Kapitel 58

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Ich hasste es, dass ich Tami einfach nichts abschlagen konnte. Ich hasste mich selbst dafür, dass ich nie Nein sagen konnte und ihrem Dackelblick immer nach gab. Wieso zum Teufel konnte ich das nicht? Sie konnte das problemlos, sie konnte alle zum Teufel schicken, ihnen den Stinkefinger zeigen und sie machte immer was sie wollte. Wieso war ich nicht ein bisschen so, nur ein bisschen? Das würde mir mein Leben erleichtern, da war ich ganz sicher! Aber natürlich kriegte ich das nicht hin, ich konnte es nicht ertragen wenn Menschen wegen mir unglücklich waren und dann geschah genau das, was mich so ermüdete: ich brachte mich in eine Situation in der ich nicht sein wollte, genau wie jetzt. Tami hatte mich in diesen blöden Club geschleppt, ihre Schwester und deren Freundin waren abgerauscht wegen eines Typen und nun gafften uns Idioten an, ermüdeten mich mit ihrem Getue und ich sehnte mich nach meinem Bett und einem Roman von King. Friedhof der Kuscheltiere hatte ich schon lange nicht mehr gelesen...
Was stimmte eigentlich nicht mit mir? Gut ja, ich war verkorkst, das wusste ich. Ich war ein emotionaler Krüppel, unfähig meine Gefühle zu sortieren oder zu verstehen. Damit kam ich aber klar, daran war meine Kindheit schuld. Nur verstand ich nicht, wieso ich diese Jungs so ermüdend und dumm fand? Wieso ging ich nicht gerne aus? Wieso schleppte ich nicht Tonnen von Schminke mit mir rum so wie Tami? Oder wieso kleidete ich mich nicht so? Naja, so ein Kleid könnte ich nicht mal über meinen fetten Hintern ziehen, das war klar. Ich war eine fast 17 Jährige, zu kurz geratene, alte Schachtel, so sah das aus. Die Musik und das Tanzen genoss ich, ich liebte es wenn die Bässe durch meinen Körper dröhnten aber sonst...den Club fand ich langweilig und den Typ den Tami von Weitem anhimmelte einfach nur gruselig und auch grausam. Ob ihm wohl der Club gehörte? Er machte einen sehr arroganten Eindruck und sah nicht nur gefährlich aus, nein, er war böse. So richtig böse, das sagte mir das hässliche Zucken in meinem Magen. Tami aber versuchte nun seit einer Stunde seine Aufmerksamkeit zu erregen und ich konnte sie nicht davon abhalten. Wie hätte iz? Hey Tami, hör auf ihn anzuhimmeln er ist ein Psycho, das sagt mir meine Gallenblase? Nein, das würde nicht funktionieren. Tami war Tami und wenn sie sich ein Ziel setzte, dann erreichte sie es auch. Dafür bewunderte ich sie auch, darauf war ich fast so neidisch wie auf ihre natürliche Bräune. Ich sah aus wie ein Gespenst, oder wie eine Wasserleiche, und mein einziges Ziel war es, Krankenschwester zu werden. Sonst hatte ich nichts was mich reizte und ich war wirklich langweilig. Ich liebte meine Bücher, ich liebte Chinesisches Essen, ich liebte meine Zigaretten und meine Boots. Irgendwie war ich immer in meiner Blase der Gleichgültigkeit gefagen und mochte das auch noch. Sobald mich irgendwelche Typen mit ihren Protzkarren anquatschten wurde mir übel und ich schaltete ab, so war das einfach. Genau das war ja heute Morgen mit Ahmed passiert und seinem Gerede über den blöden BMW. Was war denn so interessant an 4 Rädern und Blech? Wahrscheinlich fehlte mir einfach das nötige Testosteron um das zu verstehen.
"Nina ich muss ihn heute noch kriegen, ich muss einfach!" riss sie mich aus meinen Gedanken und ich kapierte nicht was sie meinte. Natürlich bemerkte sie das sofort und verdrehte ihre schönen blauen Augen.
"Wo bist du nur mit deinen Gedanken? Ich will ihn, ich muss ihn haben" zischte sie mir zu und nickte in Richtung des arroganten Psychos. Sein Blick begegnete uns und ich bekam eine widerliche Gänsehaut, Angst schnürte mir sofort den Magen zu. Der Kerl war so richtig gefährlich, das spürte ich einfach.
"Tami er sieht verdammt gefährlich aus und er macht mir angst, lass das bitte" sagte ich ihr so ruhig ich konnte. Ich spürte diesen bösen, durchdringenden Blick von ihm und wollte eigentlich nur flüchten.
"Ach hör doch auf. Ich weiss genau wer er ist und das macht ihn noch interessanter. Ich will ihn Nina" sagte sie wieder entschieden. Sie wusste was? "Wer ist er denn? Was weisst du über ihn?" fragte ich irritiert und spürte wie sich meine Blase meldete. Bitte nicht, ich wollte nicht aus das Klo hier. Club Klo's waren einfach nur zum Kotzen.
"Es ist unwichtig und spielt keine Rolle, ich weiss einfach wer er ist und ich werde ihn kriegen. Macht er dir echt angst?" Tami sah mich schmunzelnd an und starrte dann wieder zu ihm. Was fand sie nur an ihm?
"Ja macht er mir. Tami ich gehe kurz aufs Klo, starr du nur weiter. Weisst du eigentlich wie er heisst?" Ich erhob mich und nahm gleich meine Zigaretten mit. Ich musste nachher hier raus, das war nicht mehr zum Aushalten wie sie ihn anstarrte.
"Sergej, er heisst Sergej" sagte sie fast verträumt und fummelte an ihrer Halskette.
Aha, Sergej. Perfekter Name für einen Psycho dachte ich nur. Kopfschüttelnd machte ich mich auf den Weg zum Klo und stöhnte als ich all das Handpapier auf dem Boden sah. Wieso sahen Frauenklos nur immer so grässlich aus? Übrigens war es ein Kunststück zu pinkeln ohne sich zu setzen! Bestimmt hatte ich, zusätzlich zu meinem Psychischem Schaden, eine Bakterienphobie. Als ich mir die jungen Frauen vor dem Spiegel ansah, kam ich mir wieder fehl am Platz vor. Sie alle frischten ihr Make Up auf, zupften an ihren Haaren und verpesteten den Raum mit Haarspray und eklig süssem Parfum. Ich hingegen hatte nur meine Augen stärker geschminkt, sonst sah ich aus wie ich. Meine Haare waren zu einem lockeren Seitenzopf geflochten und der lag über meiner Brust. Ich musste zugeben dass ich meine Haare mochte, sie hatten ein schönes Dunkelblond und auch mein Gesicht war nicht übel aber sonst...wieso beschäftigte ich mich nicht mit meinem Äusseren? Sollte das nicht normal sein in meinem Alter? Naja, normal war ich eindeutig nicht, dachte ich seufzend als ich mich an der Bar vorbei drückte. Nichts an mir war normal, das wusste ich. Als ich schon wieder angerempelt wurde und fast hinfiel, spürte ich plötzlich kalte Flüssigkeit. Scheisse, meine ganze Vorderseite war nass und alles stank nach Whiskey! Wie eine Furie drehte ich mich um und zickte den echt grossen Kerl an. War er denn blind verdammt? Sollte ich jetzt mit einem stinkenden Top auf Tami's Schwester warten? 
"Tut mir leid" rief er mir zu und sah auch zerknirscht aus. Nur war mir das egal, ich wollte einfach nur hier weg. Dieser Abend war eine Katastrophe, das stand fest! Tami hingegen amüsierte sich köstlich über diese Szene und lachte wie eine Bekloppte. Toll, ich war der Klassenclown in einem dämlichen Club. Tami kugelte sich weiterhin, der Kerl kratzte sich am Kopf und sah mich entschuldigend an und ich...ich wollte ein Bad!
"Miloš kannst du nicht aufpassen? Sieh dir ihre Kleidung an" hörte ich eine so schöne Stimme, dass sich alles in mir versteifte und der ganze Ärger verflog. Nur zögerlich hob ich meinen Blick und sah einen Bulldozer von einem Mann. Einen wunderschönen Mann! Der konnte doch nicht echt? Herr im Himmel so etwas Schönes gab es doch nicht. Mein Kopf war komplett leer in diesem Moment, mein Herzschlag setzte aus und mir stockte der Atem, als ich sein Lächeln sah. Es sollte verboten sein so auszusehen und so zu lächeln!
"Alles okay? Bitte entschuldige, Miloš hat Einen sitzen und ist der grösste Tollpatsch auf Erden. Hörst du mich?" fragte er freundlich doch ich Idiotin konnte nur nicken und sein Grübchen am Kinn anstarren. Was zum Henker war nur los mit mir? Ich fühlte mich so richtig dumm in diesem Moment, mein Gehirn war wie leer gefegt und ich brachte keinen Ton raus. Alles was ich konnte war ihn anstarren und hoffen, dass ich keinen Herzinfarkt bekam.
"Was hat er wieder angestellt?" hörte ich nun eine andere Stimme und drehte mich um. Mir wurde augenblicklich kalt und Angst überkam mich. Sergej blickte diesen Miloš missbilligend an und ich sah, wie Tami auf uns zukam. Automatisch wich ich vor Sergej zurück und bemerkte auch, dass ich mich hinter Mister Bulldozer versteckte. Was fand Tami nur an ihm? Meine Hände zitterteb vor Angst unter seinem Blick, mir war richtig übel. Mister Bulldozer blickte kurz Stirnrunzelnd zu mir runter, dann zu Sergej und lächelte mich dann beruhigend an.
"Dein Cousin war etwas tollpatschig Sergej. Ich werde dem Mädchen etwas Trockenes zum Anziehen besorgen und fahre sie dann nach Hause. Du brauchst mich ja nicht und du bekommst gerade Gesellschaft, du hast anscheinend einen Fan" erklärte Mister Bulldozer und zeigte auf Tami, die Hüftschwingend und lächelnd auf uns zukam. Sergej runzelte kurz die Stirn und hob dann die Augenbrauen. Er wirkte nicht gerade begeistert. "Das ist wohl ein Scherz Lazar, mir gefällt die Kleine die sich hinter die versteckt. Hat sie etwa Angst?"
Lazar...wie bitte? Die Kleine was?
"Die Kleine kann arrogante Psychos nicht ausstehen und verzichtet gerne auf deine Gesellschaft. So blond könnte ich nie sein, um etwas von dir zu wollen du Lackaffe" sagte mein Mund und ich hätte mich ohrfeigen können. Was zum Teufel sagte ich da nur? War ich denn von allen guten Geistern verlassen? Der Kerl könnte mir locker den Hals brechen, oder mich abstechen oder abknallen! Wieso hielt ich nicht den Mund?
Allerdings brachte das den schönen Lazar zum Lachen und er drehte sich ganz zu mir um. Kaum blickten seine gütigen, meerblauen Augen mich an, war mein Gehirn wieder leer. Was war nur los? Hatte ich einen Hirnschlag erlitten? Wie sich dieses Grübchen wohl anfühlte? Ich hatte noch nie einen so schönen Mann gesehen und die Betonung liegt auf Mann. Er war ganz sicher um Einiges älter als ich aber dieses kantige Kinn, das Grübchen, die schwarzen Haare und bei Gott wie gross war er denn? Er sah aus wie ein Titan, wie ein griechischer Gott. Jesus ich hatte sie nicht mehr alle, was dachte ich da nur?
"Wie heisst du Kleines?" fragte er lachend und ich musste schlucken um meine Stimme zu finden. Wie hiess ich schon wieder?
"Nina" antwortete ich zögerlich und spürte wie ich knallrot wurde.
"Nina...du bist witzig Nina. Sergej, dein zweifelhafter Charme wird dir hier nicht helfen. Kümmere dich um ihre Freundin und um deinem besoffenen Cousin. Ich werde Nina nach Hause fahren" sagte er autoritär ohne den Blick von mir zu wenden.
"Charme? Du denkst dieser Kerl da hat Charme? Arroganz ist noch lange kein Zeichen für Charme oder Manieren...oder Intelligenz" stellte ich nüchtern klar und wieder brach er in Gelächter aus. Was war denn so witzig? Ich hatte doch nur die Wahrheit gesagt. Sergej hingegen sah mich an, als würde mir eine zweite Nase wachsen und Tami...Tami's Augen waren so gross wie Untertassen. Was hatte sie denn? Ich hatte doch ein Recht auf meine Meinung, oder etwa nicht?
"Da hast nicht unrecht, aber so schlimm ist er nicht. Komm Nina ich gebe dir etwas Trockenes zum Anziehen und fahre dich dann Heim. Sag mal, sieht deine Freundin immer so geschockt aus wenn du den Mund aufmachst?  Ihre Augäpfel fallen ja bald raus" erläuterte er während er mich mit sich zog. Ich konnte nicht fassen, dass so ein Brocken von Mann so zärtlich meine Hand hielt und seine Berührung fühlte sich wie Feuer auf meiner Haut an. Augäpfel rausfallen? Als ich kapierte was er gesagt hatte, lachte ich los.
"Nein, eigentlich nicht" sagte ich prustend. Ich mochte seinen Humor und ich mochte es, wie er mich anlächelte. Lazar zog mich durch eine Tür in einen stillen und sehr sauberen Raum. Hier gab es Bildschirme von den Bewachungskameras, einen grossen Schreibtisch mit riesigem Sessel, eine bequeme graue Couch, zwei Computer und ein Regal mit Büchern. Wieso waren wir denn hier?
"Lazar entschuldige bitte aber was soll ich hier? Wem gehört denn dieses...Büro? Und was suchst du denn da?" fragte ich nervös. Ich hatte mich einfach mitziehen lassen ohne an mögliche Komplikationen zu denken aber es war verhext, ich fühlte mich wohl bei ihm. Ich fühlte mich sicher und ich wollte ihn noch eine Weile ansehen, bis er wieder aus meinem Leben verschwand. Ausserdem roch dieser Mann einfach himmlisch.
"Ich suche ein nicht ganz so grosses Shirt aber das wird wohl nichts, du musst dich damit begnügen, tut mir leid. Dort ist das Bad, zieh doch das stinkende Zeug aus und dann fahre ich dich nach Hause. Das hier ist mein Büro Nina, ich bin so etwas wie Sergej's..."
"Gorilla?" warf ich ein und er grinste breit.
"Der Leiter für die Sicherheit. Für einen Gorilla bin ich nicht behaart genug" witzelte er und ich kicherte vergnügt. Ja, ich mochte diesen Mann wirklich.
Ich ging flink in das Bad und warf mein Top und den BH einfach in den Müll. Das Zeug klebte widerlich und ich hatte keine Tüte um es einzupacken. Ausserdem würde Tami beim Psycho bleiben, da war ich mir fast sicher. Als ich mich im Spiegel ansah, stöhnte ich frustriert auf. Was war denn das für eine Grösse? Das Shirt hing mir fast bis zu den Knien und ich hätte locker doppelt oder dreifach in das Ding gepasst. Wie konnte man nur so gewaltig sein?
"Lazar ich will dich ja nicht beleidigen aber wie gewaltig bist du eigentlich? Was ist das für eine Grösse? Nimmst du Amphitamine um  so zu sein? Du passt ja nicht durch eine normale Tür! Übrigens sind Amphitamine sehr schlecht für die Potenz und verursachen eine frühzeitige Glatzenbildung, du solltest das Zeug nicht nehmen" plapperte ich Idiotin einfach drauf los und bemerkte viel zu spät, was ich da gesagt hatte. Potenz? Ich spinnte doch! Lazar hingegen...er lachte und hielt sich den Bauch. Ich hatte ihm quasi eine mangelnde Männlichkeit unterstellt und er lachte?
"Nein, keine Amphitamine" sagte er ausser Atem "Kleines du bist echt witzig. Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen, aber diesen Dreck rühre ich nicht an. Die Grösse ist 3XL und ich bin einfach so und trainiere, das muss ich um meine Arbeit tun zu können. Weisst du  eigentlich, dass das Shirt an dir aussieht wie ein grosses Nachthemd? Du bist echt klein" murmelte er. Natürlich war ich klein, ich war knapp 1.63.
"Es kann ja nicht jeder ein Riese sein wie du. Ich danke dir für das Shirt Lazar, wirklich aber du musst mich nicht nach Hause bringen. Ich warte einfach auf Tami's Schwester, ich will dir keine Umstände machen." Sobald ich diese Worte aussprach, bereute ich sie schon. Eigentlich wollte ich gerne von ihm nach Hause gebracht werden, er roch so gut.
"Das sind keine Umstände und so wie ich die Situation einschätze...naja, Tami wird wohl nicht so bald nach Hause kommen. Sie hat ihrer Schwester auch schon Bescheid gegeben und du siehst etwas verloren aus hier im Club. Du wirst bald 17 oder?" fragte er interessiert und das liess mich stutzen. Woher?
"Woher weisst du das? Hast du meine Zigaretten irgendwo gesehen?" grübelte ich noch vor mich hin und sah mich suchend um.
"Ich bin sehr gründlich in meinem Job und als Tamara...naja, Sergej so anstarrte, habe ich euch überprüft. Du passt nicht in so ein Ambiente Kleine, das ist nichts für dich." Da hatte er allerdings recht. Sollte es mich schockieren, dass er uns überprüft hat? Nein, irgendwie fand ich es schön.
"Ich passe nirgends hin Lazar, damit habe ich mich schon sehr lange abgefunden. Du liest Tolstoi und das auf Russisch? Und du hast hier alle Werke von Desanka Maksimović, ich liebe ihre Gedichte" murmelte ich gedankenverloren und bemerkte erst da, dass er plötzlich hinter mir stand. Leise war er, das musste ich ihm lassen. Als ich mich umdrehte und meinen Hals fast verrenkte um zu ihm hoch zu sehen, bemerkte ich seinen nachdenklichen Blick. Wie gross er wohl war?
"1.95 Kleine. Du liest Desanka Maksimović und Tolstoi?" fragte er lächelnd.
Hatte ich laut geredet? Mist!
"Nicht auf Russisch, leider. Aber seine Bücher habe ich alle gelesen und Desanka...das gehört doch irgendwie zu uns Serben, man muss ihre Gedichte gelesen haben." Als ich das so sagte, bemerkte ich wie mich eine Wehmut pakte. Er hatte die Autoschlüssel schon in der Hand und in der Anderen meine Zigaretten. Eigentlich waren das eher Pranken, keine Hände. Wieso machte mir seine Körpergrösse bloss keine Angst?
"Das stimmt, irgendwie gehört das zu uns" murmelte er etwas traurig und räusperte sich dann, hielt mir die Zigaretten hin und ich nahm sie freudig.
"Lazar wie alt bist du?" platzte es aus mir heraus als ich einen Zug von meiner Zigarette nahm und ihm eine anbot. Das hätte ich vielleicht nicht fragen sollen...
"32 Nina" antwortete er lächelnd. Wie bitte? 32? Er sah aus wie vielleicht 26. Scheisse, einfach nur scheisse. Er war fast doppelt so alt wie ich...
"Du siehst viel jünger aus Lazar" murmelte ich irgendwie traurig und wollte nur noch nach Hause. "Kannst du mich bitte jetzt Heim bringen? Ich fühle mich irgendwie nicht gut."
Er nickte leicht aber sah mich prüfend an, hatte die Stirn in Falten gelegt und ich sah ihm an, dass er mir nicht glaubte. Das musste er auch nicht, ich konnte mir meine komische Traurigkeit auch nicht erklären.
Ich folgte ihm raus zu einem grossen Auto und war verblüfft, als er mir die Tür aufhielt. Welcher Mann tat denn das noch? Er half mir in das Ungetüm und schnallte mich sogar an. Natürlich, für diesen wunderbaren Mann war ich einfach nur ein blödes Kind, dachte ich traurig. Er war ein wunderbarer, führsorglicher, freundlicher und sehr schöner Gentleman und ich, ich war einfach nur eine blöde Gans. Die Fahrt über unterhielten wir uns über Gedichte und ich staunte über seine Intelligenz, seine Ausdrucksweise und auch über seinen Musikgeschmack. Wäre ich doch bloss älter, hübscher und grösser...dieser Mann war einfach nur Perfekt und würde nie etwas mit einer gestörten Jungfrau und ihren Narben anfangen. Er verdiente nur das Beste und ich...ich war nur Ausschussware, sonst nichts, dachte ich den Tränen nahe. Als er vor meinem Wohnblock anhielt, riss ich mich zusammen und lächelte ihn an.
"Danke Lazar, danke für alles. Ich werde das Shirt waschen und in den Club schicken" sagte ich verlegen und wusste dann nicht, was ich sonst noch sagen sollte. Er schüttelte den Kopf und lächelte breit als er am Aussteigen war. Wollte er etwa wieder die Türe öffnen?
"Du kannst es behalten Nina, es sieht niedlich an dir aus" sagte er als er mich aussteigen liess. Er nahm meine Hand und zog mich weiter mit sich.
"Wo willst du denn hin?" fragte ich argwöhnisch aber auch etwas erfreut darüber, dass er meine Hand hielt.
"Ich werde dich bis vor deine Zimmertür begleiten. Das gehört sich so Kleines, so weiss ich, dass du sicher schlafen gehen kannst."
Das gehörte sich so? Sicher sein und schlafen? Konnte er denn noch umwerfender sein? Solche Männer gab es doch gar nicht mehr. Ich wusste einfach nicht was ich sagen sollte, aslo ging ich einfach mit und war dankbar, für die zusätzlichen Minuten mit ihm. Vor meiner Tür kramte ich meinen Schlüssel hervor und zwang mich dann, ihn wieder anzusehen.
"Ich danke dir Lazar und ich habe mich sehr gefreut, dich kennenlernen zu dürfen. Danke auch für das nette Gespräch" sagte ich mit einem Kloss im Hals und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Ich würde ihn wohl nie wieder sehen und irgendwie tat dieser Gedanke weh.
"Ich danke dir, die Unterhaltung mit dir hat mir Freude bereitet und war viel angenehmer als die Gespräche mit den Besoffenen im Club." Naja, wahrscheinlich waren diese Gespräche sehr anstrengend und ziemlich inhaltslos...oder deprimierend.
"Dein Job ist wohl nicht so einfach Lazar. Wieso arbeitest du für diesen Kerl? Er ist gruselig" platzte es aus mir heraus und ich bereute es sofort. Das war seine Privatsache, ich hatte kein Recht mich da einzumischen verdammt. Lazar aber grinste und zuckte mit den Schulter. So schöne Schultern...
"Das ist eine lange Geschichte, ich werde sie dir eines Tages erzählen. Jetzt aber wünsche ich dir eine gute Nacht und schöne Träume" sagte er irgendwie zärtlich und gab mir dann plötzlich einen Kuss auf die Wange.
Zutiefst verwirrt von dem Ganzen nickte ich nur wie eine Geistesgestörte und nahm nur noch seinen Duft wahr. Ob er mich für verrückt halten würde, wenn ich einfach in ihn rein beisse? Wahrscheinlich schon. Beschänt über meine komischen Gedanken murmelte ich noch ein Danke und ging einfach in mein Zimmer. Sofort öffnete ich das Fenster und zündete mir eine Zigarette an. Ich musste meine Nerven beruhigen, denn dieser unschuldige Kuss auf die Wange verursachte mir Schmetterlinge im Bauch. Nein, nicht Schmetterlinge, einen verdammten Tornado hatte es ausgelöst. Was war das nur? Fühlte es sich so an wenn man sich verliebte oder wurde ich einfach nur krank?  Gedanverloren blickte ich in die kühle Märznacht als ich ihn unten stehen sah. Er blickte zu mir hoch, hob die Hand und winkte. Ich bildete mir ein, ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen und ich lächelte automatisch und winkte zurück. Es schien als zögerte er zu seinem Auto zu gehen aber wahrscheinlich bildete ich mir das bloss ein. Als er losfuhr, überkam mich eine verzweifelte Traurigkeit und ich spürte wie mir die Tränen über die Wangen rollten. Was war nur los mit mir?

Hope Hoffnung NadaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt