♦ Emily ♦
„Emily! Ich sag es dir jetzt ein letztes Mal!", brüllt Ben durch die Tür hindurch und hämmert wie ein Verrückter dagegen, „du hast noch genau zehn Minuten Zeit und wenn du bis dahin nicht eins dieser Scheißkleider trägst, dann breche ich die Tür auf und schleppe dich meinetwegen auch nackt mit. Hast du gehört?!" Nochmals tritt er mit dem Fuß gegen das massive Holz, vor das ich die Kommode geschoben habe, und stößt einen weiteren Fluch aus. Ich äffe ihn nach, kann mir bildlich vorstellen, wie die Adern an seinem Hals vor Wut hervortreten und wie seine Augen förmlich Funken sprühen. Nach dem nächsten Schlag gegen die verbarrikadierte Tür, strecke ich die Zunge raus und stampfe wütend mit dem Fuß auf. Dieses Theater geht seit einer guten Stunde so. Zuerst hat Maria versucht mich zu überreden, dann kam Carlos und seit zehn Minuten hat sich der Boss höchstpersönlich dazu herabgelassen an meine Tür zu schlagen und mit Drohungen um sich zu schmeißen. „Du weißt, dass ich das ernst meine!" Leider weiß ich das. Und das ist leider auch der Grund dafür, warum ich vor mich hin motzend zum Schrank marschiere und die Türen aufreiße, sodass es sie beinahe aus den Angeln hebt. Mir war eigentlich von Anfang an klar, dass der Plan mich in meinem Zimmer einzuschließen, zum Scheitern verurteilt ist. Dennoch war es einen Versuch wert. Man wird jawohl noch hoffen können, dass selbst solche Hitzköpfe, wie Ben einer ist, irgendwann nachgeben würden. Selbst wenn ich es natürlich besser weiß.
Innerlich fühle ich mich besiegt, doch ich straffe meine Schultern, scanne mit den Augen das Innenleben meines überfüllten Schranks und greife zielgerichtet nach einem Bügel. Das purpurne Kleid ist hochgeschlossen, geht im Bleistift Stil bis über meine Knie und hat Ärmel aus Spitze. Wenn ich schon dazu gezwungen werde, wieder auf Santos treffen zu müssen, dann möchte ich keinesfalls zu viel Haut zeigen. Schnell schlüpfe ich in ein paar schwarze Stilettos, schnappe mir eine passende Clutch, schüttele meine Haare auf und setze mich aufs Bett um zu warten.
Soll er doch die Tür aufbrechen.
Mir ist klar, dass ich die kindische Zicke raushängen lasse, aber das ist mir echt egal. Was erwartet er? Dass ich nach der Vorstellung von heute Morgen liebevoll lächele und ihn auch noch höflich darum bitte, mitkommen zu dürfen?! Never!
Mir haben Santos' Kommentare gereicht und mir kommt auch wieder ins Gedächtnis, wie er von Abnehmern und Gewinnteilung gesprochen hat. Seit Bens Ignoranz traue ich ihm alles zu. Nur leicht werde ich es ihm nicht machen. Ganz. Sicher. Nicht.
Im Kopf zähle ich bis zehn, und pünktlich wie immer, klopft es in diesem Augenblick gegen die Tür. „Emily!" Der Türknopf knarzt unter Bens aggressivem Rütteln und ich kraule seelenruhig Peewees Ohren, der entspannt zu mir auf schielt. „Also gut, du willst es ja nicht anders!", schimpft er und ich lausche seinen Schritten, die sich etwas entfernen. „Alles gut, Mäuschen. Nicht erschrecken", flüstere ich Peewee zu. Dann knallt es und ich zwicke die Augen zusammen, als die Kommode ein Stück über den Boden rutscht. Peewee wird ein wenig unruhig und ich streichele ihn weiterhin besänftigend, während der nächste Rums die Stille stört. Holz kracht auf Holz, die schwere Kommode schabt über den teuren Parkettboden und wird von einer starken Hand weiter in den Raum geschoben, bis Bens Gestalt den Türrahmen ausfüllt.
Meine Coolness war bisher ziemlich einfach zu wahren, doch jetzt, da ich ihn wie einen sündigen Racheengel vor mir stehen sehe, die festen Muskeln angespannt, das Gesicht zu einer wütenden Miene verzerrt, muss ich doch schlucken. Nicht aus Angst, nicht aus Furcht. Diese hat sich in den letzten Tagen fast komplett verflüchtigt. Sondern aus Begehren. Aus Scham. Aus Erinnerungen.
In den letzten Stunden war es einfach zu verdrängen, was sich zwischen uns abgespielt hat. Zu vergessen, dass seine Finger, sein Mund und seine Zunge meine Gehirnmasse verflüssigt hatten. Jetzt geht das nicht mehr. Sein Haar, dass aussieht, als wäre er tausendmal mit den Fingern hindurchgefahren, lässt mich daran denken, wie meine Hände es zerwühlt haben. Seine Lippen, die zu einer festen Linie zusammengepresst sind, erwecken in mir das Bedürfnis sie weich zu küssen. Und seine funkelnden Augen, die sich in meine bohren, sollen mich am besten immer so ansehen.
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Afraid of you
Misterio / SuspensoKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
