♦ Benjamin ♦
Emilys Augen blitzen mir aus dem Wageninneren entgegen und ich bin der Überzeugung, dass meine Schonfrist vorüber ist. Es hätte ja an ein Wunder gegrenzt, wenn sie doch tatsächlich so pflegeleicht geblieben wäre, wie sie es die letzten Stunden über gewesen ist.
Da sie keine Anstalten macht aus dem Auto zu steigen, gehe ich zum Kofferraum, lasse die Töle ins Freie und mache den Weg für Jose frei, der sich unser Gepäck schnappt um es ins Haus zu bringen. Da Diego und Carlos ihre verschiedenen Positionen in Bogota und Montero bezogen haben, ist er als einziger meiner Mitarbeiter eingeweiht um uns zusätzlichen Schutz zu bieten. Er ist zu hundert Prozent sauber und loyal mir gegenüber. Auch wenn das seine dunkle Aura auf den ersten Blick nicht vermuten lässt. Abgesehen davon ist er äußerst schweigsam und mischt sich nicht in Dinge ein, die ihn nichts angehen - anders als die anderen beiden Idioten. Und der arme Trottel hat seinen Schwanz bei einem Überfall vor zehn Jahren verloren, was mir in Gegenwart von Emily eigentlich ganz Recht ist.
Bevor ich die gerade eingegangene Nachricht auf meinem Handy lesen kann, hat sich mein irischer Engel dazu entschlossen doch aus dem Wagen zu steigen. Ihre Augen scannen das Holzhaus, mustern den dichten Wald der uns umgibt und folgen anschließend Peewee, der ebenfalls die Umgebung in Augenschein nimmt. Ein bisschen nervt es mich noch immer, dass der Köter dabei ist, aber er erfüllt seine Wachfunktion in der Regel äußerst gewissenhaft, was mich letztlich hatte einknicken lassen ihn mitzunehmen.
Die Luft ist kalt, verursacht kleine Nebelwölkchen und der Duft der Nadelbäume lässt sie noch reiner und sauberer wirken. Nicht weit von hier hört man einen Wasserfall plätschern, der in einen kristallklaren Bach fließt und weiter zu einem ebenso klarem See führt.
Glücklicherweise liegt kein Schnee, wie sonst zu dieser Jahreszeit üblich, der die Reifenspuren bis hierher verfolgbar machen würde und ich setze mich über den schmalen gepflasterten Pfad in Bewegung zum Haus. Ich war schon Jahre nicht mehr hier. Von außen wirkt das Holzhaus unscheinbar, wie jede andere Waldhütte am Fuße der Rocky Mountains auch, das Innere ist allerdings von einem Architekten ausgestattet und möbliert worden. Fast bin ich ein wenig traurig darüber, dass ich nur deswegen hierhergekommen bin, weil ich ein Safehouse brauche über dessen Existenz kein Schwein Bescheid weiß. Früher war hier mein persönlicher Rückzugsort, an dem ich meine Ruhe hatte, jagen und fischen gehen konnte.
Die Stufen der Veranda knarzen, als ich einen Fuß darauf setze und zur Tür gehe, um Jose Eintritt zu verschaffen. Ein Geruch von Staub schlägt mir entgegen. „Die Taschen müssen nach oben und öffne ein paar Fenster", weise ich ihn an und drehe mich am Türrahmen lehnend zu Emily um. Noch immer steht sie ungerührt neben dem Auto und fixiert mich mit zusammengekniffenen Augen.
„Wo. Sind. Wir?" Ein Grinsen legt sich bei ihrem mürrischen Tonfall auf mein Gesicht und ich schüttle mit dem Kopf. Es macht einfach zu viel Spaß sie schmoren zu lassen. „Weißt du was? Mir doch egal! Auf deine kindischen Spielchen habe ich keine Lust!", mault sie weiter und gibt einen knurrenden Laut von sich. Es ist unübersehbar, dass sie unter ihren dünnen Jacke friert, doch es scheint als wolle sie vor lauter Trotz keinen Schritt in meine Richtung machen. Ich finde es amüsant und das wiederrum lindert meine Schmerzen. Eine Win-Win-Situation.
Für einige Sekunden ignoriert sie mich und blickt Peewee nach, ehe sie sich über die Arme fährt, aufstampft und losmarschiert. Sie funkelt mich wütend an als sie sich an mir vorbei durch die Tür quetscht und der Hund ihr wie ein Schatten folgt. Ihre Schritte klackern auf dem Steinboden und plötzlich bleibt sie wie vom Donner gerührt stehen. Leise schließe ich die Tür, trete hinter sie und neige leicht meinen Kopf. „Atemberaubend, was?", flüstere ich. Ich erkenne die feinen Härchen die sich auf ihrem Nacken aufstellen und muss der Versuchung wiederstehen meine Lippen auf ihre weiße Haut zu legen. Sie atmet zittrig ein und nickt.
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Afraid of you
Mystère / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
