Kapitel 206

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Sicht Leo
Am nächsten Morgen wache ich auf, als mir jemand durchs Haar streicht. Langsam öffne ich meine Augen und schaue direkt in Wincents. Kurz fühlt es sich an wie früher, da ist wieder diese Wärme in mir drinnen... Dann erkenne ich seinen Blick besser.
„Morgen" murmle ich und winde mich aus seiner Berührung.
„Leo" höre ich ihn heiser hinter mir, während ich nach meinen Krücken greife.
„Ich muss mal."
„Kannst du mir bitte sagen, was los ist?"
„Was soll sein?"
Ich humple ins Badezimmer und als ich wieder rauskomme, erwartet Wincent mich schon.
„Was ist los mit uns?" fragt er relativ leise, immerhin befinden wir uns direkt neben Kilians Zimmer, aber ich sehe, dass er schreien will „Warum bist du plötzlich noch weiter weg als vorher?"
„Ich bin weit weg? Ich bin genau hier! Du hältst mich auf Abstand und ich dich genauso, ja. Das ist los! Ich ertrage deine Nähe gerade auch nicht!"
„Willst du... die... Leo, bitte nicht!"
„Nein, will ich nicht! Ich will mich darauf konzentrieren, wieder richtig gesund zu werden, ich will herausfinden, wer ich bin, ich will meinen Sohn kennenlernen."
„Du willst das alles herausfinden, ist klar, aber dazu gehört auch dein Mann! Hier, das bin ich und ich bin genau hier! Du bist irgendwo ganz woanders! Ich bin nicht derjenige, der dich auf Abstand hält! Ich würde dich am liebsten festhalten und nie mehr loslassen."
„Ich brauche einfach nur Zeit, um das alles zu realisieren, um wieder klarzukommen, um wieder der Mensch zu sein, den du mal geliebt hast und der dir die Liebe geben kann, die du verdienst. Das alles hier liegt nur an mir. Ich brauche diese Zeit!"
„Ich will meine Frau wieder, dafür würde ich jeden Preis zahlen!"
Vielleicht werde ich aber nie wieder diese Frau sein. Vielleicht werden wir nie wieder ‚Wincent und Leo' sein. Mir fehlen vier Jahre meines Lebens... Wer sowas nicht selber durchgemacht hat, der kann das nicht nachempfinden. Wincent damit auch nicht.

Und so koexistieren wir für die folgenden Wochen nur. Ich gehe brav zur Phsyio und so langsam wird's echt wieder was mit mir. Ich hab noch keine 100% und manchmal noch ziemliche Schmerzen, aber ich bin alleine fast schon wieder lebensfähig. So, dass es Wincent jetzt auch mal wieder möglich war geschäftlich wegzufahren. Ok, meine Mutter kommt und schläft die paar Tage bei uns. Grade bin ich aber noch bei der Physiotherapie. Wincent hat mich noch gefahren und ist dann weiter nach München, meine Mum und Kili holen mich ab.
„Und wie geht's dir mental?" fragt Hannes mich beiläufig, während ich meine Übungen mache.
„Es ist immer noch komisch, aber ich glaube, dass ich langsam ankomme."
„Und bei dir und Wincent? Wie läuft's da?"
„Angespannt" seufze ich und stütze mich etwas hoch.
„Inwiefern?"
„Ich liebe ihn, das spüre ich, aber ich kann mich nicht fallen lassen. Nicht so wie vorher. Er hat gelitten, das weiß ich... Aber ich kann ihn gerade nicht so an mich ranlassen. Irgendwann, bald, wenn ich weiß, wer ich jetzt bin, wo mein Platz hier ist. Hoffentlich."
„Geht es um die Nachrichten?"
„Ich hab sie dir gezeigt, du hast die ganzen Fotos und Videos gesehen."
„Er nicht, nehme ich an."
„Er hat genug durchgemacht, ich will ihm nicht noch mehr zumuten."
„Ich glaube nicht, dass ihm das irgendwas ausmachen würde. Leo-"
„Ich will gerade echt nicht über mein verkorkstes Leben und meine vielleicht gescheiterte Ehe reden."
Ich spüre eine Träne, die langsam über meine Wange kullert.
„Leo... deine Ehe ist nicht gescheitert, sie hat doch noch nichtmal richtig angefangen und ihr habt einen wundervollen Sohn. Ihr solltet euch vielleicht einfach mal zusammensetzen und reden. Mir konntest du auch von dem Ganzen erzählen."
„Du kannst meine Situation nachempfinden. Du weißt, was ich durchmache. Außerdem ist er auf dem Weg nach München."
„Aber doch nicht für immer, oder? Wann kommt er wieder?"
„In ner Woche."
„Na dann! Ihr bekommt das alles wieder hin da bin ich mir sicher!"

„Na komm hoch! Schluss für heute, wirst du abgeholt?"
„Ja, meine Mum und Kilian holen mich ab, sie müssten auch recht zeitnah hier aufschlagen."
„Okay, dann bring ich dich mal runter."
Hannes hilft mir beim Aufstehen, bevor wir zusammen nach unten gehen, wo mein Sohn direkt auf mich zu gerannt kommt.
„Na, wo hast du denn Oma gelassen?"
„Da hinten!" grinst er und zeigt in die Richtung, von wo er gerade gekommen ist.
Da kommt auch meine Mutter gerade angelaufen, aber natürlich etwas langsamer als Kilian.
„Mama, ich hab dir was gemalt, schau" grinst er und hält mir ein Blatt hin.
Ich nehme es entgegen und beim Betrachten muss ich automatisch noch breiter grinsen. Papa, Kili, Mama. Familie.
„Das ist unglaublich schön! Das hängen wir zuhause direkt auf, Ja?"
„Ja!"

Alles was uns reichtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt