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Ich mache aber keine Anstalten, mich von meinem Platz wegzubewegen. Ich bleibe einfach da stehen und schaue ihn an. "Hau ab!", schreit er mir entgegen. Doch ich kenne Samu gut genug, um zu wissen, dass er das nicht so meint, sondern dass das der Alkohol ist. Dann ist er zu allem fähig. Und es ist schließlich nicht das erste Mal, dass er sich wegen einer Frau völlig abschießt. Als er merkt, dass seine Worte keine Wirkung haben, steht er auf und geht auf mich zu. Leider hat er den Alkohol unterschätzt oder vergessen. Er kippt nämlich direkt auf mich zu. Kurz überlege ich, zur Seite zu gehen, aber ich bleibe stehen. Während er fällt, kippt er den restlichen Inhalt der Wodka-Flasche auf mein Kleid. Doch das nehme ich zu dem Zeitpunkt kaum wahr. Ich reiße die Augen auf und versuche nach seinen Armen zu greifen. Dann geht alles sehr schnell. Samu fällt genau auf mich zu und ich versuche ihn irgendwo festzuhalten, um seinen Aufprall auf dem gepflasterten Weg zu verhindern. Es ist eine dumme Idee. Ich hätte zur Seite gehen sollen. An seinem Anzug habe ich schließlich Halt. Ich kralle meine Hände in den Kragen seines Jacketts und halte es fest. Doch Samu ist schwerer als ich dachte, sodass er mich mit nach unten reißt. Sein Kopf landet auf meinem Bauch und schlägt mir ordentlich in den Magen. Das ist aber das kleinere Problem. In dem Moment, als ich am Boden aufkomme, spüre ich einen starken Schmerz in meinem linken Knöchel. Ich bin in meinen High Heels weggeknickt. "Fuck", presse ich heraus. Samu holt gerade Luft, um zu protestieren, als ihn seine Gefühle überkommen. Er verzieht das Gesicht und eine Träne rollt über seine Wange. Dann noch eine. Und es folgen noch mehr. Ich ziehe seinen Kopf zu mir und nehme ihn in den Arm. Jetzt liegen wir hier im Mondlicht auf dem Weg. Er weint bitterlich und es bricht mir das Herz, ihn so zu sehen. Ich streiche ihm über den Rücken. Nach ein paar Minuten merke ich, dass der Tag für Samu beendet ist. Es wird nichts mehr bringen, hier zu bleiben. Weinend und zitternd klammert er sich an mich. Ein bisschen überfordert fühle ich mich für einen kleinen Moment schon.
"Samu, komm. Gehen wir. Das bringt heute nix mehr", flüstere ich ihm zu. Er nickt. Ich rappele mich auf und ziehe ihn dann hoch. Mein Knöchel schmerzt höllisch. So gut es ging stütze ich ihn auf dem Weg zum Auto. Ich gehe noch einmal kurz ohne Samu rein und sage Sanna Bescheid. Samu habe ich derweil draußen auf einer Bank in der Nähe des Autos geparkt. Sanna hat Verständnis dafür, dass ich Samu nach Hause bringe, auch wenn sie es schade findet, dass ich schon so zeitig gehe.
Am Parkplatz angekommen, steht Samu an seinem Auto. "Bevor du etwas sagst: Ich fahre", sage ich und nehme ihm die Schlüssel aus der Hand. Er brummelt etwas vor sich hin und steigt dann widerwillig auf der Beifahrerseite ein. Damit habe ich nicht gerechnet. In der kurzen Zeit, in der ich vorhin bei Vivi und Samu im Auto saß, habe ich schon mitbekommen, dass ihm sein BMW heilig ist, aber wahrscheinlich ist er zu betrunken, um das zu realisieren. Spätestens wenn er wieder zu Sinnen kommt, wird er mir den Kopf abreißen.
Ich starte den Motor und wir fahren zu Samus Wohnung. Zum Glück kann er mir einigermaßen sagen, wo er wohnt. Mein Knöchel macht das Fahren etwas beschwerlich, aber es geht. Ich mache mir nur ein bisschen Sorgen, weil der Knöchel inzwischen ganz schön dick geworden ist.

best friends ... or more?Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt