Ninety. Love

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Emily

Postkoitale Reaktion. Ich habe davon gelesen. In Büchern, denke ich und ich glaube mich zu erinnern, dass wir mal so etwas Ähnliches im Biologieunterricht durchgenommen haben. Während des Anstiegs der sexuellen Erregung sorgen Dopamin und Oxytocin für ein tiefes Gefühl von Freude und Zuversicht. Die sexuelle Energie entlädt sich abrupt und hinterlässt ein rauschartiges Gefühl, das jegliches klares Denken ausschaltet. Und im Anschluss an den Höhepunkt aller Höhepunkte erfolgt die Ausschüttung von Prolaktin, das für Befriedigung und Ruhe sorgt. Das ist die wissenschaftliche Erklärung für Bens Ausbruch. Für seine Worte. Für seine Offenbarung. Oder?

Es muss so sein. Auch wenn ich tief in mir weiß, dass es mir wehtun würde. Sehr sogar. Nur kann ich im Augenblick nicht damit umgehen. Eigentlich mit gar nichts. Mein Hirn kämpft gegen sämtliche Gedanken an, die nichts mit purer Euphorie und Zufriedenheit zu tun haben.

Bens Atem trifft stoßartig gegen meinen Hals. Sein Gewicht auf mir fühlt sich unbeschreiblich gut an. Richtig. Er riecht unwiderstehlich nach seinem eigenen Duft vermischt mit Sex. Allerdings scheint er meine Anspannung zu spüren und ich muss mir ein Seufzen unterdrücken, als er sich auf den Ellenbogen abstützt und seinen Blick auf mein Gesicht richtet. Ich beiße mir auf die Unterlippe, fahre träge mit den Händen links und rechts über das Bettlaken, da ich nicht weiß was ich mit ihnen anstellen soll. Dieser Angriff auf meine Synapsen ist mir gerade viel zu viel.

„Emily?" Seine dunkle Stimme ist kratzig und wir zucken beide zusammen, da dieser Laut meine inneren Muskeln kontrahieren lässt. „Sieh mich an, Em." Sanft legt sich seine Hand auf meine Wange und ich schaffe es mich auf ihn zu fokussieren. Auf seine Augen, die unter einem glasigen Schleier zu glühen scheinen. Mein Herz macht einen Satz und rumpelt so heftig gegen meine Rippen, dass ich nach Luft schnappen muss. Gleichzeitig treten Tränen in meine Augen. Tränen der Verzweiflung, der Sehnsucht, der Glückseligkeit. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Ich weiß nicht, was ich hören möchte. Was ich tun möchte. Was ich denken möchte.

Ben mustert mich prüfend, fängt eine einzelne Träne auf, die sich aus meinem Augenwinkel stiehlt und küsst die restlichen mit seinen warmen Lippen davon. Tröstlich fährt sein Mund über mein Gesicht. Meine Nasenspitze, meine Wangenknochen bis hinab zu meinem Kinn. Vorsichtig, fast bittend, berührt er meine Unterlippe, knabbert daran. Um Halt zu suchen, lege ich meine Hände auf seinen Rücken, drücke ihn an mich und erwidere schließlich seinen Kuss. Weil ich gar nicht anders kann. In diesen Sekunden ist er meine Luft zum Atmen. Nach Wochen, nach Monaten unter Wasser, fühle ich mich zum ersten Mal wieder frei.

„Darling", flüstert er. „Ich liebe dich." Diesmal lässt er mir keine Zeit, mich über Hormone auszulassen. Erneut verschließt er seine Lippen mit den meinen. „Ich liebe dich. Ich liebe dich. Gott, ich liebe dich." Wie einen Schwur murmelt er diese drei Worte, presst sich an mich und vergräbt seine Finger in meinem Haar. Ein Kribbeln wandert meine Wirbelsäule entlang, als ich spüre, wie er erneut hart in mir wird. Sein Kuss wird drängender, seine Tonlage verheißungsvoll. Auch wenn er immer das Gleiche sagt, klingt es mit jeder ausgesprochenen Silbe unterschiedlicher. Sein Schwur geht über in einen Befreiungsschlag und endet mit einer solchen Erotik, die mich zum Zittern bringt.

Wie von selbst schiebt sich ihm mein Becken entgegen und entlockt Ben ein Stöhnen, das sein Mantra unterbricht. Langsam gleitet er aus mir hinaus und nach einem letzten, tiefen Kuss, springt er förmlich aus dem Bett.

„Du solltest dir wenigstens eine kurze Verschnaufpause gönnen", sagt er atemlos und zwinkert mir zu, „noch dazu brauchen wir ein neues Gummi."

Röte schießt mir in die Wangen, während ich zuerst wie gebannt auf seinen erigierten Penis starre, von dem er das Kondom abzieht und es anschließend verknotet, und seinen nackten Hintern bewundere, als er in Richtung Badezimmer verschwindet. Zwar habe ich ihn schon des Öfteren leicht bekleidet gesehen, doch diesmal komme ich mir vor wie in einem Traum für junge Mädchen. Bens Beine sind schlank, aber muskulös. Sein Po ist perfekt geformt und die Muskeln unter der makellosen, gebräunten Haut an seinem Rücken arbeiten bei jedem seiner Schritte.

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt