Seijas Sicht 4. Tag nach OP
Das Zimmer roch nicht mehr nach Blut und Narkose. Es roch nach Babycreme, nach kaltem Kaffee und nach Desinfektionsmittel. Nach Leben! Samu saß im Bett. Die Farbe kam endlich wieder zurück in sein Gesicht, die Babys schliefen im Beistellbett. Heute war der Tag, an dem wir rausfinden würden, ob stehen überhaupt eine Option war.
Es klopfte leise an der Tür. „Herr Haber? Ich bin Lina, Ihre Physiotherapeutin." Sie war jung, hatte lange schwarze Haare und Augen, die nichts versprachen. Was mich leicht lächeln ließ, ich konnte falsche Hoffnung nicht mehr ertragen. Samu nickte einmal, er nahm sofort meine Hand und drückte sie fester als sonst. „Okay!" Sagte Lina und schlug die Decke am Fußende zurück. Seine Beine sahen dünn aus. Blass. Fremd, im Gegensatz zu sonst. „Ich erkläre Ihnen alles, bevor wir anfangen. Nach so einer OP sind die Nerven wie ... wie ein Kabel, das einen Wackelkontakt hat. Manchmal braucht es nur einen Impuls. Manchmal dauert es."
Jonne stand in der Tür. Er war blass. Seit dem Aufwachraum war er nicht mehr von Samus Seite gewichen. „Paps?" „Ja, großer?" Samu sah zur Tür und lächelte seinen Sohn etwas unsicher an. „Ich bin hier!" Samu nickte wieder. Erst zu mir und dann zu Jonne. Lina legte ihre Hand an seinen linken Fuß. „Versuchen sie mal, die Zehen zu bewegen. Nur denken Sie dran. Ganz klein. Als würden Sie im Schlaf mit dem Fuß zucken!" Es war toten Still, ich hielt den Atem an. Ich hörte Jonne, wie er das Gleiche tat. Hörte die Babys schnaufen. Hörte das Blut in meinen Ohren. Samus Gesicht spannte sich an. Die Ader an seiner Schläfe trat hervor. Er konzentrierte sich so hart, dass seine Knöchel an meiner Hand weiß wurden.
Nichts.
Der Fuß lag da. Still. Tot. „Okay!" Sagte Lina sofort mit ruhiger Stimme. „Das ist normal. Ganz normal. Jetzt der rechte!" Samu schloss die Augen. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Beweg dich. Beweg dich, verdammt!
Wieder nichts. Ich sah, wie etwas in ihm brach. Nicht laut. Nicht mit einem schrei. Ganz leise. Seine Brust hob sich einmal, zu schnell. „Hey", flüsterte ich und beugte mich vor. „Hey, Atmen. Du atmest!" „Seija ..." Seine Stimme kippte. „Ich spüre sie nicht. Ich spüre gar nichts." Jonne lief einmal ums Bett, er nahm Samus andere Hand. Lina blieb professionell. „Herr Haber. Das waren vier Tage. Die Schwellung im Spinalkanal ist noch da. Die Nerven sind beleidigt. Das heißt nicht, dass sie tot sind. Wir haben Patienten, da kam der erste Zuck nach zwei Wochen!"
Zwei Wochen. In zwei Wochen konnte alles vorbei sein! Die Babys würden ihre ersten Augenblicke haben und ihr Vater würde sie vom Bett aus sehen. „Nochmal!" Sagte Samu. Seine Augen waren auf. Er war wütend, dass konnte ich an seinem Blick deutlich sehen. „Nochmal links!" Lina nickte. „Denken sie an etwas. Nicht an den Fuß. An ein Gefühl. An ein Geräusch. Eishockey. Kufen auf Eis. Sie auf der Bühne. Ganz egal an was, aber nicht an Ihren Fuß!" Samu schloss die Augen. Ich sah, wie er wegging, weg aus dem Zimmer, weg aus dem Bett. Sein Gesicht veränderte sich. Anspannung.
Dann ... ein Zucken. So klein, dass ich dachte, ich hätte es mir eingebildet. Aber Linas Hand flog hoch. „Stopp! Haben Sie das gesehen?" Jonne schüttelte den Kopf unf beugte sich vor. „Was? Wo?" „Der große Zeh. Links!" Lina zeigte drauf, ihre Stimme war immer noch ruhig, aber da war ein Unterton. Etwas wie Ehrfurcht. „Nochmal Herr Haber. Nicht drücken, nur denken!" Samu keuchte. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dachte an Eis, an Jonne, an seine Musik. Und dann bewegte er ihn. Den linken großen Zeh. Einen Zentimeter. Hoch und wieder runter. Es war kein Schritt. Es war kein Gehen. Es war kein Stadion. Es war ein Zentimeter.
Jonne machte ein Geräusch, halb lachen, halb Schluchzen und schlug die Hände vor seinen Mund. Ich küsste Samus Schläfe, seine Wange, seine Hand, alles, was ich erreichen konnte. „Siehst du?", flüsterte ich. „Siehst du, du Idiot? Siebzig Prozent!" Samu ließ den Kopf ins Kissen fallen. Er weinte. Lautlos, erschöpft, erlöst. Seine Hand krallte sich in meine. „Sagt den Babys", krächzte er. „Sagt ihnen, dass ihr Papa ... das ihr Papa heute den ersten Schritt gemacht hat." Lina lächelte zum ersten Mal. „Das, Herr Haber, war mehr als ein Schritt. Das war ein Startschuss!" Draußen vor der Tür stand Eve. Sie hatte es von der Scheibe aus gesehen. Ihre Hand lag auf ihrem Bauch, als wäre ihr schlecht. Aber sie weinte auch. Ich winkte sie herein, was sie kurz lächeln ließ, ehe sie die Tür öffnete. „Hey Kuschelmonster!" Flüsterte sie und stellte sich neben Lina ans Bett. „Ich werde wieder gehen können, Mama!" Schluchzte Samu, was mich lächeln ließ. Samu drehte den Kopf zu mir. „Fühlst du das?" fragte er leise. Ich war verwirrt. „Was?" Er legte meine Hand auf seine Brust. Unter dem OP-Hemd. Sein Herz. Es rast noch, aber es schlug. Stark. „Das!", flüsterte er. „Das wird nie weggehen. Egal, was meine Beine machen!" Ich küsste ihn direkt auf den Mund, es war mir egal, wer alles im Zimmer war! „Und solange das schlägt stehen wir!", sagte ich leise und küsste ihn erneut. Samu schloss die Augen, er war erschöpft, aber glücklich.
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You are mine
FanfictionFortsetzung von Dieser eine Augenblick Neun Jahre war es her das Samu und Seija geheiratet hatten und die beiden noch drei weitere Kinder bekommen hatten. Während Riku sich bei keinem gemeldet hatte, hatte seine Ex Freundin und Seijas gute Freundin...
