♦ Benjamin ♦
„Wir gehen rein, bei fünf...vier..." Carlos' geflüstertes Brummen zischt durch den kleinen Knopf in mein Ohr. Meine Finger zucken am Abzug meines Sturmgewehres. Die Munition an meinem Gürtel scheint zu vibrieren und die Klingen meines Jagdmessers und der Bundeswehrklinge glühen an meiner Haut. Der Takt meines Herzens ist ruhig, doch mein Blut kocht dennoch. Ich habe das dringende Bedürfnis jemanden abzuschlachten. Vorzugsweise Santos. Zuerst werde ich mich aber mit jedem Motherfucker zufriedengeben, der sich mir in den Weg stellt. Ich durste nach Blutvergießen. Ich will den verdammten Geschmack von Tod auf meiner Zunge schmecken. Ich will Verderben, Angst.
Rache.
Die Ader an meiner Schläfe pulsiert, meine Finger spannen sich weiter an. „...null." Gebrüll bricht aus, Donnern, Knallen, Schüsse. In meinen Ohren klingt es wie Engelsgesang. Mit einem Schrei, der tief aus meiner Kehle dringt, breche ich die hölzerne Tür vor mir ein, ziele in den dunklen Raum hinein und blinzele. Leer. Es wird ruhiger, die Schüsse verklingen, das Geschrei verstummt. Gespenstische Stille legt sich um mich herum.
„Was zur Hölle...?", murmele ich. Die Waffe noch immer im Anschlag, sehe ich mich um, betrachte die Tische, auf denen schmutzige Gläser und angetrunkene Flaschen stehen. Mustere die umgefallenen Stühle, eine Zigarette liegt auf dem Boden und qualmt am Filter hinunter.
„Boss? Hier ist kein Schwein." Carlos Stimme an meinem Ohr bestätigt meinen Verdacht. Dennoch könnte das alles nur eine Falle sein und die Wichser stehen bereit, um uns aus dem Hinterhalt anzugreifen. Zumindest hoffe ich das. Wenn Santos abgehauen ist, dann ist Emily auch weg. Dann ist sie mir schon wieder durch die Finger entglitten.
Mit geblähten Nasenflügeln sehe ich mich weiter um. Das alte Parkett knarzt unter meinen bedächtigen Schritten, die Stille ist ohrenbetäubend. Aus der Ferne höre ich Holz knacksen und kurz darauf einige meiner Männer über Funk, die mir bestätigen, dass auch das umliegende Gelände sauber ist. Knurrend trete ich durch die große offene Tür am Ende des Raumes und meine Hände ballen sich zu Fäusten, als sich der Anblick des Kamerastativs in meine Netzhaut brennt. Meine Fingerknöchel knacken unter der Anspannung und auch die Sehnen an meinem Hals spannen sich unter meinen Muskeln fest an. Das ist der Raum, indem er mich angerufen und dafür gesorgt hat, dass ich alles sehen kann, was er mit Emily anstellt. Ich werde niemals die Bilder vergessen, wie er sie geschlagen hat. Werde niemals den Ton aus meinem Gedächtnis löschen können, wie sie wimmerte und schrie. Fuck, ich werde niemals das Gefühl loswerden, wie mein Herz brach, als er sie gepackt und angefasst an. Meinetwegen.
Es grenzte an körperliche Qualen ihm zusehen zu müssen, wie er sich an meinem Mädchen vergreift. Und Gott weiß, dass ich bisher jede beschissene Folter mit erhobenem Haupt ertragen habe. Aber das... das war schlimmer als alles, was man einem Mann antun kann. Und Santos wusste es. Ich habe zugelassen, dass er meinen einzigen Schwachpunkt findet und ihn gegen mich nutzt. Noch dazu macht es dieses verrückte Schwein an, seine Taten per Live-Stream zu übertragen. Das war schon als Jugendlicher sein krankes Faible.
Bevor ich weiß, was ich überhaupt tue, marschiere ich auf das Stativ zu, packe es und schleudere es mit aller Wucht gegen die Wand. Schreie lösen sich aus meiner Kehle, meine Knie schlottern, während ich zu dem Tisch gehe, auf dem sie gelegen hat und ihn mit einem heftigen Tritt in zwei Teile zerbreche. Ich greife nach den Stühlen, knalle sie auf den Boden, schmeiße die übrig gebliebenen Holzteile quer durch das Zimmer. Ich spucke auf die Stelle am Boden, an der er sie unter seinem schweren Körper begraben hat. Rasend vor Wut packe ich mir ein Stück Holz und schwinge es gegen die großen Fenster, die unter meinen bebenden Fingern zerspringen. Glassplitter fliegen durch die Luft, das Holz knirscht in meiner angespannten Hand.
„Verfickte. Verfluchte. Scheiße!", brülle ich.
Wie kann es sein, dass er mir schon wieder einen Schritt voraus ist?! Ich war der festen Überzeugung ihn in den nächsten 5 Minuten an den Eiern gepackt hier raus zu schleifen. Stattdessen hat sich der Penner verpisst, als er gemerkt hat, dass ich die Live-Übertragung unterbrochen habe. Entgegen der Meinung meiner Männer, die glaubten, es würde meine Aussagen Lügen strafen, wenn ich so überstürzt handele, habe ich sofort als ich den Standort geortet habe den Angriff erklärt. Diese verlassene Villa liegt nicht einmal dreißig Meilen von dem Standort entfernt, an dem ich mich mit Carlos und sechs weiteren Kerlen versteckt habe. Dennoch ist hier niemand mehr. Dennoch ist Emily weiterhin in den Fängen meines größten Feindes, der weiß Gott was mit ihr anstellt. Das zweite Mal in meinem Leben verstehe ich was Verzweiflung und Hilflosigkeit bedeuten. Was sie mit dem Inneren eines Menschen anstellen können.
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
