Linus
"Meeresurlaub? Wirklich?", hake ich nach einer ganzen Weile atemlos nach und genehmige mir eine Sekunde, um Luft zu holen.
Meine katzengleiche Begleitung wirft mir einen scharfen Blick zu. "Sol ist gefallen. Das Land untersteht den Soldaten des Königs, der Luftraum wird von den Uman verteidigt. Alles, was uns bleibt, ist das Meer", antwortet sie und runzelt die Stirn, "Aber zugegebenermaßen habe ich keine Ahnung, warum er noch nicht die Gewässer unsicher gemacht hat."
Diese Antwort verpasst mir einen kurzen Höhenflug. Die Kurtisane wirkt derart gerissen und gebildet, dass ich mich schon gefragt habe, ob es überhaupt etwas gibt, das sie nicht weiß - und hier habe ich wohl meine Antwort. Endlich eine Wissenslücke, die ich füllen kann. Endlich sitze ich einmal am längeren Hebel.
Ich gebe mir reichlich Mühe, meine Freude über ihre Unwissenheit aus meiner Mimik herauszuhalten, aber dem Schnauben nach zu urteilen, das ihr entweicht, bin ich damit nicht sehr erfolgreich. "Du willst mir erzählen, du weißt nichts davon?", zitiere ich scheinheilig ihre Worte von zuvor, als sie mich wegen meiner Unwissenheit über die Uman verspottet hat. "Oh richtig, ich vergaß, du armes kleines, Mädchen warst ja zu beschäftigt wegen deiner Einsamkeit die Betten der Bordellbesucher zu wärmen", necke ich sie mit einem selbstgefälligen Grinsen.
"Oh, ich war also einsam, ja? Im Gegensatz zu dir habe ich wenigstens nicht versucht, meinen Verstand in Rauschmitteln zu ertränken", schießt sie zurück und verdreht die Augen.
Mein Grinsen wird breiter. "Du gibst also zu, dass du einsam warst?"
Für eine Sekunde huscht etwas wie Verlegenheit über ihr Gesicht, dann schnalzt sie mit der Zunge und wirft mir einen scharfen Blick zu: "Wenn du mich dann endlich über meine Frage erhellen mögest, oh Allwissender."
"Aber sicher doch", erwidere ich aalglatt und mein Grinsen fällt in sich zusammen, ebenso wie mein Höhenflug. "Der Prinz Sols hat auf seiner Flucht sämtliche Schiffe zerstört und die Häfen in die Luft gejagt, nachdem er und die Prinzessin Lunas mit ihren Begleitern selbst zwei Schiffe nach Luna gekapert haben." Allein der Gedanke an Lucien und Snow sorgt für einen Stich von Einsamkeit in meinem Herzen. Das wäre der Moment gewesen, an dem ich unter anderen Umständen den stärksten Drink des Wirtshauses angefordert hätte, nur um diese verfluchte Eifersucht nicht länger zu spüren.
"Schlau", murmelt meine Partnerin. "Wirklich schlau. Es scheint, als seien diese beiden nicht auf den Kopf gefallen." Ihr Blick schweift in Richtung Meer ab, und noch weiter in die Ferne.
Das gefällt mir gar nicht. "Wenn du gerade daran denkst, dich mit Lucien und Snow zu verbünden - vergiss es", zische ich vehement.
Sie wirft mir einen Seitenblick zu. Falls sie überrascht ist, dass ich ihren Gedanken erraten konnte, so zeigt sie es nicht. "Wieso?", fragt sie stattdessen ohne mit der Wimper zu zucken.
"Weil...", versuche ich sofort zu antworten und stocke dann. Ja, warum eigentlich? Warum stört mich der Gedanke von diesem Trio so sehr?
Lucien und Snow sind stark. Sie sind derzeit die einzigen, die dem König Paroli bieten können. Wieso sollte man sich nicht mit ihnen verbünden und die Welt retten wollen? Wieso sollte man nicht ein Held werden und von allen gefeiert werden wollen?
Argwöhnisch verengt sie die Augen. "Wenn es daran liegt, dass ich ein Mädchen bin-", beginnt sie, aber ich lasse sie nicht aussprechen.
"Das ist es nicht!", fahre ich mit erhobenen Händen dazwischen und zucke im nächsten Moment zusammen. Ich war zu laut.
Vielleicht sollte ich auch einmal erklären, warum wir uns überhaupt dieses Gespräch leisten können, obwohl wir doch auf der Flucht sind und vor Morgengrauen außerhalb der Stadtmauern sein sollten.
Einfach gesagt reicht die Mauer der Uman, das schwarze Finsternis-Zeug, das laut meiner Begleitung Za'dou genannt wird, scheinbar endlos. Da wir es nicht berühren dürfen, da uns die Uman sonst hören, führt kein Weg hindurch - weswegen wir versuchen es zu umgehen. Angesichts meines geschwächten Zustands, da mein Körper zu einem unsportlichen Wrack verkommen ist, hat sie beschlossen nahe bei mir zu bleiben, für den Fall, dass ich umkippen sollte. Zwar habe ich äußerlich sehr dagegen protestiert, bin innerlich aber mehr als dankbar dafür. Alleine wäre ich auf dieser Flucht längst geschnappt worden.
Und ja, auch wenn es noch so töricht sein mag: Ich vertraue ihr weit genug, dass sie mich nicht zurücklassen würde, wenn ich tatsächlich umkippen würde. Wann immer ich auf unserem Weg hinterher gehinkt habe, ist sie ein Stück weit zurückgekehrt, damit wir uns nicht aus den Augen verlieren.
Nichtsdestotrotz versuchen wir aber effizient und leise voranzukommen. Die Soldaten trauen sich nicht so nahe an das Za'dou heran, als dass sie eine große Bedrohung für uns darstellen könnten - darauf pokern wir zumindest, denn wir haben hier nirgends welche gesehen - und die Uman sollten nicht auf uns aufmerksam werden, solange wir nicht in ihr Gebiet eindringen. Daher bewegen wir uns nahe der schwarzen Materie fort und behalten sie andauernd im Auge.
Und bei meiner Müdigkeit ist ein Gespräch sehr hilfreich um nicht einzuschlafen und uns abzulenken, daher... Hier sind wir.
Ihr Gesichtsausdruck wird milder und ein kleines Lächeln erblüht auf ihren Lippen. Das erste, das nicht von Neckerei, Spott oder Hohn begleitet wird. "ich glaube dir - und für den Moment zählt nur, dass wir gemeinsam aus dieser Stadt herauskommen, ein Schiff auftreiben und uns auf das Meer hinauswagen. Wie wir danach verfahren können wir dann immer noch entscheiden."
"Wir?", hake ich schmunzelnd nach.
Sie schnalzt mit der Zunge, verdreht die Augen und verpasst mir einen leichten Klaps gegen die Schulter. "Jetzt hast du den schönen Moment verdorben!", beschwert sie sich grinsend.
Plötzlich pulsiert die Schwärze neben uns.
Meine Begleiterin und ich schaffen es gerade noch einen alarmierten Blick auszutauschen - und dann wird die Welt in die alles verschlingende Finsternis des Za'dou gehüllt.
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Freezing Fire
Fantasy↬Wenn Wahrheit und Lüge sich leidenschaftlich umschlingen...↫ ...Ich sehe ihn. Klar und deutlich sehe ich ihn, sehe sie beide, sehe ihr Feuer, ihre Glut. Ich kenne mein Ziel. Ich weiß, wohin ich muss. Jedes Quäntchen ihres Lichts schreit mir ihre Ge...
