Kapitel 99

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Seijas Sicht - 2:37 Uhr

Ich wachte von Samus Atem auf. Er ging zu schnell. Zu flach. „Samu?" Sofort war ich wach und schaltete die Nachttischlampe an. Er lag da, die Augen weit aufgerissen und starrte an die Decke. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Die Hände krallten sich in die Bettdecke. „Es ist weg!" flüsterte er. „Es ist weg, Kaunis." Mein Magen verkrampfte sich, ich war leicht verwirrt. „Was ist weg?" „Das Gefühl. Eben ... eben war es noch da. Ich hab's gespürt. Das Ziehen. Und jetzt ..." Er keuchte. „Jetzt ist da nichts. Gar nichts. Gar nichts. Wie vor der OP. Wie tot." Panikattacke? Oder schlimmer? Einblutung? Neue Schwellung? Sofort drückte ich den Notfallknopf. Gleichzeitig griff ich nach seiner Hand. Sie war eiskalt. „Hey. Hey, sieh mich an. Nur mich." Ich schob mich auf die Bettkante, legte meine Hände an sein Gesicht. „Du atmest. Du bist da. Das ist nicht weg." „Wenn ich sie wieder nicht bewegen kann ..." Seine Stimme brach. „Wenn das vorhin nur ein Krampf war ... was dann? Was sag ich Jonne? Was sag ich den Kindern?"
Die Tür flog auf, die Nachtschwester Dr. Koskinen aus der Bereitschaft. „Herr Haber, Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn?" „Zehn!" Keuchte Samu. „Nicht das Bein. Die Brust. Es drückt. Ich kriege keine Luft!" Panik. Eindeutige Panik. Aber, das macht es nicht weniger echt!
Dr. Koskinen checkte die Werte. Sauerstoff 97. Puls 128. „Das ist Angst!" Sagte die Schwester ruhig zu mir, während sie eine Beruhigungsspritze aufzog. „Körperlich ist er stabil. Aber sein Kopf spielt ihm Streiche." Samu sah die Schwester voller Panik an. „Streiche? Ich spüre meine Beine nicht! Vorhin ging es! Jetzt nicht!" „Samu!" Ich beugte mich runter, bis meine Stirn seine berührte. „Vorhin hast du sie bewegt. Das war kein Traum. Jonne hat es gesehen. Lina hat es gesehen und ich habe es gesehen! Das nimmt dir keiner weg. Auch nicht die Angst!" flüsterte ich. Er schluchzte. „Was, wenn es das einzige Mal war?" Er sah mich verzweifelt an. „Dann war es das erste Mal! Und das erste Mal heißt, es gibt ein zweites Mal!" Antwortete ich. Die Schwester setzte die Spritze, was Samu zusammen zucken ließ. „Es wird in ein paar Minuten besser!" Sagte sie. „Atmen Sie mit ihrer Frau. Langsam. Ein durch die Nase, vier zählen, aus durch den Mund, sechs zählen!"
Ich machte es vor. Ein. Zwei. Drei. Vier. Aus. Samu versuchte es, verhaspelte sich und versuchte es erneut. Seine Hand klammerte sich an meine, so fest, dass es wehtat. Gut, denn Schmerz hieß fühlen.
Nach einer Ewigkeit wurde sein Atem flacher. Nicht ganz ruhig, aber es war kein Japsen mehr. „Besser?" fragte ich. Er nickte und sah von mir zu den Babys. „Es tut mir leid ..." Murmelte er leise. „Hör auf dich zu entschuldigen! Du hast gerade einen Marathon im Kopf gewonnen!" Dr. Koskinen zog sich zurück. „Wenn es wiederkommt, klingeln sie sofort! Aber das hier ... das war der Kopf, Herr Haber. Nicht der Rücken! Ihr Rücken kämpft. Ihr Kopf auch, das ist völlig normal!" Die Tür schloss sich. Wieder Stille. Nur die Babys, die selig schliefen, als wäre nichts gewesen. Samu schloss die Augen. Diesmal vor Erschöpfung, nicht vor Schmerz. Seine Finger lockerten sich um meine. Ich blieb die ganze Nacht sitzen, aus Angst das er wieder Panik bekam.

Jonnes Sicht - 6:44 Uhr

Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Sanna war um vier im Warteraum eingedöst, den Kopf an meiner Schulter. Die ganze Zeit starrte ich auf mein Handy. Auf den Brief. Für den Fall, dass ... um sechs Uhr hielt ich nicht mehr aus. Ich musste zu ihm. Die Tür zu Paps Zimmer stand einen Spalt offen. Kein Bitte nicht stören. Keine Visite. Leise schob ich sie auf und blieb stehen. Mama saß auf der Bettkante. Voll angezogen, aber sie sah aus, als hätte sie eine Woche nicht geschlafen. Ringe unter den Augen, die Haare zerzaust. Ihre Hand lag auf Paps Brust. Nicht auf der Decke. Direkt auf seiner Haut, unter dem Hemd. Als müsste sie sich vergewissern, dass da noch was schlug. Paps schlief. Aber nicht friedlich. Seine Stirn war zerfurcht, selbst im Schlaf. Schweiß im Haaransatz und seine Finger ... seine Finger krallten sich selbst bewusstlos noch in die Bettdecke. Die Babys. Im Beistellbett. Wach. Elias gluckste leise, Levi verzog das Gesicht. Aber beide waren still. Als würden sie spüren, dass man jetzt nicht schreit. Sofort war mir klar: Etwas war passiert! „Mama?" Meine Stimme war heiser vom Nicht-Schlafen. Sie zuckte zusammen und sah hoch. Erst zu den Babys und dann zu mir. „Hey großer!" flüsterte sie. Sie versuchte zu lächeln, was aber nicht wirklich klappte. „Bist du schon wach?" „Was war los?" Fragte ich leise, konnte mich aber keinen Millimeter vorwärts bewegen. „Er sieht ... Paps sieht aus, als ..." Mama stand auf. Ganz langsam, als täte ihr alles weh. Wahrscheinlich tat es das. Entbindung + Nachtwache + Panik. Die Rechnung! Sie kam zu mir und zog die Tür hinter sich zu, sodass wir auf dem Gang standen. „Er hatte eine Panikattacke!" sagte sie. Direkt. Keine Ausrede! „Heute Nacht, gegen drei!" Mir rutschte das Herz in die Hose. Schon wieder! „Warum? Die OP war gut! Er hat den Zeh bewegt. Lina hat ..." „Deswegen!" Unterbrach mich Mama. Ihre Augen wurden glasig, aber sie blinzelte die Tränen weg. „Weil er ihn bewegt hat. Und dann nicht mehr! Sein Kopf hat ihm erzählt, dass es das war. Dass es nie wieder geht!" Ich lehnte mich an die Wand. Die Kälte kroch durch mein T-Shirt. Genau wie im Warteraum. „Ist er ... ist es wieder weg? Das Gefühl?" „Nein!" sagte Mama sofort. „Nein, Jonne. Sein Kopf war weg. Nicht seine Beine. Der Arzt hat es gesagt. Und weißt du was?" Sofort schüttelte ich den Kopf. „Als die Panik vorbei war ... hat er den Zeh wieder bewegt. Von alleine. Im Schlaf!" Ein Zucken ging durch mich. Erleichterung. Wut. Angst. Alles gleichzeitig. „Warum hast du mich nicht geweckt?" Fragte ich. Es kam schärfer raus, als ich wollte. „Ich war unten ... Ich ..." „Weil du siebzehn bist!" Sagte Mama leise. „Und weil du gestern schon einmal deinen Vater brechen sehen hast. Und weil ich dachte ... ich dachte, ich schütze dich, wenn ich dich daraus halte." Ich sah sie an. Meine Mama. Stark, immer. Jetzt zitterten ihre Hände. „Tut es nicht", sagte ich. „Mich daraus halten schützt mich nicht. Es macht mich nur ... nutzlos!" Sie zog mich sofort in ihre Arme und drückte mich an sich. „Du bist nicht nutzlos! Du bist der Grund, warum er kämpft! Du und deine Geschwister!" Die Tür ging auf. Sanna stand vor uns und zeigte ins Zimmer. Paps war wach. „Jonne", sagte er heißer. „Komm her!" Sofort lief ich ins Zmmer und blieb neben seinem Bett stehen. „Mama hat es dir gesagt, oder?" Er nahm meine Hand und sah mich an. Ich nickte, war unfähig zu sprechen. „Gut! Keine Geheimnisse mehr. Nicht in dieser Familie!" Er drückte schwach meine Hand, was mich ein wenig lächeln ließ.

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