das Wohnzimmer betrete und hoffe einerseits, dass Ben hier ist und andererseits wünsche ich mir, dem Unausweichlichem noch länger aus dem Weg gehen zu können.
Meine Knie zittern und unbewusst umklammere ich den Anhänger meiner Kette, den ich einfach nicht ablegen konnte. Es mag ein Geschenk von ihm sein und trotzdem ist es die größte Verbindung zu meiner Heimat, seitdem ich hier bin.
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Afraid of you
Mistério / SuspenseKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
