Seijas Sicht
Man hatte uns rausgeschmissen.
„An die frische Luft", hatte Lina bestimmt und dabei so überzeugend auf die Tür gezeigt, dass niemand auch nur versucht hatte zu widersprechen. „Winter ist kein Grund, den ganzen Tag drinnen zu sitzen. Bewegung, Tageslicht und kalte Luft gehören genauso zur Reha wie eure Übungen."
Samu hatte gespielt geseufzt.
„Ich werde also aus der Reha geworfen." Mit grunzelter Stirn sah ich Lina an. „Ganz genau." Lina grinste und deutete mit dem Daumen Richtung Tür.
„Unmenschlich." murmelte Samu lachend, zog sich seine geliebte IFK Mütze auf und lief mit uns nach draußen.
Jetzt saßen wir alle vor der Klinik und genossen die Ruhe.
Der Winter hatte die Berge in eine dicke weiße Decke gehüllt. Die Tannen trugen Schnee auf ihren Ästen, und jedes Mal, wenn ein leichter Wind durch die Kronen fuhr, rieselten glitzernde Flocken zu Boden. Unser Atem stieg als kleine weiße Wolken in die kalte Luft, während irgendwo in der Ferne ein Räumfahrzeug über die Straße fuhr.
Es war still. Nicht die bedrückende Stille der letzten Wochen. Sondern eine friedliche Stille.
Ich saß auf einer der Holzbänke und hatte Levi unter meiner geöffneten Winterjacke an die Brust gelegt. In seinem kleinen Wollanzug und der gestrickten Mütze sah er aus wie ein winziger Schneebär. Er trank zufrieden und hatte seine kleine Hand um meinen Finger geschlossen.
Ich konnte den Blick kaum von ihr lösen. Noch immer fühlte sich alles unwirklich an. Unser Sohn. Samu neben mir. Und wir alle zusammen.
Samu saß in seinem Rollstuhl direkt an meiner Seite. Eine dicke Wolldecke lag über seinen Beinen, die Hände hatte er tief in den Jackentaschen vergraben. Nur sein linker Fuß bewegte sich unter der Decke immer wieder leicht hin und her. Ich bemerkte jede einzelne Bewegung. Seit der Nacht mit dem Brief wurde er jeden Tag ein bisschen sicherer. Heute Morgen hatte er mit dem linken Knöchel mehrere langsame Kreise gemacht. Lina hatte nichts gesagt. Sie hatte nur gelächelt. Und das hatte gereicht.
Vor uns hockte Jonne mitten im Schnee. Seine Jeans wurde langsam nass, doch das schien ihn überhaupt nicht zu interessieren. Zwischen seinen Beinen saß Elias, dick eingepackt in einen dunkelblauen Schneeanzug. Mit seinen Fäustlingen versuchte er, die Schneeflocken einzufangen, die langsam vom Himmel tanzten.
„Du musst schneller sein", erklärte Jonne ernst.
Elias quietschte begeistert und griff erneut daneben. „Er hört wirklich auf dich", meinte ich lachend. „Natürlich." Jonne grinste.
„Ich bin schließlich sein großer Bruder." „Und sein persönlicher Clown", ergänzte Samu. „Das gehört zur Stellenbeschreibung."
Alle lachten. Sanna kam mit einem Papphalter voller dampfender Kaffeebecher aus dem Klinikgebäude. „Kaffee-Lieferung!"
Sie verteilte die Becher der Reihe nach. Den letzten stellte sie wie selbstverständlich vor Eve ab. „Schwarz. So, wie immer." sagte sie.
Eve nahm den Becher entgegen und lächelte ihre Tochter an.
„Du bist die beste!" sagte Eve. „Na klar." Sanna pustete in ihren eigenen Kaffee. „Einer von uns muss ja der beste sein!"
Eve schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ihr seid unmöglich."
„Von irgendwem müssen wir es ja haben", sagte Samu.
Seine Mutter hob nur eine Augenbraue. „Von eurem Vater ganz bestimmt nicht." „Also doch von dir." grinste Samu. „Samu."
„Ja, Mama?"
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie du mit fünf versucht hast, die Katze mit Marmeladenbrot zu füttern."
Sanna lachte sofort los. „Das hat er wirklich gemacht?"
„Natürlich." Eve nickte.
„Er war der festen Überzeugung, dass die Katze traurig aussah."
Samu zuckte mit den Schultern. „Sie hatte Hunger."
„Sie hatte gerade gefressen." berichtete Eve.
„Vielleicht wollte sie Nachtisch." Samu zuckte mit den Schultern und sah seine Mutter kurz an.
„Du warst schon immer hoffnungslos." lachte Eve.
„Aber liebenswert." grinste Samu. „Darüber kann man streiten."
Ich beobachtete die beiden und musste lächeln.
Es tat gut, Samu mit seiner Mutter lachen zu sehen. Nach allem, was passiert war, wirkten diese kleinen Neckereien fast wie Medizin.
Levi löste sich von meiner Brust und sah mich mit halb geschlossenen Augen an.
„Na, satt?" Ich hob ihn vorsichtig an meine Schulter und strich ihm sanft über den Rücken. Ein paar Sekunden lang passierte nichts.
Dann kam ein erstaunlich lauter Rülpser. Jonne drehte sich sofort um. „Ganz der Vater." lachte er. „Jetzt hört aber mal auf."
Samu schüttelte grinsend den Kopf. „Warum bekomme immer ich die Schuld?" „Weil es lustig ist", antwortete Sanna.
„Und weil es stimmt", ergänzte Eve.
Ich musste so lachen, dass mir die Tränen in die Augen stiegen.
Samu sah mich an und lächelte. „Das habe ich vermisst."
Ich nickte und lächelte ihn an. „Ich auch."
Vor uns streckte Elias plötzlich beide Arme nach Eve aus.
Sie stellte ihren Kaffee ohne zu zögern auf die Bank und nahm ihren Enkel auf den Schoß.
„Na komm her, mein Schatz."
Kaum lag er in ihren Armen, schmiegte er den Kopf an ihre Schulter und seufzte zufrieden.
„Siehst du?", sagte Jonne. „Oma ist eben der gemütlichste Platz."
Eve strich Elias liebevoll über den Rücken.
„Früher hast du genauso auf meinem Arm geschlafen."
Jonne grinste.
„Stimmt."
„Und Samu auch", ergänzte Sanna. „Allerdings hat er dabei immer geschnarcht." „Ich habe nie geschnarcht!" protestierte Samu.
Eve und Sanna sahen sich an. Dann brachen beide gleichzeitig in Gelächter aus. „Doch", sagte Eve schließlich. „Ganz fürchterlich."
Samu sah gespielt empört zu mir.
„Bitte sag wenigstens du etwas zu meiner Verteidigung." Ich lächelte unschuldig. „Ich kenne dich nur als Erwachsenen."
„Na toll." Samu verschränkte seine Arme.
„Aber falls Aamu später schnarcht, wissen wir immerhin, von wem sie es hat." Samu stöhnte übertrieben. „Ich werde hier eindeutig gemobbt." „Nein", sagte Eve und legte ihm kurz die Hand auf den Arm. „Du wirst geliebt." Für einen Augenblick wurde es still.
Nicht unangenehm. Einfach warm.
Samu nahm meine Hand und verschränkte seine Finger mit meinen.
Sein Griff war kräftiger als noch vor ein paar Wochen.
Ich spürte, wie viel Kraft langsam in ihn zurückkehrte.
Er bemerkte meinen Blick und lächelte. Ganz unauffällig bewegte sich unter der Decke wieder sein linker Fuß.
Ein kleines Wippen. Fast unscheinbar. Und doch bedeutete es für uns alles.
Samu sah in die Runde. Zu seiner Mutter. Zu Sanna. Zu unseren Kindern. Zu den beiden Babys. Dann sah er mich an.
„Weißt du", sagte er leise, „ich habe lange gedacht, dass der Unfall uns alles genommen hat." Ich drückte seine Hand. „Und jetzt?"
Er ließ den Blick noch einmal über unsere Familie schweifen.
Eve mit Elias auf dem Arm. Sanna, die lachend ihren Kaffee festhielt.
Jonne, der schon wieder versuchte, Elias zum Lachen zu bringen.
Levi, der friedlich in meinen Armen eingeschlafen war.
Samu lächelte.
„Jetzt glaube ich, dass er uns gezeigt hat, was wirklich zählt."
Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
„Familie?" „Familie."
Eve nickte leise.
„Solange wir zusammen sind, finden wir für alles andere auch einen Weg."
Niemand widersprach.
Weil jeder wusste, dass sie recht hatte.
Für einen Moment sagte keiner etwas.
Wir saßen einfach dort, in der klaren Winterluft, mit heißem Kaffee in den Händen, zwei schlafenden Kindern und dem Gefühl, dass Hoffnung manchmal ganz leise zurückkommt.
Und zum ersten Mal seit dem Unfall fühlte sich Zukunft nicht mehr beängstigend an. Sondern einfach... möglich.
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Fiksi PenggemarFortsetzung von Dieser eine Augenblick Neun Jahre war es her das Samu und Seija geheiratet hatten und die beiden noch drei weitere Kinder bekommen hatten. Während Riku sich bei keinem gemeldet hatte, hatte seine Ex Freundin und Seijas gute Freundin...
