Kapitel 106

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Samus Sicht

Der Morgen schlich sich beinahe lautlos ins Zimmer.
Das blasse Winterlicht legte sich wie ein silbriger Schleier über die weiße Bettdecke. Draußen glitzerte der frisch gefallene Schnee, unberührt und still. Die Welt wirkte, als würde sie für einen einzigen Augenblick den Atem anhalten.
Im Zimmer war es warm.
Seija und die Babys schliefen tief.
Zum ersten Mal seit Wochen konnte meine Frau durchschlafen.
Ihr Kopf ruhte auf meiner Brust, eine Hand lag über meinem Herzen, als hätte sie sich selbst im Schlaf vergewissert, dass es gleichmäßig weiterschlug.
Ich war längst wach.
Ich hatte sich kaum bewegt.
Nicht, weil mir das Bein wehtat.
Sondern weil ich Angst hatte, sie zu wecken.
Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich sie das letzte Mal so friedlich gesehen hatte. Keine Sorgen zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab. Keine Tränen lagen in ihren Augen. Nur Ruhe.
Ich betrachtete sie mit einem Lächeln.
Langsam strich ich ihr eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht.
Seija regte sich.
Ihre Wimpern flatterten leicht, bevor sie langsam die Augen öffnete.
Für einen kurzen Moment wirkte sie orientierungslos.
Dann traf sie meinem Blick.
Und sofort lächelte sie.
Dieses Lächeln ließ mein Herz jedes Mal schneller schlagen.
„Guten Morgen", flüsterte ich.
„Guten Morgen."
Ihre Stimme war noch ganz verschlafen.
„Wie lange beobachtest du mich schon?"
Ich grinste ertappt.
„Nicht lange."
Sie hob eine Augenbraue.
„Du lügst."
„Vielleicht... zehn Minuten."
„Samu!"
„Oder zwanzig."
Sie lachte leise.
„Das ist ja unheimlich."
„Ich konnte einfach nicht wegsehen."
Ihre Wangen färbten sich leicht rosa.
Nach all den gemeinsamen Jahren schaffte ich es immer noch, sie verlegen zu machen.
Sie hob langsam die Hand und strich über meine Wange.
„Du musst dich dringend rasieren."
„Aha."
„Dein Bart sieht schon langsam aus wie der vom Weihnachtsmann."
„Beschwerde angenommen." lachte ich.
„Und deine Haare stehen auch in alle Richtungen."
Ich lachte.
„Dafür hast du Schlafhaare."
Sie griff erschrocken nach ihrem Hinterkopf.
„Ganz schlimm?"
„Ein kleines Vogelnest."
„Na toll."
„Das süßeste Vogelnest, das ich je gesehen habe."
Sie musste lachen.
„Du wirst im Alter immer kitschiger."
„Nur bei dir."
Unsere Blicke trafen sich.
Keiner sagte mehr etwas.
Es war, als würde die Zeit langsamer werden.
Seija betrachtete jede Einzelheit meines Gesichts.
Die kleinen Lachfältchen.
Den Bartschatten.
Und meine Augen.
Diese warmen, blaugrauen Augen, in denen sie sich schon vor zehn Jahren verloren hatte.
„Was?", fragte ich leise.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Ich sehe dich einfach gern an."
Mein Lächeln wurde weicher.
„Ich dich auch."
Sie rückte näher.
So nah, dass sich unsere Knie berührten.
Dann unsere Stirn.
Ich schloss die Augen.
„Weißt du...", flüsterte sie.
„Hm?"
„Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren."
Ich öffnete die Augen wieder.
Sie waren plötzlich feucht.
„Ich weiß."
„Und jetzt bist du hier."
„Ja."
„Und ich kann dich einfach ansehen."
Ich legte meine Hand an ihre Wange.
Ganz langsam.
„Ich bin nicht weg."
Eine Träne lief über ihre Wange, die ich mit den Daumen auffing.
„Nicht weinen." flüsterte ich.
„Ich weine, weil ich glücklich bin."
Ich lächelte.
„Dann darfst du."
Sie lachte unter Tränen.
„Du Idiot." murmelte sie.
„Deiner." flüsterte ich leicht lächelnd.
„Für immer." flüsterte sie und lächelte ebenfalls.
„Für immer."
Einen Moment lang sagte keiner etwas.
Dann flüsterte ich:
„Darf ich dich küssen?"
Sie lächelte.
„Nach zehn Jahren fragst du mich?"
„Gerade deshalb."
„Warum?"
Ich sah sie an.
„Weil ich nie möchte, dass du glaubst, ich würde irgendeinen Moment mit dir für selbstverständlich halten."
Ihr Herz zog sich zusammen.
„Dann lautet meine Antwort..."
Sie legte beide Hände an mein Gesicht.
„Ja."
Ganz langsam beugte ich mich vor.
Unsere Lippen berührten sich nur hauchzart.
Fast ehrfürchtig.
Als würden wir uns nach einer Ewigkeit zum ersten Mal begegnen.
Der erste Kuss war kurz.
Nur ein vorsichtiges Kennenlernen.
Als wir uns einen Atemzug voneinander lösten, sahen wir uns an.
Seija lächelte.
„Das war zu kurz."
Ich musste lachen.
„War es das?"
Sie nickte.
„Viel zu kurz."
„Dann müssen wir das wohl ändern."
Diesmal küsste ich sie erneut.
Länger.
Sanfter.
Meine Hand glitt in ihren Nacken, während sie sich an meine Schulter schmiegte.
Der Kuss wurde inniger.
Nicht stürmisch.
Nicht leidenschaftlich.
Sondern voller Wärme.
Voller Vertrauen.
Voller all der unausgesprochenen Gefühle, die sich in den vergangenen Wochen angestaut hatten.
Seija lächelte gegen meine Lippen.
Sie hatte vergessen, wie schön sich Zuhause anfühlte.
Sie erwiderte den Kuss, strich mit den Fingern durch meine Haare und rückte noch ein kleines Stück näher, bis zwischen uns kein Zentimeter Abstand mehr blieb.
Zeit spielte plötzlich keine Rolle mehr.
Es gab nur uns beide.
Nur diesen einen Augenblick.
Und dann-
Klopf. Klopf.
Wir reagierten nicht.
Wir hörten es gar nicht, oder wollten es nicht hören.
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
„Guten Mor..."
Die Stationsärztin blieb mitten im Satz stehen.
Vor ihr saßen wir noch immer eng umschlungen auf dem Bett.
Wir küssten uns so vertieft, dass wir ihr Eintreten überhaupt nicht bemerkt hatten.
Die Ärztin räusperte sich demonstrativ.
„Ähm..."
Keine Reaktion.
Sie musste sich das Lachen verkneifen.
„Ich sehe schon... die Rehabilitation verläuft in manchen Bereichen ausgesprochen erfolgreich."
Sofort lösten wir uns erschrocken voneinander.
Seija wurde augenblicklich knallrot.
„Oh Gott!"
Ich fuhr mir verlegen durch die Haare.
„Wir... äh..."
„...haben das Klopfen nicht gehört", beendete die Ärztin grinsend seinen Satz.
„Das war offensichtlich."
Seija hielt sich die Hände vors Gesicht.
„Das ist mir furchtbar peinlich."
„Ach was."
Die Ärztin lachte herzlich.
„Nach allem, was Sie beide hinter sich haben, gönne ich Ihnen diesen Moment von Herzen."
Ich lächelte verlegen.
„Trotzdem... entschuldigen Sie."
„Schon vergessen."
Sie zwinkerte uns beiden zu.
„Ich klopfe nächstes Mal einfach lauter."
Seija stöhnte leise.
„Bitte erinnern Sie mich daran, nie wieder jemanden mit 'Herein' hereinzubitten."
Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen.
„Zu spät."
Die Ärztin schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„So... und bevor ich Sie beide noch einmal störe, würde ich vorschlagen, wir schauen uns jetzt lieber Ihr Bein an, Herr Haber."
Ich seufzte gespielt.
„Der romantische Teil des Morgens ist wohl offiziell beendet."
Seija nahm meine Hand und drückte sie sanft.
„Nein."
Ich sah sie an.
„Der fängt gerade erst wieder an." antwortete sie lächelnd.

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