Seijas Sicht
Mit einem leisen Klicken fällt die Tür hinter mir ins Schloss.
Ich bleibe einen Augenblick stehen und lasse den Blick durch das Zimmer wandern.
Nur das kleine Nachtlicht über dem Waschbecken brennt noch. Es taucht den Raum in ein warmes, gedämpftes Licht. Die Vorhänge sind halb zugezogen, dahinter glitzern die Lichter von Espoo in der Dunkelheit.
Links am Fenster stehen zwei weiße Beistellbettchen.
In beiden schlafen unsere Babys.
Der kleine Junge liegt auf dem Rücken, die winzigen Hände neben dem Kopf. Sein Bruder hat sich halb auf die Seite gedreht und hält noch immer den Stoffhasen fest, den Eve ihr vor ein paar Tagen mitgebracht hat.
Ich höre ihr gleichmäßiges Atmen.
Es beruhigt mich sofort.
Erst dann sehe ich zu Samu.
Er sitzt halb aufgerichtet im Reha-Bett. Mehrere Kissen stützen seinen Rücken, das rechte Bein liegt ausgestreckt unter der weißen Decke. Das graue T-Shirt, das ich ihm von zu Hause mitgebracht habe, steht ihm viel besser als jedes Klinikhemd.Heute bin ich froh, dass ich es eingepackt habe.
Es lässt ihn wieder wie Samu aussehen.
Nicht wie einen Patienten. Ich lasse den Blick über ihn wandern. Nicht prüfend.
Nicht auf der Suche nach neuen Verletzungen oder Veränderungen.
Einfach nur, weil ich ihn ansehen möchte. Er bemerkt es sofort.
„Was?", fragt er mit einem kleinen Lächeln. Ich schüttele den Kopf.
„Nichts."
„Das war eindeutig ein ›Nichts‹ mit Bedeutung." Ich muss leise lachen.
„Ich habe nur gedacht, dass du endlich wieder wie du aussiehst.
" Sein Lächeln wird weicher. „Das nehme ich als Kompliment."
„War auch eins." Für einen Moment sagt keiner von uns etwas.
Wir sehen uns einfach nur an.
Vor drei Wochen wäre diese Stille unerträglich gewesen. Heute fühlt sie sich wie eine Pause an.
Eine, die wir beide gebraucht haben.
„Komm her", sagt er schließlich und klopft neben sich auf die Matratze.
Ich ziehe meine Schuhe aus und stelle sie ordentlich nebeneinander.
„Du wirst nie damit aufhören, oder?", fragte er.
„Womit??" leicht schmunzelte ich.
„Die Schuhe immer exakt parallel hinzustellen."
„Sie stehen einfach gerade."
„Sie stehen millimetergenau."
„Das beruhigt mich."
„Mich macht es wahnsinnig."
„Du bist nur neidisch, weil deine immer kreuz und quer herumliegen."
„Früher." Ich sehe ihn grinsend an.
„Stimmt." lacht er.
Vor dem Unfall hätte ich jetzt wahrscheinlich seine Schuhe aufgehoben und er hätte behauptet, sie hätten genau dort hingehört.
Allein der Gedanke bringt mich zum Schmunzeln. "Sie schlafen endlich!" Flüsterte ich.
Er nickt und wirft einen kurzen Blick zu den Bettchen.
„Seit fast einer Stunde. Levi wollte erst noch mit dem Mobile diskutieren."
Ich muss lachen, halte mir aber sofort die Hand vor den Mund.
„Nicht so laut", mahnt er grinsend.
„Du hast angefangen."
„Ich weiß."
Ich schüttle den Kopf und gehe langsam zu ihm.
Mit jedem Schritt fällt etwas von der Anspannung des Tages ab.
Heute Morgen Physiotherapie mit Samu.
Danach Logopädie.
Mittags die Zwillinge füttern.
Nachmittags Einkaufen.
Anschließend noch zwei Stunden Papierkram mit der Sozialarbeiterin.
Eigentlich bin ich müde.
So müde, dass mir schon auf dem Flur die Augen zugefallen wären.
Doch als ich Samu sehe, fühlt sich alles plötzlich leichter an.
„Komm her", sagt er leise.
Ich setze mich vorsichtig auf die Bettkante.
„Noch näher."
„Ich will dein Bein nicht stoßen."
„Seija du kannst mir nicht weh tun." sagte er leise.
„Du überschätzt meine Ungeschicklichkeit."
„Nein", sagt er grinsend. „Die kenne ich ziemlich gut."
Ich verdrehe gespielt die Augen.
„Sehr witzig."
Langsam lege ich mich neben ihn.
Ganz außen.
Wie automatisch.
Er sieht mich einen Moment an.
Dann hebt er nur leicht eine Augenbraue.
„Seija."
„Hm?"
„Kannst du dich etwas näher zu mir legen?."
„Ich habe Angst."
„Warum?"
Ich zucke mit den Schultern.
„Weil ich Angst habe, dir weh zu tun."
Sein Blick wird weich.
„Du bist seit drei Wochen die Vorsichtigste von allen."
„Ist das etwas Schlechtes?"
„Nein."
Er streckt langsam seine Hand unter der Decke hervor.
„Aber ich vermisse meine Frau."
Ich sehe auf seine ausgestreckten Finger.
Sie warten einfach.
Ohne Druck.
Ohne Eile.
Schließlich schiebe ich meine Hand in seine.
Sofort schließen sich seine Finger um meine.
„Eiskalt", flüstert er.
„Wie immer."
„Nein."
Er reibt sanft mit dem Daumen über meinen Handrücken.
„Heute noch kälter."
„Draußen war es frisch."
„Das erklärst du jedes Mal."
„Weil es stimmt."
Er lacht lautlos.
Ich rutsche ein kleines Stück näher.
Die Matratze gibt unter meinem Gewicht nach.
Ganz vorsichtig lehne ich den Kopf an seine Schulter.
Für einen Augenblick halte ich die Luft an.
Nicht aus Angst.
Eher aus Gewohnheit.
So lange war jede Berührung mit Vorsicht verbunden.
Samu legt den Kopf leicht gegen meinen.
„Das habe ich vermisst", murmelt er.
„Ich auch."
Wir schweigen.
Aus einem der Bettchen ist ein leises Seufzen zu hören.
Beide drehen wir gleichzeitig den Kopf.
Unser Sohn bewegt sich kurz, schmatzt im Schlaf und kuschelt sich tiefer in seine Decke.
Samu lächelt.
„Er hat deinen Schlaf."
„Zum Glück."
„Levi dagegen schläft wie ich."
„Dann tut mir die Kita jetzt schon leid."
Er grinst.
„Frechheit."
Ich lache leise und spüre, wie seine Schulter sich unter meinem Kopf bewegt.
Zum ersten Mal seit Wochen fühlt sich dieser Moment nicht wie eine Ausnahme an.
Nicht wie ein Besuch.
Nicht wie Krankenhaus.
Sondern einfach wie wir.
Vier Menschen in einem kleinen Zimmer.
Nicht da, wo wir eigentlich sein möchten.
Aber genau da, wo wir gerade zusammen sein können.
Und genau für heute Abend reicht das.
Samus Sicht
Eine ganze Weile sagen wir nichts.
Es muss auch nichts gesagt werden.
Ich spüre Seijas Kopf an meiner Schulter, ihre Finger zwischen meinen und ihren ruhigen Atem. Nach den letzten Wochen fühlt sich selbst das wie ein kleines Wunder an.
Mein Blick wandert zu den beiden Bettchen.
Im Schein des Nachtlichts sehen unsere Zwillinge fast unwirklich friedlich aus.
Elias hat eine Faust über den Kopf gestreckt, als würde er sich gegen einen unsichtbaren Gegner behaupten. Levi hat den Schnuller längst verloren. Er liegt neben seiner Wange, ohne dass er es bemerkt.
„Sie werden so schnell größer", flüstere ich.
Seija nickt kaum merklich.
„Jeden Morgen denke ich, sie hätten sich über Nacht verändert."
„Und ich verpasse so viel."
Der Satz rutscht mir heraus, bevor ich ihn zurückhalten kann.
Seija richtet sich ein wenig auf und sieht mich an.
„Nein."
„Doch."
„Nein, Samu."
Sie spricht ruhig, aber bestimmt.
„Du verpasst nichts, weil du es willst. Du kämpfst jeden Tag dafür, wieder gesund zu werden. Das ist kein Verpassen."
Ich senke den Blick.
„Trotzdem war ich nicht da, als unsere Babys zu Welt kamen."
„Nein."
„Und wie sich die beiden das erste Mal gedreht haben."
Sie streicht mit dem Daumen über meinen Handrücken.
„Dann erzähle ich dir eben jedes einzelne Mal davon."
Ich lächle schwach.
„Mit allen Details?"
„Mit allen."
„Auch wenn sie fünf Minuten lang nur ihre Socke angesehen haben?"
Sie grinst.
„Vor allem dann."
Ein leises Schmatzen unterbricht unser Gespräch.
Beide sehen wir gleichzeitig zu den Bettchen.
Levi runzelt im Schlaf die Stirn. Seine kleinen Hände suchen kurz nach etwas, finden den Stoffhasen und zieht ihn fest an sich.
Sekunden später schläft er wieder ruhig weiter.
Seija lächelt.
„Er beruhigt sich immer mit dem Hasen." flüstert sie. "Gibs zu du hattest als Kind bestimmt auch so einen Hasen."
Ich muss lachen. "Es war ein Kissen." Murmelte sie, was mich ebenfalls zum lachen brachte.
Es tut gut.
Nicht dieses vorsichtige Lächeln, das ich mir in den letzten Wochen angewöhnt habe.
Sondern ein richtiges, wenn auch leises Lachen.
Seija stimmt erneut mit ein.
Sofort legen wir beide den Finger an die Lippen und schauen erschrocken zu den Kindern.
Nichts.
Beide schlafen weiter.
„Knapp", flüstere ich.
„Sehr knapp."
Sie schüttelt grinsend den Kopf.
„Früher hatten wir Angst, die Babys zu wecken."
„Und jetzt?"
„Jetzt haben wir Angst, sie wieder zum Schlafen zu bringen."
Ich nicke.
„Das ist tatsächlich anstrengender."
Wieder wird es still.
Diesmal fühlt sich die Stille noch wärmer an.
Nicht, weil nichts passiert.
Sondern weil alles Wichtige gerade da ist.
Seija.
Die Kinder.
Dieses kleine Zimmer.
Ich merke, wie sich ihre Finger langsam entspannen.
„Du bist müde", sage ich.
„Ein bisschen."
„Das war gelogen."
Sie seufzt leise.
„Ich könnte wahrscheinlich im Sitzen einschlafen."
„Dann bleib einfach hier."
Sie hebt den Kopf.
„Meinst du?"
„Natürlich."
„Falls die Nachtschwester kommt?"
„Dann denkt sie hoffentlich, dass meine Frau ihren Mann vermisst."
Seija lächelt so weich, dass ich sie am liebsten einfach nur ansehen würde.
Stattdessen zieht sie die Decke ein wenig höher über uns beide.
„Ich habe dich wirklich vermisst."
„Ich dich auch."
Sie schließt die Augen.
Nach wenigen Minuten wird ihr Atem gleichmäßig.
Ich bleibe noch eine Weile wach.
Draußen hatte es erneut zu schneien bekonnen.
Im Zimmer atmen drei Menschen ruhig.
Der vierte lächelt einfach nur in die Dunkelheit.
Zum ersten Mal seit dem Unfall fühlt sich die Zukunft nicht mehr so weit entfernt an.
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You are mine
FanfictionFortsetzung von Dieser eine Augenblick Neun Jahre war es her das Samu und Seija geheiratet hatten und die beiden noch drei weitere Kinder bekommen hatten. Während Riku sich bei keinem gemeldet hatte, hatte seine Ex Freundin und Seijas gute Freundin...
