♦ Emily ♦
Das Blut rauscht in meinen Ohren, meine Hände sind von kaltem Schweiß überzogen, als ich auf die Knie falle und meine Finger nach dem kleinen Fellknäuel ausstrecke, das ich vom Fenster des Wagens aus im hohen Gras entdeckt habe. Das Klicken der Waffen hinter meinem Rücken hallt in der Stille des Dschungels wieder. Meine Nackenhaare stellen sich auf, mein Körper ist sich der Gefahr in der ich stecke mehr als bewusst. Mein Geist jedoch kann sich nur auf dieses kleine verletzte Wesen vor mir konzentrieren. Vorsichtig berühre ich es und Tränen treten in meine Augen, als es seinen Kopf leicht hebt und mich direkt ansieht.
Ich blende alles um mich herum aus. Die aufgeregten spanischen Stimmen. Das Zuknallen der Autotüren. Das Stapfen von Füßen im Kies.
Zaghaft streichle ich über das verstrubbelte Fell, breche den Augenkontakt zu – wie ich sehe – ihm nicht ab und schluchze leise, als sein Kopf zurück ins Gras fällt. Er lässt mich gewähren, lässt mich ihn berühren und vertraut mir. Gut möglich, dass er auch zu erschöpft ist, sich noch zu wehren. Durch die schwüle und heiße Luft hechelt er stark und als ich ein Stückchen näher zu ihm aufrücke, erkenne ich eine große blutende Wunde an seiner Schulter. Ich bin mir sicher, dass er angefahren und einfach zum Sterben zurückgelassen wurde. Meiner Schätzung zu Folge kann er nicht älter als sechs Monate sein und seiner Maserung nach zu urteilen ist er ein Rottweiler-Mischling. So verkümmert wie er aussieht, lebt er schon sein ganzes Leben auf der Straße. Mein Herz blutet und Wut auf die Menschheit steigt in mir auf, die ich nur schwer unterdrücken kann. Wie kann man so etwas nur tun?
„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen!?" Bens Stimme reißt mich aus meinem Delirium, sein Tonfall lässt mich frösteln. Einen tiefen Atemzug nehmend sehe ich von dem Knäuel weg und über meine Schulter zu dem zur Bestie mutierten Ben zurück. Mit angespannten Armen und einer tief gerunzelten Stirn marschiert er auf mich zu und bleibt mit einem Meter Abstand zu mir stehen. Erst jetzt realisiere ich die vielen Männer, die sich hinter mir versammelt haben und ihre Waffen auf mich richten. Zu meiner eigenen Überraschung bleibe ich ruhig. Weder Angst noch Panik steigt in mir auf.
Meine Miene ist ausdruckslos, als ich Ben beobachte wie er sich über die Situation einen Überblick verschafft. Die Wut in seinem Gesicht weicht Überraschung, nur, um sofort wieder zu einer harten Maske zu werden, nachdem er den verletzten Hund gesehen hat. „Was zum Teufel bildest du dir ein?", zischt er.
„Er ist verletzt", erkläre ich und wende mich dem armen Tier wieder zu. „Er braucht Wasser."
„Du veranstaltest so ein Tamtam wegen eines verdammten Köters?!", spottet Ben und macht damit einen entscheidenden Fehler. Ich reagiere allergisch auf solche proletenhaften Kommentare. „Wasser. Sofort!", verlange ich in schneidendem Tonfall und werfe ihm einen giftigen Blick zu. Schlagartig legt sich eine gespenstische Stille über den Dschungel. Nichts, als das Zirpen der Insekten ist noch zu hören, wo vorher aufgeregtes Gemurmel der Männer um uns herum herrschte. Bens Nasenflügel blähen sich, sodass ich damit rechne, es würde jederzeit Rauch herauskommen. Aus dem Augenwinkel heraus erkenne ich wie sich seine Fäuste ballen, wie sich seine Füße in den Boden bohren, als suche er ein Ventil um nicht auszurasten.
Ich unterbreche unseren Blickkontakt nicht. Störrisch starre ich ihn nieder, befreit von jeglicher Angst ihm gegenüber. Es gibt momentan wichtigeres als mich.
„Emily", zischt er und ich zucke zusammen, als er einen Satz auf mich zumacht und meinen Oberarm packt. Schmerzhaft bohren sich seine Finger in meine Haut. „Sieh zu, dass du deinen sturen Arsch ins Auto bewegst", warnt er mit zusammengepressten Zähnen. „Mein sturer Arsch?! Wirklich?!" Wütend schüttle ich ihn ab und beuge mich zu dem hechelnden Päckchen hinunter. „Wenn du denkst ich lasse ihn hier liegen, dann hast du dich geschnitten. Entweder du lässt mir eine Kugel in den Kopf jagen oder wir nehmen ihn mit." Zum Ende hin murmele ich mehr als ich rede, während ich mir die Wundränder meines Schützlings ansehe und ihn nach weiteren Verletzungen untersuche. Zum Glück finde ich nichts außer einigen Insektenstichen und Zecken in seinem dicken Fell. Kein Wunder, dass ihm unter diesem Pelz so warm ist.
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
