Sixty-Seven. Deafness

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Emily

Ich fühle nichts. Ich bin innerlich taub, regungslos. Eine solch beängstigende Leere hat mich eingeholt, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Zwar spüre ich Peewees Wärme, spüre sein weiches Fell auf meinen nackten Beinen, doch ich kann dieses Gefühl nicht greifen. Ich kann es nicht um meine Seele legen und mich darin suhlen. Alles wozu ich im Stande bin ist die Waffe fest zwischen meinen Fingern umklammert zu halten. Exakt so, wie es mir befohlen wurde. Mehr kann ich nicht tun, mehr kann ich nicht denken.

Nun bin ich völlig alleine, völlig verlassen in einem fremden Land, das sich mir bisher von seiner schrecklichsten Seite gezeigt hat. Ben ist vermutlich ebenso tot wie alle anderen. Bei diesem Gedanken glaube ich so etwas wie einen Stich in meiner Brust zu fühlen, doch er ist so gering, dass ich ihm keine Beachtung schenke. Rechts von mir höre ich knarzende Äste und ich packe die Pistole fester. Sie anzuheben oder mich umzusehen, wäre ein zu großer Kraftakt. Letztlich ist es sowieso egal. Mein Kampfgeist ist wie Wasser aus mir herausgeflossen und im Erdboden unter mir versickert. Ich bin es leid zu kämpfen, ich bin es leid mich zu wehren und mich an die Hoffnung zu klammern, die von Anfang kaum vorhanden war.

Kolumbien wird meine letzte Ruhestätte werden, das ist mir nun klar. Womöglich sogar genau dieser Ort, versteckt hinter einem umgefallenen Baum, hineingekauert in ein kleines Eck voll mit Gestrüpp und Schmutz. Mittlerweile kommt mir genau das nicht einmal mehr schlimm vor. Ruhe zu haben, Frieden zu haben, erscheint mir plötzlich äußerst verführerisch.

Tief in meinem Hinterkopf beginnt es leicht zu klopfen und ich glaube die Stimme meines Vaters flüstern zu hören, dass man niemals aufgaben darf, da Aussichtslosigkeit nicht existiert, doch ich ignoriere sie. Das alles hat keinen Sinn mehr.

Peewee beginnt leicht zu zappeln, hebt seinen Kopf, der bisher an meiner Schulter geruht hat und hechelt. Es dauert, bis ich seine Bewegungen wirklich verarbeiten kann und meinen Blick ebenso wie er nach vorne richte. Blau. Kaltes, stürmisches Blau bohrt sich in meine Augen und macht mich ganz schummrig.

Kurz glaube ich bereits tot zu sein und von Ben höchstpersönlich an der Himmelspforte empfangen zu werden, doch meine Umgebung verändert sich nicht. Noch immer umgibt mich die schwüle Hitze des Dschungels, die kühle Waffe liegt schwer in meiner Hand und Peewees Fell kitzelt meine nackte Haut.

Verwirrt hole ich Atem, versuche die Luft bewusst in meine Lungen zu saugen und meinem Herzschlag zu lauschen. Langsam wandern meine Augen über harte, markante Gesichtszüge, die so schön sind, dass sie einer Sage entstammen könnten, weiter über einen zuckenden Adamsapfel und hinunter über einen gestählten Männerkörper, von dem ich weiß, wie gut er sich unter meinen Fingerspitzen anfühlt. Mein Mund klappt auf, als wollte er etwas sagen, doch ich bringe keine einzige Silbe über meine Lippen. Meine Kehle ist fest zugeschnürt, verborgen liegt meine Stimme hinter der Leere in meinem Innersten, die schleichend langsam wie ein Glas zersplittert.

Erneut richte ich meinen Blick auf Bens frostige Augen, die sich in mich graben und einen weiteren Splitter in meine Fassade reißen. Seine geschwungenen Lippen bewegen sich, doch ich höre nichts. Mit einem Mal geht ein Ruck durch seinen Körper, rasend schnell beugt er sich nach vorne und ich schnappe auf, als seine großen Hände mein Gesicht umgreifen. Sein Griff ist fest, doch er streichelt im starken Kontrast ganz sanft mit den Daumen über meine Wangenknochen.

„Darling? Geht's dir gut? Darling?", flüstert er. Der Klang seiner Stimme treibt mir Tränen in die Augen, die mir die Sicht auf sein schönes Gesicht verschleiern. Mehr als ein zaghaftes Nicken bekomme ich nicht hin. Vor wenigen Sekunden hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen und mir gewünscht es wäre endlich vorbei. Also geht es mir gut? Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass die lähmende Leere sich Stück für Stück in einen tosenden Sturm der Gefühle verwandelt.

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt