♦ Emily ♦
Zittrig nach Luft schnappend streiche ich meinen Rock glatt und schließe für wenige Sekunden meine Augen, ehe ich die Türklinke herunterdrücke und den langen Gang betrete. Meine vorherige Euphorie, es Ben mal so richtig zu zeigen, hat sich nun doch etwas in Luft aufgelöst. Sich mit ihm anzulegen gleicht einem beißenden Hund die Kehle darzubieten. Dennoch ist es mir das Risiko wert. Egal, ob ich mich in seinen Fängen befinde und mich von ihm als Frau gedemütigt fühle. Ben wird mir nichts tun. Da bin ich mir eigentlich ziemlich sicher - was die körperliche Ebene anbelangt. Bis jetzt hat er mich beschützt; so irgendwie. Wie alles an meiner Situation, an ihm, ist auch das so gegensätzlich wie schwarz und weiß. Doch ich brauche das für mich, ihm die Stirn zu bieten. Ihm ein für alle Mal zu zeigen, dass ich kein treudoofes Hündchen bin, das alles tut was er verlangt. Es ist das eine, dass er mich gefangen hält und ebenso behandelt. Aber das andere ist, dass er mich unterschätzt und mir nicht zutraut, sehr wohl gegen ihn ankommen zu können. Seitdem ich meinen Bruder gesehen habe ist es wichtiger denn je, dass ich einen Weg aus dem Labyrinth finde um zu ihm nach Hause zurück zu kehren. Und ich glaube, dass dieser Weg durch Bens Vertrauen zu finden ist, das ich nur erlangen kann, indem ich ihm mein Durchsetzungsvermögen zeige. Ich bin kein armes verschrecktes Mädchen, das sich von ihm behandeln lässt, wie er es sich gerade denkt. Falls ich damit falsch liegen sollte, dass er mir nichts tut, dann bin ich zumindest schlauer. Vielleicht bricht er mir ebenso das Genick und ich bin nicht mehr ständig seinen Allüren ausgesetzt. Sollte ich ihn jedoch zur Weißglut bringen und er bleibt trotzdem verhältnismäßig zahm, wird es sicherlich leichter zu fliehen.
Gut möglich, dass mir der Sport und das Training mit Carlos zu neuer Energie verholfen haben. Mein Kopf fühlt sich seltsam befreit an, meine Gedanken sind klar. Klarer, als ich es in den letzten Wochen behaupten kann. Trotz des mulmigen Gefühls in meiner Magengegend und der Nervosität, die sich seit gestern noch in Bens Gegenwart verschlimmert hat, schöpfe ich all meinen Mut zusammen und trete die Treppen hinab. Jetzt sind lediglich meine Schauspielkünste gefragt.
Er steht am unteren Treppenabsatz, seine Finger tippen ungeduldig auf dem Geländer herum. Er meidet meinen Blick. Aber ich kann sehen, wie sich seine Haltung verändert. Wie sich seine breiten Schultern straffen, seine Hände sich anspannen und seine Gesichtszüge sich verhärten. Wenn ich mich nicht täusche, kann ich sogar ein leichtes Aufflackern seiner blauen Augen erkennen, als er mein Outfit mustert. Mich kostet es große Kraft, nicht zu zappeln oder gar meine Hände vor der Brust zu verschränken. Der graue Bleistiftrock ist eng, verbirgt nichts von meinen Kurven und die taillierte rote Bluse hat einen gewagten Ausschnitt. Zwar trage ich ein Spitzenverziertes Top darunter, doch unter seinem prüfenden Blick fühle ich mich nackt.
„Regel Nummer vier; ich hasse Unpünktlichkeit", brummt er und macht auf dem Absatz kehrt. Meine Mundwinkel zucken und ich gebe meiner innerlichen Zicke ein überschwängliches High-Five. Der erste Punkt ihn auf die Palme zu bringen, ist bereits geglückt. Logisch, dass ein Kontrollfreak wie er es ist, es erwartet pünktlich zu erscheinen.
Ich versuche mit seinem schnellen Gang Schritt zu halten und lasse mich möglichst grazil auf die Rücksitzbank des SUV's gleiten, dessen Tür er mir aufhält. Noch immer hat er mich nicht direkt angesehen, sondern spielt konzentriert an seinem Smartphone herum, das er auch noch zwischen den Fingern hält, als er sich neben mich setzt. Carlos sitzt hinter dem Lenkrad und ich lächele ihm vorsichtig über den Rückspiegel zu. Es beruhigt mich, dass er auch hier ist. Sei es noch so komisch, da ich vor noch wenigen Stunden eine wahnsinnige Angst vor dem Riesen hatte.
Der Wagen setzt sich in Bewegung und ich schnaufe tief durch, bereit meinen Plan in die Tat umzusetzen. Mit einem deutlichen Räuspern versuche ich Ben's Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. „Ich möchte täglich ein Update meines Bruders sehen", sage ich und bin stolz, dass meine Stimme so fest klingt, wie ich mir das ausgemalt habe. Sein Kopf ruckt herum und ich vergesse kurzzeitig zu atmen, als sein Blick mich wie so oft gefangen nimmt. „Du möchtest?", schnaubt er.
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Afraid of you
Misterio / SuspensoKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
