Sixty-Three. Mind Games

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Benjamin

Was das absolut lästigste ist, ist zu viel Zeit zu haben. Zeit bedeutet, dass man die Möglichkeit hat in aller Ruhe nachzudenken. Über sein Leben. Über die Situation in der man sich gerade befindet. Über seine Familie. Über sich selbst. Und ich habe gerade mehr als genug Zeit. Schließlich hänge ich nur in einem dreckigen Kellerloch ab und blute so vor mich hin. Nicht, dass mir das etwas ausmacht. Das ist etwas, was mir mein Onkel Schrägstrich Stiefvater in vielen qualvollen Stunden eingeimpft hat; Schmerzen auszuhalten und auch in ausweglosen Situationen nicht den Kopf hängen zu lassen. Mein Kopf ist nach oben geneigt, trotz der Schmerzen die ich erleide und die von Minute zu Minute schlimmer werden. Zusätzlich zu meiner ausgekugelten Schulter, sind wohl noch ein paar Rippenbrüche dazugekommen, einige Prellungen und viele blutende Wunden, die mich leider Gottes ein bisschen schwächeln lassen.

Meiner Zeitrechnung nach zur Folge bin ich seit vierzig Minuten alleine. Um mich herum ist es still, es ist kühl und es muffelt. Ich giere nach einer Dusche, ein paar Pflastern und Ablenkung. Seitdem die Prügelburschen verschwunden sind, hämmert mein Kopf von all den Gedanken, die sich in meinem Hirn ausbreiten. Ich denke an Carmen, die ich so sehr geliebt habe, wie es für einen dummen, jungen Mann möglich war, der vorher noch niemals Gefühle zugelassen hatte. Ich denke daran, was passiert wäre, wenn sie nicht gestorben wäre. Gleichzeitig denke ich an die vielen Fehler die ich gemacht habe, die Schwächen, denen ich zugelassen habe, an die Oberfläche zu gelangen. Seit vierzig Minuten überlege ich, wie ich die Lage, in der ich mich nun befinde, hätte abwenden können.

War ich zu unvorsichtig, dass ich nicht gemerkt habe, wie Santos sich mit Alvarez zusammenschließt? Hätte ich nicht bereits vor Wochen wissen müssen, dass dieser Polizist alles tut, um an mich heranzukommen? War es unklug, mich aus dem Hinterhalt an Santos heranzuschleichen, ihn in dem Glauben zu lassen, ich würde nichts planen? Dann wäre ich nicht hier und Emily befände sich nicht in höchster Gefahr. Doch was mich wirklich krank macht ist die Frage, weshalb ich sie damals nicht wegschaffen habe lassen. Das hätte mir diesen ganzen Scheiß hier erspart. Doch auch wenn ich noch immer versuche es zu ignorieren, kenne ich die Antwort darauf. Und ich kannte sie vom ersten Augenblick an, als ich ihr hübsches Gesicht sah. Emily McMillen ist meine größte Schwäche - und mein schlimmster Feind hat das erkannt, bevor ich es selbst erkennen konnte.

Schnaubend presse ich die Lider aufeinander, schüttle mit dem Kopf und starte einen weiteren Versuch mit meinen Händen irgendwie an meine Fußknöchel zu gelangen, wo ich ein Messer versteckt habe. Mir fehlen ein paar Yogastunden, wie ich nun feststelle. Meine Stirn ist von Schweiß benetzt, mein Herz hämmert vor Anstrengung und all dem Tamtam in meinem Hirn und ich keuche, während ich mir beinahe das Rückgrat breche. Ich gebe auf, gönne meinem Körper erneut eine kurze Pause zum Regenerieren. Gedanklich singe ich Paint it, Black von den Stones, stoße einen frustrierten Laut aus, als mein eigens generiertes Ablenkungsmanöver ein weiteres Mal gegen die Zeit verliert.

Ich frage mich, wie alles gelaufen wäre, wenn meine Eltern nicht gestorben wären. Es ist ein stilles Geheimnis, dass ich das Böse in den Genen stecken habe. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich einen Menschen getötet habe. Es war ein sonniger Donnerstag vor vierzehn Jahren, mein dreizehnter Geburtstag war erst wenige Tage vergangen und mein Onkel rief mich nach einer anstrengenden Trainingsrunde im Boxring in sein Büro. Für mich war es ein Privileg, diese heiligen Hallen zu betreten und es überraschte mich nicht, dass ich ihn zusammen mit seinen Männern vor seinem massiven Schreibtisch wiederfand, ein älterer Mann zwischen ihnen kniend. Ich wusste was er tat und wer er war. Im Gegensatz zu seinem hellen Sohn, hatte ich ziemlich schnell gerafft, was für Geschäfte er am Laufen hatte.

Seine Augen strahlten, seine Körpersprache war wie immer dominant, herrschend und herabschauend. Mit einer Handbewegung lockte er mich zu sich, stellte sich hinter mich, legte seine Finger auf meine Schultern und ließ mir ein scharfes Messer in die Hände geben. Der alte Mann, der weinend und bettelnd vor mir saß, hatte etwas von seiner Ware gestohlen, wie er mir erklärte. Bevor mein Onkel seine Erläuterung beendet hatte, hatte ich ihm die Kehle aufgeschlitzt.

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt