Kapitel 101

10 1 2
                                        

Samus Sicht Zwei Wochen später in der Reha

Der Raum roch nach Schweiß und Desinfektionsmittel. Und nach Gummi, von den Matten. Von den Barren.
Barren.
Zwei Metallstangen, die mich anstarrten. Wie ein Urteil. „Nur, wenn sie sich bereit fühlen", sagte Lina. Die Physiotherapeutin. Zopf, keine Versprechen. Genau mein Typ. „Heute ist kein Muss-Tag, nur ein Kann-Tag!" Ich saß im Rollstuhl. Die Beine fühlten sich an, wie fremdes Gespräch. Seit der Panik, die ich hatte, hatte der linke Zeh jeden Tag gezuckt. „Sie sind bereit", sagte Seija. Sie stand neben mir, Levi auf dem Arm. Er war wach, sah sich mit gossen Augen um. Als würde er wissen, dass heute was zählt. Jonne stand auf der anderen Seite des Barrens. Elias an seiner Brust, eingewickelt in eine Decke mit kleinen Eishockeyschlägern drauf. Sanna hatte sie gekauft. Kein Druck, klar. Aber meine Nervosität konnte ich nur schwer zurückhalten. „Paps?" Jonne sah mich an. Keine Angst im Blick. Nur ... Glauben. Dieser Junge. Nach allem. „Egal was passiert. Du hast schon gewonnen. Weißt du das?" Er lächelte mich schwach an, worauf ich nickte. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen. Wie in der Nacht. Aber diesmal war es kein Panik-Hämmern. Es war Kampf-Hämmern! Lina trat vor. „Okay. Ich stütze links. Jonne rechts, falls ... falls wir kippen. Aber wir kippen nicht. Wir setzen um. Aus dem Rollstuhl, Stand, drei Sekunden. Das ist das Ziel! Nicht gehen. Stehen!"
Drei Sekunden. Drei. Wie die Prozent. Dreißig. Siebzig. Alles lief auf Zahlen hinaus. „Fertig?" Ich griff nach den Barren. Kalt. Fest. Echt. „Auf drei", sagte Lina. „Eins ... Zwei ..." Ich dachte nicht an meine Beine. Ich dachte an meine Kinder. Eishockey, die Bühne, die anderen Jungs. Deal ist Deal! „Drei!" Ich zog. Lina hob unter den Achseln. Jonne stütze den Ellenbogen. Und ich stand!
Für eine Sekunde dachte ich, ich müsste kotzen. Der Boden schwankte. Mein Kopf war voller Blut und Angst. Meine Beine waren Pudding. Aber sie trugen. Zitternd. Schreiend. Aber sie trugen. „Gott ..." keuchte ich. „Eins", zählte Lina. Ruhig. „Atmen. Samu, Sie stehen!" Ich sah runter. Meine Füße. In Socken. Auf dem Boden. ‚Mein' Boden. Ich sah hoch. Jonne hatte Tränen in den Augen, aber er grinste. So breit, dass es schon wehtat. „Zwei!" Seija hielt Levi hoch. Er strampelte, als würde er klatschen. Elias gluckste bei Jonne. „Du machst das!" Flüsterte Seija. „Du machst das wirklich!" Mein linker Fuß zitterte wie verrückt. Der rechte hing, wie tot, aber egal. „Drei!" Lina nickte. „Und ... absetzen!"
Sie ließen mich langsam zurück in den Rollstuhl sinken. Ich fiel das letzte Stück. Die Arme brannten. Die Beine waren Feuer, aber ich lachte. Es kam aus mir raus, kaputt und laut und ehrlich. Ich lachte, bis ich heulte. Jonne war sofort bei mir, Elias zwischen uns. Er legte seine Stirn an meine. „Drei Sekunden, Paps. Drei Sekunden sind ein Leben!" Seija kniete sich hin, Levi auf ihrem Schoß. Sie nahm meine Hand, legte Levi's winzigen Finger dazu. „Spürst du das?" Fragte sie. Ich spürte, seine Haut. Warm. Lebendig. „Ja!" sagte ich. „Ja Kaunis, ich spüre das!" Lina stand auf, räusperte sich. Sogar sie blinzelte. „Das, Herr Haber ... das schreiben wir als Meilenstein auf. Fetter roter Stift!"
Ich sah an ihr vorbei und sah meine Mutter in der Tür stehen. Sie hatte alles gesehen! Ihr liefen Tränen über die Wangen. Ich streckte ihr meine Hand entgegen, sie kam sofort zu uns, nahm meine Hand und drückte sie gegen ihr schlagendes Herz. Ich in die Runde und wischte mir meine Tränen aus dem Gesicht. „Es tut mir leid, dass ich euch so viele Sorgen bereite!" Seija sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Was? Was redest du da?" Ich konnte einen kleinen Unterton hören. „Kaunis, wenn ich nicht losgefahren wäre, um für dich einen Ring zu besorgen, dann wäre das hier alles nicht passiert!" Ich deute auf meine Beine. „Dann könnte ich dich jetzt Unterstützen, bei den Babys, bei unseren Kindern, bei der Suche nach einem Haus!" Meine Frau legte ihre Hand an meine Wange und sah mir tief in die Augen. „Samu, ich liebe dich! Du bist hier und du lebst, damit hilfst du mir schon mehr als genug!" Ihr liefen Tränen über das Gesicht. „Wirklich Paps, manchmal redest du wirklich blödes Zeug!" Jonne sah mich an, stand auf und setzte sich auf einen Stuhl. „Ich fühle mich aber momentan so nutzlos!" murmelte ich und spürte die erste Träne über meine Wange laufen. Meine Mutter nahm mein Gesicht und sah mich ernst an. „Mein geliebter Sohn, ich bin jeden Tag aufs neue so dankbar, dass du noch am Leben bist! Du hast so eine wundervolle Frau, die dich liebt! Du hast mir wundervolle Enkelkinder geschenkt! Du hast so viel durchmachen müssen in der letzten Zeit und doch bist du jetzt hier, bei mir und bei deiner Familie, also sag mir nicht das du nutzlos bist!" Ich musste schlucken und ließ meinen Kopf an die Schulter von meiner Mutter sinken. „Onkel Mikko sucht außerdem schon nach ein Haus für uns!" Hörte ich Jonne sagen, was mich seufzen ließ. „Ihr habt ja recht, aber ich hasse es einfach, wenn ich nicht laufen kann und nicht das machen kann, wonach mir gerade ist!" „Du darfst gerne hinter Levi und Elias herrennen, wenn sie laufen gelernt haben!" Unterbrach mich Seija. Kurz musste ich lachen und drückte leicht ihre Hand, egal wie mies es mir geht, sie weiß wie sie mich immer zum Lachen bringen kann.

You are mine Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt