Kapitel 92

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Seijas Sicht

Die Tür fiel hinter Sanna und Jonne ins Schloss. Stille. Nur das Piepen von Samus Monitor und das leise schnaufen aus dem Babybettchen. Ich lag wieder auf dem Kissen, meine Hand noch warm von Samus Brust! Sein Herzschlag. Stark. Trotz allem. Aber der Satz von eben hing noch im Raum: können wir später noch mal vorbeikommen? Später! Als wäre später selbstverständlich! Ich sah zu ihm rüber. Samu schlief, das Gesicht blass, die Augenringe tief. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Nicht beim Jetlag, nicht nach drei Shows hintereinander, noch nicht mal, als er mich aus Rikus Fängen befreit hatte! Samu Haber war immer der Fels. Der, der stand, wenn alle anderen fielen! Und jetzt? Jetzt zitterte seine Hand, wenn er sie hob. Jetzt keuchte er, wenn er sich bewegte.

Was, wenn er nie wieder auf die Bühne kann? Der Gedanke kam ohne Vorwarnung. Gemein und kalt. Ich schämte mich sofort dafür! Zärtlich strich ich einem der Zwillinge über die winzige Stirn. So warm. So neu. Und mein Mann lag einen Meter daneben, verkabelt, mit Rippen, die gebrochen waren. Was, wenn ICH das nicht kann? Acht Kinder. Ein Teenager, der gerade fast seinen zweiten Vater verloren hätte. Zwei Neugeborene. Und ein Mann, der Monate brauchen würde, bis er wieder stehen kann. Geschweige denn Gitarre spielen. Ich war überglücklich. Ja. Gott, ich war wieder so glücklich, dass sie da waren. Dass ER da war! Aber unter dem Glück lag etwas Schweres. Angst! Und Wut! Wut auf den Winter hier in Finnland, auf die glatten Straßen! „Kaunis?“ Seine Stimme war nur ein Kratzen. Ich drehte den Kopf. Seine Augen waren offen, glasig von Schmerzmitteln, aber klar. „Ich bin hier“, flüsterte ich und nahm wieder seine Hand. Diesmal zitterte er nicht. „Woran denkst du?“ Ich hätte lügen können, aber Samu kannte mich nun mal zu gut! „Daran ob ich stark genug bin!“ Samu zog mich einen Millimeter näher. Es kostete ihn Kraft, das konnte ich sehen. „Du musst nicht stark sein! Du musst nur da sein. Den Rest machen wir!“ Er lächelte schwach. „Wir“ Das Wort löste den Kloß in meinem Hals. Ich nickte und ließ die Tränen über meine Wangen laufen.
In dem Moment klopfte es. Die Tür ging auf. Und an der Haltung des Arztes sah ich sofort: Prellungen und Brüche waren nicht alles!

Dr. Laakso war der Oberarzt. Ich kannte ihn von den Ultraschall-Terminen. Sonst lächelte er immer, wenn er hereinkam. Heute nicht. Er hatte eine Akte in der Hand und diesen Blick, den Ärzte aufsetzen, wenn sie gleich Sätze sagen, die ein Leben teilen. In _davor_ und _danach_. „Frau Haber?", sagte er leise. „Herr Haber? Können wir kurz reden?" Samu drückte meine Hand. Ich sah, wie seine Knöchel weiß wurden. Er hatte es auch gesehen. „Ist was mit den Babys?", fragte ich sofort. Mein Herz schlug bis in den Hals. „Nein, nein." Dr. Laakso schüttelte den Kopf und kam näher. „Den Zwillingen geht es hervorragend. Es geht um Sie, Herr Haber." Er stellte sich ans Fußende von Samus Bett. „Die ersten Röntgenbilder nach dem Unfall haben Rippenbrüche, Prellungen und eine Gehirnerschütterung gezeigt. Das wissen Sie." Samu nickte. Nur ein Ruck mit dem Kinn.
„Wir haben zur Sicherheit ein MRT vom Rücken gemacht. Wegen der Taubheit in Ihren Beinen, die Sie gestern Abend gemeldet haben." Taubheit? Samu hatte nichts gesagt. Ich starrte ihn an. Er wich meinem Blick aus. Dr. Laakso atmete einmal durch. „Sie haben eine Fraktur am Lendenwirbel L2. Und es gibt eine Einblutung im Spinalkanal. Wir müssen operieren, und zwar zeitnah. Um dauerhafte Schäden zu verhindern." Dauerhafte Schäden. Das Wort fiel wie ein Stein in den Raum.
„Dauerhaft heißt …?", Samus bStimme war heiser. „Im schlimmsten Fall eine inkomplette Querschnittslähmung", sagte Dr. Laakso direkt. Kein Drumherum. „Im besten Fall bleiben Kribbeln und Schwäche im linken Bein zurück. Aber stehen, gehen - das ist mit Reha realistisch. Die OP gibt Ihnen die beste Chance."
Ich hörte mein eigenes Blut in den Ohren rauschen. Bühne. Tour. Eishockey mit Jonne. All die SPÄTER, die eben noch selbstverständlich waren. „Wie hoch ist die Chance?", fragte ich. Meine Stimme klang fremd.
„Wir haben hier ein gutes Neuro-Team. Ich würde sagen 70 zu 30 für eine volle Erholung der Motorik. Aber ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann."
Meine Kehle schnürte sich zu, es war, als ob jemand mein Hals zudrückte und nicht locker lassen wollte! Ich sah wieder zu Samu, aber er sah mich immer noch nicht an. „Ich … Ich muss kurz auf die Toilette …“ Log ich, ließ Samus Hand los und lief mit schnellen Schritten ins Bad, was hier zu dem Zimmer gehörte.

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