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Caleb

Heute hätten wir geheiratet. In einer perfekten Welt würde ich jetzt Emilia in meinen Armen halten, während wir auf unserer Feier mit Champagner anstoßen und über unsere gemeinsame Zukunft lachen.

Stattdessen sitze ich alleine in einer düsteren Bar, die nach verschüttetem Alkohol und abgestandenen Zigarettenrauch riecht. Vor mir stehen ein halb geleerter Whiskey und ein randvoller Aschenbecher – die einzigen Begleiter in dieser gottverdammten Nacht.

Ich starre seit Stunden auf das Display meines Handys – es ist ein Bild von Emilia und mir. Das Bild, welches mein Vater damals geschossen hat, als wir gemeinsam im Urlaub waren.

Mein Kopf pocht und in meinen Gliedern schmerzt der Unfall von gestern, mehr als ich gedacht hätte. Ich habe das Auto einfach übersehen und bin direkt in die Seite reingefahren.

Eigentlich sollte ich froh sein, dass nicht mehr passiert ist. Ich bin über das Dach gerutscht und auf der anderen Seite auf dem Bordstein geknallt. Dabei habe ich mir vermutlich die Rippen gebrochen. Doch ich wollte ja nicht ins Krankenhaus.

Als ich das endlich mit dem Notarzt geklärt hatte, wollte ich gehen, doch vor der Türe überraschte mich Emilia. Sie muss zufällig hier vorbeigefahren sein. Egal wie schlimm der Unfall gewesen ist, ihr Blick hat sich in mein Gedächtnis gebrannt.

Dieser Blick – voller Sorge, Enttäuschung und unausgesprochener Vorwürfe – hat sich in meine Seele eingebrannt und lässt mich nicht los. Ein Moment, der hätte so vieles verändern können, hätte ich mich einfach einen Moment lang auf sie eingelassen. Diese verdammte Sorge, als wäre ich ihr nicht vollkommen egal – als hätte sie sich mit meinem Versagen abgefunden.

Ich zerbrösle eine Zigarette zwischen meinen Fingern und beobachte wie sich der Tabak vor mir auf dem Tisch verteilt. Dabei versuche ich den aufkommenden Nebel in meinem Kopf zu lichten. Doch je mehr ich mich anstrenge, desto tiefer dringen die Erinnerungen an unser gemeinsames Glück und an den Tag, an dem alles anders hätte sein können, in mein Bewusstsein.

Plötzlich durchbricht eine Stimme die trügerische Einsamkeit meiner Gedanken.

"Caleb."

Noch bevor ich den Blick hebe, weiß ich genau zu wem sie gehört. Der amüsierte Unterton, macht mich jetzt schon aggressiv. Seufzend richte ich mich etwas auf. Esteban Rodriguez und zwei seiner plumpen Schläger stehen vor mir.

Sein Gesicht wird von diesem selbstgefälligen Grinsen geziert und seine maßgeschneiderte Kleidung wirkt fast lächerlich in dieser heruntergekommenen Bar. Die goldene Uhr an seinem Handgelenk funkelt im schummrigen Licht, als wolle sie mir all meine Fehler vor Augen führen. Für diesen Mist habe ich heute wirklich keine Kraft.

"Verpiss dich.", erklingt meine Stimme rau und heiser, betäubt vom Alkohol und den endlosen Zigaretten.

Ich nehme einen tiefen Schluck Whiskey, um meinen Zorn zu zügeln, doch innerlich brodelt die Wut, die sich seit gestern in mir zusammenbraut.

„So viel Freundlichkeit hätte ich nicht erwartet.", trieft seine Stimme vor Spot.

Ohne eine Einladung setzt er sich mir gegenüber, als wäre er mein Gast. Seine Leibwächter stehen schweigend neben ihm, ihre Blicke so eiskalt, dass es mich frieren sollte.

„Wie geht es Ava?" fragt er plötzlich, als wäre er wirklich an ihr interessiert.

Mein Griff um das Glas wird fester und ich sage nichts – denn ich weiß genau, was er damit bezweckt. Esteban lebt davon, in die Wunden anderer zu bohren, sie zu vergrößern, bis sie in einem Strudel aus Schmerz und Scham untergehen.

Parisi - Back To HimWo Geschichten leben. Entdecke jetzt