♦ Emily ♦
Es dauert eine Weile, bis meine gebrechlichen Knochen die Kraft aufbringen können, um sich vom Boden zu entfernen. Unter Schmerzen schlurfe ich durch das Zimmer, visiere direkt das Fenster an, hinter dem ein dicker Rollo das Tageslicht verbirgt. Meine Hände umschließen das kühle Metall und ich beiße mir fest auf die Zunge, als ich den Griff langsam zur Seite drehe, um es zu öffnen. Doch natürlich ist es verschlossen. Das hätte ich mir beinahe denken könnten. Mein Blick geht durch den Raum, fällt auf die Klamotten auf dem Bett und ich schüttle ungläubig den Kopf. Mir will weiterhin keine Erklärung für all dies einfallen und ich schleppe mich mühselig zu der Tür, hinter der Ben das Bad benannt hatte. Es ist groß. Luxuriös und keinesfalls kolumbianischer Standard. Unter anderen Umständen hätte ich ein Bad wie dieses gefeiert bis zum geht nicht mehr. Ich hätte mir zuerst ein Bad in der gigantischen Wanne eingelassen. Hätte ein paar Kerzen aufgestellt, leise Musik angemacht und hätte mich völlig entspannt in das warme Wasser gelegt. Danach hätte ich mir Zeit genommen, um mich einzucremen, meine Haare zu föhnen und hätte weiterhin an dem Duft der Badezusätze geschnuppert, bis ich letztlich tanzend durch das Zimmer gehüpft wäre.
Doch die Umstände lassen mich nur träumen. Ich bin gefangen. Verletzt. Und so gut wie ausgeknockt. Hatte erst vor einigen Stunden den Tod zweier Menschen mitansehen müssen, die mich vorher gefoltert hatten. Für mich war der Tod letztlich kein essenzieller Bestandteil meines Lebens. In meiner Familie leben noch alle. Selbst meine Großeltern sind so fit, wie es für ihr Alter eben möglich ist. Nur mein erster Hund, Buffy, der ist vor vier Jahren gestorben. Das war der schlimmste Tag meines Lebens und ich hatte Monate gebraucht, um das zu verarbeiten. Noch nicht einmal Krimis oder eben Horrorfilme gehörten zu meinem Filme-Repertoire und um ehrlich zu sein, wollte ich mit dem Sensenmann auch so lange es geht keinen Kontakt haben. Vielleicht war ich auch etwas zu blauäugig durchs Leben gestapft; hatte all das Böse um mich herum ausgeblendet. Doch wie hätte ich in meinem kleinen, behüteten Dorf mit meiner wundervollen Familie auch je hätte glauben können, dass ich mit Gewalt in Kontakt trete. Oder mit solchen Menschen, wie Ben einer ist. So etwas gibt es in Irland nicht. So etwas gibt es meiner Welt nicht. Und es soll auch weiterhin keinen Platz darin finden.
Entschlossen schlurfe ich zu dem Fenster, das am Ende des Raumes liegt und muss ein Quietschen unterdrücken, als sich der Griff tatsächlich bewegen lässt. Auch hier ist ein Rollo angebracht der alles abdunkelt und dennoch kann ich eine leichte frische Brise in meiner Nase riechen. Vorsichtig gehe ich auf die Zehenspitzen, klemme meine Finger auf das Plastik und ziehe es ein Stück auseinander. Die kleinen Fugen dazwischen ermöglichen mir keinerlei Sicht nach draußen. Außer grünen Baumkronen kann ich nichts erkennen und egal ob meine Finger schmerzen, versuche ich mit aller Gewalt den Rollladen etwas weiter geöffnet zu kriegen. Jedoch ohne Erfolg. Es bleibt dunkel und nur das Kunstlicht erfüllt den Raum mit Helligkeit. Genauso wie es in meinem Kopf dunkel bleibt. Ich weiß weder wo ich mich befinde, noch wie ich aus diesem Hochsicherheitstrakt ausbrechen soll. Erschöpft sinke ich wieder auf meine Füße, sehe mich an den Wänden nach dem typischen Ding um, mit dem man einen Rollo eben nach oben zieht. Aber es ist zwecklos.
Weiter Tränen tropfen aus meinen brennenden Augen und ich schleppe mich zurück ins Schlafzimmer, schnappe mir die Klamotten und lege sie im Bad auf dem Rand der Badewanne ab. Es mag noch so suspekt sein, dass ich eine Dusche in meiner jetzigen Tagesform und Allgemeinsituation in Betracht ziehe, doch ich erhoffe mir den Tod von meinen schmerzenden Gliedern zu waschen. Vielleicht dämpft das auch ein wenig meine Erinnerungen. So, zumindest der Gedanke.
Nur mühselig schlüpfe ich aus meinen Klamotten, nachdem ich die Tür abgeschlossen habe und ich nehme den Duschkopf in die Hand, stelle das Wasser auf und lasse es über meine nackten Füße plätschern. Langsam lasse ich es weiter nach oben wandern, zische auf, als meine Handgelenke mit dem Wasserstrahl in Berührung kommen und versuche jegliches Brennen auf meiner Haut zu ignorieren, als ich die Wärme über meinen geschändeten Körper prasseln lasse. Ich schließe meine Augen. Heule einfach weiter und kneife mich immer mal wieder um sicherzugehen, dass dies doch kein Albtraum ist und ich gleich wieder aufwache. Mir ist schlecht und erst jetzt spüre ich, wie hungrig mein Magen ist. Auch mein Kreislauf ist ziemlich auf dem Nullpunkt angekommen und ich beschleunige meinen Waschgang aus Angst, hier drinnen zusammenzubrechen.
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
