Kapitel 16 - Fast - Part 2

2K 177 18
                                        

Langsam stieg sie die Treppe nach unten, die Finger in die Briefe verkrallt.

Niemand war in der Eingangshalle, also lief Leya gleich nach draußen, wo – wie erwartet – ein Auto – dasselbe wie letztes Mal – stand. Sie konnte erkennen, dass Leander wieder fuhr und Cal auf der Rückbank saß. Wie es aussah unterhielten sich die beiden.

Sie vermutete, dass die beiden über sie redeten und ihr Verdacht bestätigte sich, weil die Zwei, sobald Leya ihre Tür öffnete, aufhörten zu sprechen. Sie ignorierte das und setzte sich schweigend auf ihren Platz, schnallte sich an und fragte dann: „Können wir los?"

Leander nickte und wandte sich ab. Im Radio kam gerade 'Monster' von Eminem. Leya mochte das Lied. Es zeigte ihrer Meinung nach, welche Abgründe sich hinter jedem versteckten.

Von solchen Abgründen konnte sie auch mehr als nur ein Lied singen. Ob man ihr wohl ansah, wen sie alles verloren hatte und was sie vorhatte? Ob man ihr ansah, welche Pläne sie schmiedete und wen sie retten wollte? Sah man ihr ihre Geschichte an?

Leya beobachtete, wie das Meer, sobald sie die Hauptstraße erreicht hatten, an ihr vorbeizog. Natürlich kam vor dem Wasser noch ein tiefer Abgrund. Man würde zerschellen, wenn man auch nur einen Schritt zu viel tat.

Der hellgraue Himmel spiegelte sich im eisigen Meerwasser und Schnee bedeckte den Sand. Ein wirklich unnatürlicher Anblick. Überall war es weiß und grau nur hier und da unterbrochen durch einige Schuhabdrücke der wenigen Spaziergänger. Bald würden auch diese verschwunden sein. Der Wind trug schon neue Schneeflocken vom Himmel herab.

Die Welt war wundervoll, ja beinahe perfekt in diesem Moment, wenn auch unglaublich tödlich. Alles in dieser Szene konnte einen Menschen umbringen Von den tobenden, kalten Meerwasserwellen über die eisigen Temperaturen bis hin zu dem Abgrund am Rand der Straße. Ein Augenblick zu viel und man wäre tot, ausgelöscht. Wie ein Funke im Meer.

„Wir sind da."

Leya schreckte hoch. Sie war tief in ihren Gedanken versunken gewesen bis jetzt, aber da sie nun am Krankenhausparkplatz waren, musste sie sich wohl wieder auf das echte Leben konzentrieren.

Gleich würde sie ihre Eltern noch einmal sehen und mit etwas Glück auch Angel. Sie hoffte wirklich, dass sie die Krankenschwester davon überzeugen konnte.

Leyas Hände zitterten, als sie ausstieg. Sie verkrampfte sie zu Fäusten in ihren Jackentaschen und ging schnurstracks zu der Glastür, die in das Gebäude führte. Cal und Leander folgten ihr.

Beide wirkten besorgt, aber sie hinterfragten nicht, dass Leya sie ignorierte, vermutlich weil sie sich denken konnten, was für eine Belastung dieser Besuch darstellte.

Sie flüsterte die Frage, wo ihre Eltern lagen, einer Krankenschwester hinter einer Glasscheibe zu. Die lächelte sie an, rief über die Lautsprecher einen Pfleger herbei und wies ihn an sie zur Intensivstation zu bringen.

Leya nahm nur vage wahr, wie der Mann aussah. Er hatte dunkle Haut und grüne Sachen an. Das war auch schon alles, was sie wusste.

Sie lief hinter ihm her und konnte die Schritte ihrer Begleiter im Hintergrund vernehmen.

Er führte sie zu einer Schleuse, wo man sich desinfizieren und Schutzkleidung anziehen musste. Davor hielt der Pfleger Leander und Cal auf. Sie durften nicht weiter gehen.

„Nur für Familienangehörige, tut mir Leid."

Cal nahm – bevor Leya durch die Metalltür treten konnte – ihre Hand in seine und sagte: „Ich warte hier auf dich." Er lächelte kurz, was Leya nicht erwidern konnte und gab sie dann frei.

Götterstimme Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt