Kapitel 97

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Jonnes Sicht

„Bist du sicher?" Sanna sah mich an, während sie das zweite Bündel aus dem Wärmebettchen hob. „Der Arzt hat gesagt, nur wenn er wach ist und..."
„Er ist wach", unterbrach ich sie. „Mama war vor einer Stunde bei ihm. Er hat nach ihnen gefragt."
Die Zwillinge. Zwei Jungs. Sechsunddreißig Stunden alt. Und ihr Papa hatte sie noch nicht im Arm gehabt.
Ich nahm den Kleinen. Er war so leicht. So lächerlich leicht, dass ich Angst hatte, zu atmen. Er trug einen blauen Strampler, zwei Nummern zu groß. Mama hatte gesagt, er hat Samus Grübchen. Ich sah sie. Selbst im Schlaf.
Sanna nahm den zweiten, er hatte ein blaues Mützchen an. Die Wut-Falte zwischen den Brauen, von der Mama erzählt hatte. Er war jetzt entspannt.
„Fertig?", fragte Sanna.
Ich nickte. Mein Hals war zu.

Seijas Sicht

Die Tür ging auf. Ich stand neben Samus Bett, richtete sein Kissen zum hundertsten Mal. Er war wach. Blass, erschöpft, aber wach. Die Augen klarer als im Aufwachraum.
„Hey", sagte ich. „Besuch für dich."
Jonne kam rein. Dann Sanna. Jeder mit einem Bündel im Arm.
Samus Blick ging sofort zu ihnen. Er sagte nichts. Er konnte nicht. Seine Lippen zitterten. Die Hand auf der Decke krampfte sich zusammen, löste sich, krampfte sich wieder.
„Ganz ruhig", flüsterte ich und setzte mich zu ihm auf die Bettkante. „Wir machen langsam."
Jonne trat vor. „Paps? Das hier ist Elias. Samu lächelte leicht und hatte Tränen in den Augen.
„Darf ich?", fragte er. Seine Stimme war heiser.
Jonne nickte und beugte sich vor. Ganz vorsichtig legte er ihm den Kleinen in den Arm. Ich stützte Samus Ellenbogen, schob Kissen drunter, damit er nicht das ganze Gewicht halten musste.
Der Moment, in dem Samu seinen Sohn zum ersten Mal hielt.
Er erstarrte. Komplett. Nur seine Augen bewegten sich. Rauf und runter, über das winzige Gesicht, die geschlossenen Lider, die Grübchen.
„Hallo", flüsterte er. Das Wort brach ihm. „Hallo, Elias."
Der Kleine schmatzte im Schlaf. Eine winzige Hand löste sich aus der Decke und krallte sich in Samus OP-Hemd.
Samu schloss die Augen. Eine Träne lief über seine Schläfe, in den Verband.
„Er hält mich fest", sagte er leise. „Er hält mich fest." Ich lächelte und spürte ebenfalls Tränen über meinem Wangen laufen.
Sanna trat vor. Ihre Augen waren auch rot. „Leevi ist eifersüchtig", sagte sie leise und legte ihm seinen zweiten Sohn in den anderen Arm. Wieder stützte ich, wieder schoben wir Kissen.
Jetzt lag er da. Links und Rechts seine zwei Söhne. Auf seiner Brust, die noch vor zwölf Stunden aufgeschnitten war. Über seinem Herzen, das fast aufgehört hätte zu schlagen.
Es war ganz still. Nur das Piepen des Monitors. Und zwei kleine, schnaufende Atemzüge.
Samu sah zu mir hoch. Er sagte nichts. Er musste nicht. In seinem Blick lag alles: Dafür. Für sie. Für euch bleib ich. Siebzig Prozent, Hundert Prozent, egal.
Jonne setzte sich auf die andere Seite des Bettes. Sanna stand am Fußende. Ich hatte meine Hand auf Samus Schulter.
Fünf Menschen. Eine Familie. Zum ersten Mal fast komplett.
Die Tür ging leise auf. Eve stand im Rahmen und kam langsam ins Zimmer gelaufen. Sie lächelte und wischte sich ihre Tränen aus dem Gesicht. Samu, liefen immer noch Tränen über das Gesicht, er hob den Blick und lächelte seine Mutter an. Ich lebe. Wir leben.
Eve lächelte zurück. Und ihre Hand ging an ihren Mund.
Niemand sagte _Alles wird gut_. Das konnte keiner versprechen.
Aber in dieser Sekunde, mit zwei Babys auf der Brust eines Mannes, der nicht laufen konnte, aber atmete, war es gut.

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