Twenty-Two. Breakdown

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♦ Emily ♦

Stocksteif bleibe ich im Wohnzimmer stehen und weiß nicht wie lange ich die Treppe anstarre, zu der er hinauf verschwunden ist. Meine Finger zittern, mein Herz pocht und die Stelle an meinen Lippen, die er mit seinen berührt hat, prickelt wie verrückt. In meinem Kopf herrscht pures Chaos. Meine Gedanken drehen sich unaufhaltsam und ich muss mich selbst daran erinnern, nicht das Atmen zu vergessen.

Was auch immer da gerade passiert ist, das bin nicht ich. Das kann ich nicht sein. Und ich kann mir nicht erklären, wie es zu so einer Situation gekommen ist. Ich verachte diesen Menschen und alles was er verkörpert. Die Dominanz, die er ausstrahlt. Den Hass, der ständig in seinen Augen aufglimmt. Die Widersprüchlichkeit dieser ganzen Person. Er wirkt auf mich gebildet und kultiviert. Gleichzeitig ist er jedoch ein kaltblütiger Mörder der mit Koks dealt. Diese Welten prallen für mich vollkommen aufeinander und ich kann mich selbst nicht verstehen, dass ich in regelmäßigen Abständen vergesse, was Ben mir, und vielen anderen in meiner Gegenwart, schon angetan hat. Alleine wenn ich mir vorstelle, was er mit Emanuel gemacht hat, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Trotzdem hämmert mein Herz kräftig gegen meine Rippen, wenn ich an seinen Anblick und an seine Nähe denke. Meine Erfahrungen mit Jungs sind kaum vorhanden. Da gab es nur Jon letztes Jahr, der sich auf dem Abschlussball einen Kuss von mir gestohlen hat. Den ersten und letzten bis dahin. Doch Ben ist kein Junge, er ist ein Mann, der, wie es mir die brünette Schönheit aufgezeigt hat, wahrscheinlich sehr viel Erfahrung mit dem anderen Geschlecht aufweisen kann. Ein wunderschöner, attraktiver Mann. Bereits unter seinen Anzügen war deutlich zu erkennen, dass er gut gebaut sein muss. So wie er sich mir oberkörperfrei präsentiert hat, wurde dieser Eindruck nur bestätigt.

Die Muskeln unter seiner braungebrannten Haut sind wohl definiert, wirken stählern und einschüchternd zugleich. Die Tattoos auf seiner Brust und an seinem Oberarm haben mich neugierig gemacht, sie weiter zu erkunden. Sein Bizeps ist so dick, dass ich ihn womöglich nicht mal mit beiden Händen umgreifen kann. Bei dem Anblick seiner sehnigen und wundervollen Unterarme, mit den großen, männlichen Händen, die einem wahrscheinlich mit bloßem Griff das Genick brechen könnten, ist irgendetwas mit mir geschehen, was ich mir selbst nicht erklären kann. Ich wollte, dass er mich mit diesen starken Armen hält. Wollte, dass er mich mit seiner breiten Brust von all dem Bösen abschirmt, das er jedoch selbst in jeder Form verkörpert.

Wenn ich glaube, dass er ein Widerspruch in sich ist, frage ich mich, was gerade in meinem Kopf los ist. Ich fühle mich zu ihm hingezogen, wie ich mich noch niemals zu einem Mann hingezogen gefühlt habe.

Man liest soviel über Entführungsopfer, hört von dem Phänomen, dass sie sich ihrem Peiniger annähern und ihn als einzigen Vertrauten ansehen. Doch das mit Ben fühlt sich nicht so an. Ich hasse ihn noch immer und ich würde jede einzelne Chance nutzen, um von ihm wegzukommen. Aber ich hätte ihn geküsst. Ich hätte mich ihm hingegeben und wäre unter seiner Berührung zerschmolzen wie Schokolade in der Sonne.

Es ist ein Desaster. Ein einziges Desaster, dem ich nicht weiß wie ich entfliehen soll. Mein Herz und mein Kopf scheinen nicht mehr zusammenarbeiten zu wollen und ich zwinge mich mit meinem letzten übrig gebliebenen Mut, mich zur Vernunft zu bringen. Es müssten mittlerweile schon Monate vergangen sein, seitdem ich hier bin und nur, weil er mir plötzlich erlaubt, seine Bibliothek nutzen zu dürfen und im Wohnzimmer auf der Couch zu sitzen, ist er kein guter Mensch. Zwar attraktiv, doch trotzdem Abschaum. Somit darf ich keinesfalls vergessen, was und wer er ist. Das schockierende daran ist, das ich glaube, er weiß ganz genau, dass er ein Monster ist. Er weiß, dass das was er tut, nicht richtig ist. Trotzdem scheint er mit sich im reinen zu sein.

Leider bin ich schon immer ein Analyst, habe schon immer an das Gute im Menschen geglaubt und war davon überzeugt, dass niemand böse zur Welt kommen kann. Die Geschichte jedes einzelnen macht uns zu dem, was wir heute sind. Was mich wiederum dazu bringt mich zu fragen, was Ben geschehen sein muss, dass er so abgebrüht, so kalt sein kann. Er ist kein Badboy, auf den alle abfahren und den man umkrempeln kann, sowie man das in etlichen Romanen lesen kann. In ihm schlummert etwas so Böses, Dunkles und Mächtiges, dass es wahrscheinlich einer kleinen Gehirnwäsche bedarf, um das wahre Ich in ihm heraus zu kitzeln.

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt