♦ Benjamin ♦
Angespannt starre ich in ihr Gesicht. Beobachte die Tränen, die über ihre geschwollenen Wangen fließen, ihre bebende Unterlippe und das schwere Heben und Senken ihrer Brust. Ihr Blick ist durch ihre glänzend nassen Wimpern nach unten gerichtet, ihre Körperhaltung eingeknickt. Wahrscheinlich ist es meinem Schwanz zuzuschreiben, dass ich letztlich durch ihre plötzliche Unterwürfigkeit zaghaft nicke, jedoch trotzdem erstmal aus dem Raum fliehe. Mit hastigen Schritten trete ich über die gegenüberliegende Türschwelle, steuere die Bar in meinem Schlafzimmer an und gieße mir ein Glas mit Bourbon voll. Ich trinke es auf ex, genieße das brennende Gefühl in meiner Kehle und schenke es mir gleich wieder voll. Mein Magen kribbelt, meine Hände sind angespannt und ich atme tief durch, ehe ich mich auf den Weg zurück zu ihr mache.
Es ist mir schleierhaft, weshalb ich ihre Bitte nicht ausgeschlagen und einfach lachend verschwunden bin. Ist es tatsächlich diese körperliche Anziehung die sie auf mich ausübt? Das kann ich schließlich nicht leugnen. Zu dem Bild wie sie gefesselt und ängstlich auf dem Stuhl sitzt, gesellt sich ein weiteres dazu; sie, nackt und die Hände über dem Kopf angekettet. Mir ausgeliefert. Nur wäre es zur Abwechslung mal ganz schön, wenn sie dabei nicht panisch und blutüberströmt wäre.
Meine Handinnenflächen jucken, als ich vor der Tür zu ihrem Zimmer stehen bleibe und mein Blick den langen Gang entlanggeht. Es wäre mir das reinste Vergnügen die verbliebene Wut in meinen Venen an dem miesen Dreckskerl in meinem Keller rauszulassen, ihn langsam und Stück für Stück aufzuschneiden. Ihn genauso auszupeitschen wie sie, die Furcht in seinen Augen zu sehen.
Tief Luft schnappend schüttelte ich den Kopf, verdränge meine Begierde und drücke die Klinke nach unten. Emily sitzt weiterhin eingeknickt auf dem Stuhl, jedoch sieht sie nun erwartungsvoll zu mir. Ihre Augen strahlen vor Erleichterung und an ihren kleinen Fingern kann ich erkennen, wie sie sich fest ineinander krallen. Wie ihre Tränen wohl schmecken?
Es ist mir wohl bewusst, dass ihre neuerliche Demut lediglich mit den Ereignissen der Nacht zu tun haben. In ihr steckt noch immer das aufmüpfige, vorlaute und biestige Gör, wie noch vor zwei Wochen. Doch jetzt habe ich das erste Mal das Gefühl, dass man ihr eben genau das austreiben kann. Dass sie endlich akzeptiert, dass ihre Versuche zum Widerstand zwecklos sein werden. Und meine Pläne mit ihr verändern sich just in diesem Augenblick.
Mit langsamen, wohl bedachten Schritten nähere ich mich ihr und lasse sie dabei nicht aus den Augen. Ich kann sehen, wie sie Luft holt, mich beobachtet, wie ich mich mit meinem Glas in den Fingern ihr gegenübersetze. Ihre Lippen formen einen stummen Dank. Ich nippe von meinem Bourbon und obwohl ich spüren kann, wie sich dessen Wirkung langsam in mir entfaltet, krame ich nach der Zigarettenschachtel in meiner Hosentasche. Ein dummes Laster, jedoch würde ich ohne Nikotin wohl ziemlich oft aus meiner Haut fahren.
Schniefend wischt sich Emily ihre Tränen davon, scheint einen inneren Kampf mit sich auszufechten und sie richtet ihre grünen Katzenaugen direkt auf meine. Es scheint sie große Anstrengung zu kosten, meinem Blick standzuhalten und ich finde diese ganze Wendung durchaus interessant.
Es fasziniert mich, dass sie nach all dem was ihr bisher zugestoßen ist noch immer halbwegs aufrecht vor mir sitzt. Das Feuer in ihr ist nicht erloschen, gar habe ich das Gefühl, als wäre es erst richtig entfacht worden. Ich bin mir sicher, dass hinter dieser unschuldigen Miene, der perfekten Haut, den seidigen Haaren und den Kurven ein wahrhaftes Mysterium steckt, das meine Neugierde immer weiter erweckt. Von Minute zu Minute. Von Sekunde zu Sekunde, in der sie mich mit diesem funkelnden Augenaufschlag ansieht.
„Wieso hast du mich gerettet?", fragt sie. Es kommt unerwartet und ich kann mir zwecks ihrer unverblümten Art ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wäre ein Dankeschön nicht eher angebracht, als meine Heldentat zu hinterfragen?"
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
