Samus Sicht
09:00 Uhr - Reha-Klinik Espoo, Therapiebereich
Ich stützte beide Hände auf die Griffe des Gehbarrens und atmete langsam aus.
Vor mir verläuft der knapp zehn Meter lange Übungsweg. Grauer Boden, weiße Markierungen, ein Spiegel an der Stirnseite des Raumes. Eigentlich nichts Besonderes. Heute wirkte die Strecke trotzdem unendlich lang.
„Bereit?", fragt Physiotherapeutin Lina.
Ich nickte nur.
„Bereit."
„Dann konzentrieren wir uns nur auf den nächsten Schritt. Nicht auf das Ende." Das sagte sie jedes Mal.
Und jedes Mal hatte sie recht.
Ich verlagerte vorsichtig das Gewicht auf das linke Bein. Das rechte folgte langsam. Ein Ziehen wanderte durch den Oberschenkel. Nicht stechend.
Aber deutlich. Sofort blieb ich stehen.
„Wie stark?", fragte Lina sofort.
„Vielleicht eine Drei." murmelte ich
„Gut. Dann weiter." Samu atmete tief ein. Noch ein Schritt. Dann noch einer.
Jede Bewegung kostete Kraft.
Nicht nur körperlich.
Vor dem Unfall hätte ich diese Strecke wahrscheinlich in fünf Sekunden zurückgelegt, ohne darüber nachzudenken. Jetzt zählte jeder einzelne Schritt. Hinter der Glasscheibe zum Flur entdeckte ich Seija, was mir ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.
Sie stand mit den Zwillingen im Kinderwagen dort und beobachtete mich.
Als sie merkte, dass ich sie gesehen hatte, lächelte sie und hob den Daumen. Kein Mitleid. Keine Sorge.
Einfach nur Stolz.
Das half mehr, als sie vermutlich ahnte.
„Nicht nach draußen schauen", sagt Lina freundlich.
„Der Spiegel."
Ich nickte und richtete den Blick wieder nach vorn.
Im Spiegel erkennt ich mich selbst.
Das graue Trainingsshirt klebte bereits am Rücken.
Eine Haarsträhne war mir in die Stirn gefallen.
Ich sah müde aus. Aber nicht krank.
Das ist neu.
„Sehr gut", lobte Lina.
„Du belastest das rechte Bein heute deutlich gleichmäßiger."
„Fühlt sich trotzdem komisch an."
„Das wird noch eine Weile so bleiben."
Ich nickte, da ich es wusste.
Trotzdem hoffte ein kleiner Teil von mir jeden Morgen, dass plötzlich alles wieder normal ist.
„Noch drei Schritte." sagte Lina.
Ich setzte den linken Fuß vor.
Dann den rechten.
Langsam. Kontrolliert.
Beim letzten Schritt begann der Oberschenkel leicht zu zittern.
Automatisch greift ich fester an den Holm und spüre die leichte Panik in mir.
„Nicht festklammern", erinnert Lina.
„Vertrau deinem Bein."
„Leichter gesagt als getan." murmelte ich.
„Natürlich." sagte sie und stellt sich neben mich.
„Aber du bist nicht mehr der Mann von vor drei Wochen." Ich runzel die Stirn.
„Damals bist du mit dem Rollstuhl hier hereingekommen." Ich denke einen Moment darüber nach. Stimmt, sie hatte Recht.
Damals hatte allein das Umsetzen ins Bett Kraft gekostet. Heute stehe ich.
Ich gehe, langsam. Aber aus eigener Kraft. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich der Weg hinter mir länger an als der vor mir. „Pause", sagt Liina.
Sie reichte mir eine Wasserflasche.
Ich trank einen großen Schluck.
Draußen winkte Seija mit einem der Babys auf dem Arm. Ich winkte zurück.
Die kleine Hand des Jungen bewegte sich zufällig in meine Richtung.
„Hat er gerade gewunken?", fragt ich grinsend. Seija nickt übertrieben begeistert. „Natürlich hat er das."
Liina lachte. „Ich glaube, da ist jemand dein größter Fan." Ich sah noch einmal zu seiner Familie.
Vielleicht dauerte die Reha länger als mir lieb war. Vielleicht wurde nicht jeder Tag einfach.
Aber heute fühlte sich der Weg nach Hause zum ersten Mal wirklich erreichbar an.
Lina nahm meine Unterlagen in die Hand und sah sie an.
„Ich möchte dir etwas zeigen."
Sie drehte das Klemmbrett zu mir.
Mehrere Felder waren grün markiert.
„Weißt du noch, was wir in deiner ersten Woche hier als Ziele festgelegt haben?"
Ich nickte. „Selbstständig aufstehen. Sicher mit den Unterarmgehstützen laufen. Treppen steigen. Genug Kraft im rechten Bein aufbauen."
„Genau."
Mit der Spitze ihres Kugelschreibers tippt sie auf die einzelnen Punkte.
„Bis auf die Ausdauer hast du inzwischen alle Ziele erreicht."
Ich schaute sie überrascht an.
„Wirklich?"
Sie lächelt.
„Du siehst deine Fortschritte oft nicht, weil du jeden Tag nur den nächsten Schritt im Blick hast. Ich sehe dich aber seit deiner Aufnahme hier."
Sie blätterte eine Seite zurück.
„Am ersten Tag hast du für zehn Meter fast sechs Minuten gebraucht und brauchtest zwei Therapeuten zur Sicherung."
Sie hob den Blick.
„Heute bist du dieselbe Strecke in knapp anderthalb Minuten gelaufen - mit nur einer Begleitung und deutlich mehr Belastung auf dem rechten Bein."
Ich lasse die Zahlen einen Moment auf mich wirken, so hatte ich es noch gar nicht betrachtet.
Für mich fühlte sich jeder Tag gleich an.
Ein kleines bisschen besser.
Ein kleines bisschen stärker.
Nie nach einem großen Fortschritt.
„Deshalb", fährt Liina fort, „werden wir morgen im interdisziplinären Team über deine Entlassung sprechen."
Ich blinzelte, in meinen Augen sammelten sich Tränen.
„Meine... Entlassung?"
„Wenn alles so bleibt wie bisher und auch die Ärztin zustimmt, rechnen wir damit, dass du Ende nächster Woche nach Hause kannst."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Ich starrte sie einfach nur an.
„Nach Hause?"
Sie nickt.
„Mit einem ambulanten Therapieplan und regelmäßigen Kontrollterminen. Natürlich wirst du noch Unterstützung brauchen und darfst dein Bein weiterhin nicht überlasten. Aber aus therapeutischer Sicht bist du bald bereit für den nächsten Schritt."
Ich spürte, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete.
Nicht vorsichtig. Nicht zurückhaltend.
Ein echtes Lächeln.
„Seija wird sich freuen." flüsterte ich.
„Davon bin ich überzeugt."
Als sie gemeinsam den Therapieraum verließen, wartete Seija bereits mit den Zwillingen auf dem Flur.
Schon aus der Entfernung erkannte sie den Ausdruck in Samus Gesicht.
„Was ist passiert?", fragte sie neugierig.
Ich sehe erst zu Lina, dann wieder zu ihr.
„Sie haben gerade gesagt, dass sie nächste Woche über meine Entlassung sprechen."
Seija blieb wie angewurzelt stehen.
„Wirklich?"
Lina nickt lächelnd.
„Wenn die letzten Therapietage so verlaufen wie heute, stehen die Chancen sehr gut."
Einen Augenblick lang sagte Seija nichts.
Dann traten ihr Tränen in die Augen.
Sie stellte den Kinderwagen zur Seite, ging vorsichtig zu mir und legte ihre Arme um mich - achtsam, damit sie mein Bein nicht belastete.
„Das sind die schönsten Nachrichten seit Wochen", flüstert sie.
Ich schloß für einen Moment die Augen.
Zum ersten Mal seit dem Unfall fühlte sich der Gedanke an Zuhause nicht mehr wie ein ferner Wunsch an.
Sondern wie etwas, das ganz nah vor mir lag.
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You are mine
FanfictionFortsetzung von Dieser eine Augenblick Neun Jahre war es her das Samu und Seija geheiratet hatten und die beiden noch drei weitere Kinder bekommen hatten. Während Riku sich bei keinem gemeldet hatte, hatte seine Ex Freundin und Seijas gute Freundin...
