♦ Benjamin ♦
Das Lächeln fällt mir bei dem in meinem Kopf eingemeißelten Bild, der in der Bibliothek gefesselten Emily, nicht schwer, aber mein Herz flattert dennoch unruhig in meiner Brust, als ich auf die Eingangstür zugehe und durch die Glastür bereits die Uniform der Bullen ausmachen kann. Mein üblicher Kontaktmann bei der Polizei würde niemals unangemeldet hier auftauchen. Dass gerade heute mein ganzes Personal fehlt, ist natürlich auch nicht unbedingt ein Pluspunkt. Wenn sie einen Durchsuchungsbefehl für mein Haus haben, dann bin ich geliefert.
Die Koksplantage im Dschungel läuft offiziell auf einem anderen Gelände und ist damit unantastbar – dafür hat mein Vorgänger gesorgt -, aber wie ich den halb verrottenden Emanuel im Keller und die entführte Irin im Zimmer nebenan erklären soll könnte schwierig werden.
Ich schnaufe tief durch, überprüfe am Bund meiner Hose nochmals ob meine Waffe geladen ist und öffne mit meinem charmantesten Lächeln die Tür. Mit viel Glück ist einer der beiden eine Frau. Doch heute verfolgt mich eher eine Pechsträhne. Am liebsten hätte ich die beiden Idioten aus Lust und Laune dem Erdboden gleichgemacht. Sie erwischen mich heute auf dem falschen Fuß und haben mich um meine längst verdiente Zweisamkeit mit meinem blonden Engel gebracht. Das wäre eigentlich Grund genug. Nur, ist es immer schwierig den Tod von Polizisten zu vertuschen.
„Meine Herren! Was verschafft mir das Vergnügen?" Ich kenne die beiden nicht. Der Kerl, der rechts steht, sieht aus als stünde er kurz vor der Rente und sein Bauch veranlasst mich dazu, mich etwas weiter nach links zu neigen, aus Angst, er würde gleich platzen. Der andere Cop ist dagegen verflucht jung. In meinem Alter, vielleicht ein paar Jahre jünger und seine dunkelblonden Haare verraten, dass seine Vorfahren keinesfalls Kolumbianer sind.
„Senior Clarke." Der Junge nickt mir zu, hebt seine Marke auf der ich den Namen ‚Tobias Alvarez' lesen kann und sieht mir unverblümt in die Augen. Ohne Angst, ohne Respekt. Das kommt selten vor und ich kann behaupten, dass ich mich darüber ärgere. Jeder in Kolumbien kennt meinen Namen, weiß wer ich bin und zu was ich im Stande bin. Selbst wenn all das unter dem Radar abläuft, gibt es normalerweise keinen Bullen, keinen Rivalen und keinen noch so kleinen Bastard, der mir gegenüber so auftritt. Zumindest hat der Knabe keinen Durchsuchungsbefehl, sonst hätte er ihn bereits rausgeholt. Trotzdem könnte Alvarez zu einem Problem für mich werden, das sehe ich ihm an. „Dürften wir vielleicht eintreten und Ihnen ein paar Fragen stellen?"
„Um was geht es?", frage ich und bitte die beiden dennoch höflich hinein. Der Fettsack stapft voran, steuert sofort das Wohnzimmer an und sein Kollege mustert mich mit einem spöttischen Grinsen, während er an mir vorbeigeht. Er darf gerne denken, dass ich mich bis soeben noch mit einer Nutte vergnügt habe und deswegen aussehe wie frisch aus dem Bett gefallen. Das lenkt von der Wahrheit ab und außerdem bestätigt es nur meinen Ruf. „Bitte." Ich zeige auf das Sofa und beobachte Alvarez, wie sein Blick durch den Raum schweift und an dem Einschussloch im Türrahmen kleben bleibt. Mit schwitzigen Händen nehme ich gegenüber der beiden Platz und bete, dass meine provisorischen Fesseln halten werden. Diegos Worte kommen mir wieder in den Sinn und ich verfluche den Mistkerl dafür, dass er Recht haben könnte. Zumindest mit dem ‚um die Ohren fliegen'-Teil. Besessen bin ich schließlich nicht von Emily – ich will sie nur besitzen, sie zu meinem Eigen machen.
„Weshalb wir hier sind, Senior", Alvarez kramt in seinen Innentaschen und wirft einen Packen Fotos zwischen uns auf den Tisch, „wir sind auf der Suche nach einer gewissen Emily McMillen und wir sind bei unseren Ermittlungen auf diese beiden Männer gestoßen. Zeugenaussagen nach zu urteilen, wurde unsere Vermisste zuletzt mit den beiden Männern gesehen. Kennen Sie sie?" Mit verzogenen Mundwinkeln blicke ich direkt auf die Gesichter von Jesus und Miguel, die in einem kleinen Supermarkt stehen und von der Überwachungskamera aufgenommen wurden. Auf den nächsten Fotos ist auch Emily in der gleichen Location zu sehen und es folgen weitere, offizielle Bilder, die bereits überall in den Nachrichten die Runde gemacht haben.
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Afraid of you
Misterio / SuspensoKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
