30: "Mira..."

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„Wieso haben wir nicht den Fahrstuhl genommen?", frage ich, etwas aus der Puste, als wir beinahe da sind. „Jeder Gang macht schlank, Stannie.", grinst Finn. „Sagst du damit, dass ich fett bin?" „Stannie!", sagt er vorwurfsvoll. „Ja, schon gut.", gebe ich mich geschlagen und steige die letzten paar Stufen nach oben. „Hier lang." „Sag mal, woher weißt du überhaupt, dass wir hier eine Dachterrasse haben und wie man dort hin kommt?", frage ich neugierig. „Weißt du noch, als wir mit dem Fahrstuhl stecken geblieben sind und du ohnmächtig wurdest?"

Im Brautstyle trägt er mich zur Treppe, wo er mich sanft absetzt. Zitternd halte ich mich am Geländer fest. Das flaue Gefühl wird immer schlimmer. „Wir sind in Sicherheit." Er streicht mir langsam über den Rücken und setzt sich neben mich. Ich drehe meinen Kopf zu ihm. „Wie lange war ich weg?" „20 Minuten in etwa. Der Hausmeister hat uns geholfen." Er deutet auf einen älteren Mann, der an der Eingangstür lehnt. „Kein Problem!", sagt dieser.

„Du hast mit dem Hausmeister geredet.", stelle ich fest. „Gut kombiniert, Sherlock.", grinst mein Mitbewohner und öffnet die Tür zu den Treppen, die auf die, lange geschlossene, Dachterrasse führen. Wir gehen die Stufen hinauf, wo Finn die letzte Tür zur Terrasse aufstößt. Die Dachterrasse unseres Hochhauses stehen einige Tische und Stühle unter einem Pavillon. Auf der anderen Seite befindet sich ein kleiner Pool, der gerade von einem kleinen Glasaufbau überdacht wird. An dem Anbau, aus dem wir gerade die Treppen hoch gekommen sind, liegen immer noch ein paar trockene Blätter aus dem Herbst, die von der leichten Brise hin und her gewirbelt werden. Über den Dächern Vancouvers geht die Sonne unter und taucht den Himmel in ein kräftiges Orange-Rot. Seit wann so sentimental?, frage ich mich, während ich langsam zur Brüstung der Terrasse gehe und auf die tief unten liegenden Straßen hinab schaue.

„Achtung, sonst fällst du noch runter." Zwei Arme schlingen sich von hinten um meine Hüften und halten mich fest. „Ich falle schon nicht.", beruhige ich Finn lachend, während meine Arme von Gänsehaut überzogen werden. „Nur zur Sicherheit.", sagt er leise und legt seinen Kopf auf meinen. „Gut, dass du so klein bist, Stannie.", sagt er grinsend. Ich schüttele, soweit möglich, meinen Kopf und schmunzele. „So klein, dass ich es nicht mal mit Anlauf über das Geländer schaffen würde." „Du schaffst alles, wenn du willst." „Wieso sollte ich vom Hochhaus springen wollen?" „Ja, ok. Schon gut.", erwidert er. „Siehst du." Ich löse mich aus seinem Griff und gehe zu den Tischen. Ich setze mich hin. „Mehr Action kriegst du nicht, wenn du hier tatenlos rumsitzt!", mosert Finn lachend herum. „Wie?", frage ich. „Dir war langweilig. Dann sitz nicht hier rum und langweile dich weiter!" Er zieht mich wieder hoch. „Was ist denn dein Vorschlag?", frage ich grinsend. Finn schaut sich um. „Pool."

„Pool?" Ich lege fragend den Kopf schief. „Schwimmen." „Ich will ja nichts sagen, aber..." „...wir haben keine Schwimmsachen dabei.", beendet er meinen Satz. Ich nicke. „Wir gehen sie holen! Komm." Er zieht mich wieder in die Wohnung.

„Besser?" Finn öffnet das Glasdach des Pools ein wenig. „Ja, besser." „Klaustrophobie ist doof." „Ja, ich weiß." Ich lege die Handtücher an den Beckenrand. „Darf man das überhaupt?" „Keine Ahnung.", erwidert mein bester Freund lachend. „Was?" „Sei mal ein wenig entspannter, Stannie...", seufzt er und streift seine Schuhe ab. „Hm, okay." Der Himmel ist mittlerweile tiefschwarz, die letzten Sonnenstrahlen erhellen den Horizont. Durch die fehlenden Wolken kommen in der Dunkelheit Sterne zum Vorschein. „Kommst du?" Mein Blick fährt wieder zu Finn, der sich nun das T-Shirt über den Kopf zieht. Langsam ziehe auch ich meine Schuhe aus und stelle sie zu den Handtüchern. „Mira, beeil dich!" Ich ziehe ebenfalls meinen Pullover aus und lege ihn zusammen. „Schicke Badehose.", kommentiere ich Finn, der soeben seine Jeans zusammenknüllt und sie zu seinen anderen Sachen legt. „Danke.", grinst er. „War ironisch. Pfirsichfarben?", frage ich. „Klappe, Stannie, die hat Mum mir geschenkt." „Muttersöhnchen?", grinse ich. „Mira...", seufzt er lachend und kommt auf mich zu. „Das Blau steht dir nicht." Ich schaue an mir herunter. „Ich finde den Bikini schön." „Hat deine Mama ihn dir gekauft?", fragt Finn übertrieben besorgt. „Wer im Glashaus sitzt...", fange ich das altbewährte Sprichwort an." „Ja, okay." Ich grinse. „Was?" „Willst du mit Socken in den Pool, Wolfhard?" Ich deute auf seine Füße. „Ups." Er zieht sie schnell aus. „Besser?" Ich nicke. „Besser." „Hier, iss noch ein Snickers." „Falsche Reihenfolge, Finnieboy.", lache ich. „Lach mich nicht aus!", lacht Finn. Dann schubst er mich in den Pool.

Berge von Wassermassen umschließen mich, als ich in den Pool falle. Schnell strampele ich mich wieder an die Wasseroberfläche. Neben mir platscht es. Ich will ein wenig wegschwimmen, doch jemand zieht mich am Bein unter Wasser. Ich öffne die Augen und sehe Finn, der mir grinsend zuwinkt. Ich zeige ihm meinen Mittelfinger und tauche auf. „Wolfhard!", rufe ich, als er ebenfalls wieder auftaucht. Er lacht. „Sorry not sorry, Stannie." Er zuckt mit den Schultern. Langsam komme ich näher. Dann tauche ich ihn unter, indem ich mich auf seinen Kopf stütze. Unter Wasser wedelt Finn mit seinen Armen und kommt wieder an die Wasseroberfläche. Ich schwimme schnell weg. „Mira Eileen Stanford, bleib hier!" Ich flüchte vor ihm, doch er holt mich ein und tunkt mich ebenfalls unter. So blödeln wir herum, und es fühlt sich wie eine Ewigkeit an.

Das einzige Licht auf der Terrasse kommt von den Poolleuchten, die unter Wasser ein leicht bläuliches Licht ausstrahlen. Die letzten Sonnenstrahlen sind hinter dem Horizont verschwunden. Das einzige, was man hört, ist das sanfte Plätschern des Wassers im Pool und die Straßengeräusche von unten. Hupende Autos, laute Motoren, piepende Alarmanlagen. Ein Krankenwagen saust vorbei. Ich lasse mich an der Wasseroberfläche treiben und schließe die Augen. Ich bin entspannt, bis Finn sich volle Kanne auf mich drauf wirft. Kurz sind wir beide unter Wasser. Dann tauchen wir prustend auf. „Dein Ernst?", lache ich lautstark. Er ist nur einen Meter von mir entfernt. „Ja, irgendwie schon!", grinst er. „Na warte." Ich komme auf ihn zu. Drohend hebe ich meine Hände, bereit, ihn erneut unter Wasser zu drücken.

Er schaut mir in die Augen. Ich bin wie erstarrt und lasse meine Hände sinken. Unsere Gesichter sind nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Unten auf der Straße fährt ein Löschzug vorbei. Ich bin wie gefesselt von seinen braunen Augen. Seine dunklen Locken hängen im tropfend ins Gesicht. Wir kommen uns immer näher. Ich kann bereits seinen Atem auf meinen Lippen spüren. Mein Gehirn ist wie leergefegt. Mein Puls erhöht sich. Mein Herz klopft gegen meine Brust. Seine dunklen Augen glänzen. Ich atme schwer. Dann hebt er eine Hand und streicht mir liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Hand bleibt jedoch an meiner Wange. Ich bekomme Gänsehaut und bin mir zu 100 % sicher, dass es nicht wegen der Kälte ist. Immer weiter kommen sich unsere Gesichter näher. „Mira...", flüstert er atemlos. Sein Blick löst sich für einen kurzen Moment und landet auf meinen Lippen. Dieser Moment dauert nur eine Millisekunde, dann schaut er mir wieder in die Augen. Mir wird flau im Magen. Es fühlt sich an wie 1000 Schmetterlinge, die in meinem Bauch Tango tanzen. Okay, Mira, was ist los mit dir?, frage ich mich selbst, während kein Millimeter mehr zwischen unseren Lippen ist. Dann treffen sich unsere Lippen. Ich schließe meine Augen. Finns Hand rutscht langsam von meiner Wange. Auf einmal löst er sich. Fragend öffne ich meine Augen. „Tut mir leid, Das hätte ich nicht tun sollen." Schnell schwimmt er zum Beckenrand, sammelt seine Sachen ein, wickelt sich ein Handtuch um und öffnet die Tür nach unten. Ohne mich noch einmal anzusehen, geht er hindurch und lässt eine nasse, im Pool schwimmende, perplexe, erstarrte, zitternde Mira zurück, der nun die erste Träne die Wangen hinunterläuft.

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