Eighty-Five. Reunion

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♦ Benjamin ♦

Gott, es tut so gut sie zu spüren. Es tut so gut ihren Duft zu riechen, ihre weiche Haut an meiner zu fühlen. Es kostet mich meine ganze Selbstbeherrschung nicht über sie herzufallen wie ein ausgehungerter Löwe. Sieben verdammt lange Monate habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Und man muss mir zu Gute halten, dass ich mich halbwegs kontrollieren kann. Geduld würde ich nämlich nicht unbedingt zu meinen Stärken zählen.

Emilys Atem geht schnell, ihre betörenden Lippen zittern an meinen Fingern.

„Ich werde meine Hand von deinem Mund nehmen und du wirst nicht schreien", sage ich leise, aber dennoch mit der nötigen Schärfe, sodass sie weiß, dass ich es ernst meine. Ich kann gut und gerne darauf verzichten einen besorgten Nachbarn das Hirn aus dem Schädel zu pusten. Das würde nur für unnötige Komplikationen sorgen. „Hast du verstanden?" Ich kann nicht wiederstehen und drücke meine Lippen hauchzart auf die Stelle unter ihrem Ohr. Ihr Geschmack raubt mir die Luft. Sie erschaudert und nickt kaum merklich, woraufhin ich zögerlich meine Hand wegnehme und im Stillen an ihre Vernunft appelliere. Tatsächlich tut sie einmal, was ich ihr sage und hält den Mund. Alles was ich höre, ist ihr stoßartiges Luftholen. Ihre Brust hebt und senkt sich schwer unter meinem Unterarm und ich ziehe sie noch ein bisschen näher an mich heran. Ich atme sie ein. Ich sauge ihre Angst, ihre Wut in mir auf. Ich nehme alles was ich von ihr kriegen kann. Zu lange habe ich gewartet. Zu lange habe ich geglaubt den Verstand zu verlieren, da mich die Sehnsucht nach ihr beinahe zerfressen hat.

„Braves, Mädchen", flüstere ich.

Ihre Schultern ziehen sich nach oben, ihr Nacken krampft an meinem Mund und so schwer es mir auch fällt, sie wieder loszulassen, zwinge ich mich dazu. Sie übertreibt ein bisschen, finde ich. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass sie im ersten Moment verschreckt sein würde, aber ihre Panik überrascht mich dann doch.

Sofort als ich meinen Arm von ihr löse, hechtet sie von mir davon und drückt sich gegen den kleinen Wandabschnitt zwischen Küche und Fenster. Wild gehen ihre Augen hin und her, auf der Suche nach einem Ausweg, den es nicht gibt. Bevor sie zur Tür hereinkam, hatte ich genug Zeit mich in dem kleinen Appartement umzusehen, das diesen Namen eigentlich gar nicht verdient hat. Eher mickrige Bruchbude. Abgesehen von einer kleinen Küchenzeile, einem klapprigen Bett und einem winzigen Bad, in dem ich Platzangst bekomme, gibt es hier nichts. Es ist mir ein Rätsel, wie sie es monatelang hier drinnen ausgehalten hat. Zumindest hält sie es sauber, sonst hätte ich sie zu aller erst hier rausgeschleift. So, kann ich ihr zumindest das Zugeständnis machen, dass sie sich erstmal in einer gewohnten Umgebung mit mir aufhält. Das finde ich äußerst freundlich von mir, nachdem ich solche Qualen erleiden musste, bis ich sie nun endlich vor mir steht.

Sieben Monate der Ungewissheit, der Verfolgungsjagd, der Frustration.

Diego hat es sich zur Aufgabe gemacht mir permanent auf den Sack zu gehen, mich zu reizen und meine Mordlust auf ein neues Level zu bringen, die mittlerweile dem eines wilden Tieres gleicht. Außer einigen Informationen über den Wagen, den sie benutzt hat, den Weg, den sie gefahren ist, und das Geld, das er ihr hinterlassen hat, hat er mir nichts gegeben. Trotz aller Bemühungen meiner Männer, ist er mir durch die Lappen gegangen und hat sich womöglich am anderen Ende der Welt abgesetzt. Er kennt mich zu gut, kennt meine Tricks, meine Leute und meine Besessenheit. Und all das konnte er hervorragend gegen mich verwenden.

Also musste ich wohl oder übel einer Brotkrümelspur hinter Emily herjagen. Ich hatte versucht mich in sie hineinzuversetzen und jeden gottverdammten Flughafen in den Staaten und Kanada im Auge behalten. Wie ich jedoch mal wieder lernen musste, tut mein irischer Engel nicht das, was man von ihr erwartet. Sie ist nicht in den nächstbesten Flieger nach Hause gestiegen. Sie ist nicht bei der Polizei aufgelaufen und ebenso hat sich nicht das Konsulat aufgesucht. Stattdessen ist sie von Stadt zu Stadt gefahren und unter meinem Radar durchgeflogen. Hätte sie nicht ihre Mutter aus einer Telefonzelle angerufen, dann.... Dann wäre ich mittlerweile vermutlich zum Serienkiller mutiert. Diese eine Spur, dieses eine Lebenszeichen, war alles was ich brauchte um mich zu ihr durchzuschlagen. Zu meinem eigenen, verfickten Glück.

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt