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Caleb

Die kühle Nachtluft umfängt mich, als ich auf die Terrasse trete. Meine Finger krallen sich um das Geländer, als könnte ich mich daran festhalten, um nicht in den Strudel meiner eigenen Gedanken gezogen zu werden. Der Whiskey in meinem Glas schimmert unter dem schwachen Licht, doch ich bringe es nicht über mich, einen weiteren Schluck zu nehmen. Mein Kopf ist klar, viel zu klar.

Ich höre die leichten Schritte hinter mir, bevor ich sie sehe. Emilia. Ihr Parfum mischt sich mit der kalten Luft, und allein der Duft reicht, um die Fassade, die ich mir mühsam aufgebaut habe, zum Bröckeln zu bringen. Ich will mich nicht umdrehen, will nicht in ihre Augen sehen, weil ich genau weiß, was ich darin finden werde. Aber es ist zwecklos. Ich kann ihr nicht entkommen.

Als ich sie neben mir wahrnehme, verändert sich alles. Wut flackert in mir auf, Enttäuschung brennt in meiner Brust. Eifersucht nagt an mir, krallt sich fest. Und dann ist da noch etwas anderes. Etwas, das ich seit Monaten zu verdrängen versuche: Liebe. Es ist zu viel auf einmal. Zu viel für einen einzigen Moment.

Dann höre ich ihre Stimme.

„Die Aussicht ist schön."

Ich lache bitter auf. „Wirklich, Emilia? Smalltalk? Willst du einfach nur checken, ob es mir wirklich dreckig geht?"

Sie zuckt zusammen, als hätte ich sie geschlagen. Gut. Vielleicht will ich das. Vielleicht will ich, dass sie fühlt, was ich fühle.

„Was?"

Der Hohn in meiner Stimme ist unüberhörbar. „Ist das nicht dein Ding? Dich zu vergewissern, dass ich wirklich leide? Dass ich kaputtgehe? Du stehst hier, als würde dich das alles nicht berühren, als wäre es nie passiert!"

Sie blinzelt mich an, fassungslos. Dann schüttelt sie den Kopf. „Das sagst du mir? Caleb, du hast dich von mir getrennt! Du hast mich verlassen, ohne eine Chance, ohne ein Gespräch, ohne einen verdammten Grund, den ich hätte verstehen können! Und jetzt wirfst du mir vor, dass ich versuche, damit normal umzugehen?"

Ich presse die Lippen zusammen. Mein Kiefer mahlt. „Du hast dich in diesen Rachefeldzug gestürzt und hast doch gar nicht mehr mitbekommen, was das mit mir gemacht hat. Kein Wort, keine Reaktion. Du hast doch nicht mal versucht zu reden."

Ihre Stimme schwankt zwischen Wut und Fassungslosigkeit. „Mein Rachefeldzug?"

„Ja, dein Rachefeldzug!", wiederhole ich und spüre, wie meine Wut ins Unermessliche steigt.

„Glaubst du wirklich, dass es um Rache ging? Ich wollte das nicht, Caleb! Ich wollte niemals dieses Monster werden und jemanden umbringen."

Ich lache kalt. „Ach nein? Und trotzdem hast du es getan. Sogar Vasca hast du dazu gebracht, Rosario zu erschießen."

Sie ballt die Hände zu Fäusten. „Ich hatte keine Wahl!"

Ich spüre, wie meine Kontrolle bröckelt. „Du hast mich in diese Lage gebracht! Luan wollte, dass ich meinen Vater töte. Du wolltest, dass ich Luan töte. Und ich..." Sie bricht ab, holt tief Luft. Ich sehe, wie ihre Schultern zittern.

„Ich wollte nie, dass Vasca Rosario tötet, ich wollte, dass er leidet. So wie ich. Luciano hätte einfach diese Pille nehmen können, aber er entschied sich für die Wahrheit. Die Wahrheit, dass er dafür gesorgt hatte, dass ich dieses Monster werde. Er wollte mich dazu machen. Ich habe nie darum gebeten!"

Ich höre die Verzweiflung in ihrer Stimme, aber es ändert nichts an dem brennenden Bild in meinem Kopf. „Und dann? Dann stehst du heute hier, lächelst einen fremden Mann an, lässt ihn dich anfassen, als wäre das alles nie passiert?"

Parisi - Back To HimWo Geschichten leben. Entdecke jetzt