Kapitel 232

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„Ich hab Scheiße gebaut, ordentliche Scheiße sogar, ich sehe es ja ein, aber kannst du nicht auch mich ein bisschen verstehen?"
Wincent setzt sich wieder auf seinen Stuhl und sieht mich an.
„Was soll ich denn daran verstehen?"
„Warum ich es dir nicht erzählt habe!"
„Nein, einfach nein, ich kann es nicht verstehen."
„Ich hab dir schon gesagt, dass ich es bereut habe, sobald es passiert ist. Natürlich erzähle ich der Frau, die ich über alles liebe, von dem größten Fehler den ich gemacht habe, während sie im Koma lag. Du hättest genauso gehandelt wie ich."
„Ich weiß nicht, wie ich gehandelt hätte."
„Siehst du!"
„Aber wir können hier nicht mit ‚Was wäre wenn' oder so argumentieren. Das ist nämlich alles nicht der Fall. Fakt ist, dass du mit dieser Frau geschlafen hast und auch, wenn sie kein Kind von dir hat, hattest du noch Kontakt zu ihr, während ich nicht im Koma lag, während ich mit unserem Sohn zuhause war... Und statt Klartext zu reden und mir die Wahrheit zu sagen, lässt du mich eiskalt im Glauben, dass alles okay ist."
„Ich geh ne Runde ins Gym" brummt er und steht ruckartig auf, um aus der Küche zu verschwinden.
„Ist das jetzt dein Ernst?!"
„Ja! Wenn wir nicht normal miteinander reden können und das zusammen durchstehen können... Lass mich einfach gehen, um mich abzureagieren!"
„Welchen Grund hast du dazu?"
„Bin in zwei, drei Stunden wieder da."
Und damit verschwindet er mit einem lauten Türknallen, welches mich zusammenzucken lässt. Ich bleibe allein in der Wohnung zurück, lasse mich seufzend auf die Couch fallen. Hab ich überreagiert? Nein, meine Reaktion ist vollkommen verständlich! Ich meine... Ach keine Ahnung man! Ich weiß nicht mehr, was ich denken, glauben, fühlen oder meinen darf oder soll. Frustriert greife ich nach meinem Handy, um Zola anzurufen. Die jedoch geht nicht ran. Hannes, Nils, Alex und Toby genauso. Demnach verkrieche ich mich alleine in der Wohnung. Ich bin so in meine Gedanken vertieft, dass ich mich extrem erschrecke, als es klingelt. Nachdem ich nochmal durchgeatmet habe, gehe ich zur Tür. Eventuell auch mit der Hoffnung, dass es Wincent ist und er seinen Schlüssel vergessen hat... Als ich auf dem Bildschirm sehe, wer unten vor der Tür steht, zücke ich sofort wieder mein Handy. Aber jedes Mal, wenn ich Wincent anrufe, geht sofort die Mailbox ran.

Sicht Wincent
Ich stelle mein Handy in den Flugmodus, mache mir Musik an und powere mich im Gym echt ordentlich aus. Ich musste einfach da raus. Ich habe Leos Blicke nicht mehr ertragen. Ja, ich hab Mist gebaut, aber ich will das aus der Welt schaffen, sie anscheinend nicht. Am Ende triefe ich vor Schweiß. Meine Haare und Klamotten sind klitschnass.
„Ach, wir lassen uns auch mal wieder im Gym blicken."
Als ich gerade wieder zu den Umkleiden gehe, kommt Chris gerade grinsend raus.
„Hatte viel um die Ohren, Leo wieder da, auf Hilfe angewiesen. Inzwischen kommt sie aber gut allein zurecht und ich musste mal den Kopf frei kriegen."
„So siehst du auch aus" lacht er „Na dann, wir hören uns?"
„Definitiv!"
Wir schlagen kurz ein, dann gehe ich in die Umkleide. Aber auch nur, um mir meine Jacke überzuziehen, die Mütze aufzusetzen und mir meinen Rucksack zu schnappen. Duschen kann ich auch zuhause. So sehr ich den Abstand zu Leo grade brauche, duschen will ich nicht hier. Das ist's mit dann doch nicht wert. Ich fahre also den langen Weg nach Hause und bleibe auch in der Tiefgarage noch ne Weile im Auto sitzen. „Okay Wincent, mit dem Fahrstuhl hoch, in die Wohnung rein, schnell Schuhe ausziehen und direkt ins Bad. Am besten ohne eine weitere Konfrontation mit meiner Frau. Ich atme nochmal durch, keine gute Idee, denn es stinkt hier echt extrem. Könnte eventuell an mir liegen. Ich steige also aus und tatsächlich schaffe ich es ins Bad, ohne Leo über den Weg zu laufen. Während des Duschens bereite ich mich dann mental auf den nächsten Streit vor und lege mir ein paar Sätze zurecht, um das alles eventuell etwas zu mildern. Im Schlafzimmer ziehe ich mir was anderes an und dann fällt mir erstmal auf, dass die Wohnung leer ist. Stirnrunzelnd stelle ich den Flugmodus bei meinem Handy aus und sofort werden mir einige verpasste Anrufe von Leo angezeigt. Sofort rufe ich zurück, aber jetzt geht sie nicht ran. Stattdessen bekomme ich eine kurze Nachricht.
„Bin bei Zola"
„Wann kommst du nach Hause? Wir müssen das klären."
„Wer ist denn als erster abgehauen?"
„Und ich bin wieder zuhause."
Keine Antwort mehr, auch nach zehn Minuten. Doch ziemlich angepisst langsam schnappe ich mir wieder meine Autoschlüssel, mein Handy und meine Brieftasche, dann laufe ich runter zum Auto, um zu Zola zu fahren. Hier klingle ich erstmal Sturm, aber recht schnell macht mir die beste Freundin meiner Frau die Tür auf. Ihre Augen sind Schlitze.
„Wo ist sie?" seufze ich und sehe zu ihr runter.
Zola lehnt sich an den Türrahmen, verschränkt ihre Arme vor der Brust und schwingt ihre Braids nach hinten.
„Komm schon, Leo und ich müssen das aus der Welt schaffen. Das können wir nur, wenn wir reden."
„Sagte er und ist vor einem Gespräch abgehauen."
„Das war kein Gespräch, das war ein Streit."
„Trotzdem bist du davor abgehauen und hast sie alleine gelassen. Kurz nachdem du weg bist stand wohl eine gewisse Dame vor der Tür, die dir durchaus bekannt sein müsste."
„Was?"
„Und du bist nicht ans Handy gegangen."

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