Kapitel 72

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(Bild von Seungmin Kim)

Freiheitsentzug

Woojin Kim

Ich warf den Kopf in den Nacken. Die Gedanken überfluteten mich. Natürlich taten sie es. Ich wartete hier mittlerweile über eine Stunde. Eine Stunde ganz alleine. Eine ganze Stunde, in der ich mich bereits fragte, wieso es so lange dauerte. Die Uhr, die gegenüber von mir hing, dieser zeigte mir an, dass es bereits 7 Uhr war, wobei ich um genau 6 Uhr alleine gelassen wurde. Es war bereits alles gesagt worden. Ich musste nicht einmal vor Gericht. Ich wurde vor Ort festgenommen, mit all meinen Beweisen, zudem beichtete ich es. Also fragte ich mich erneut. Wieso. Wieso dauerte es so lange. Was. Was dauerte so lange. Diskutierten sie, wohin ich eingeliefert werden würde? Ich hoffte nicht. Die einzige Strafanstalt in Missoula, Montana war nämlich das County Detention. Wieso sollten sie mich also dann in eine andere Stadt verlegen? Wegen meinem Bruder? Dass ich nicht lachte. Er war doch tot. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen oder ähnliches. Doch halt. Was war... Wenn sie überlegten, ob ich überhaupt zurechnungsfähig war? Dann würde ich ja in gar kein Gefängnis kommen, sondern... Würde zwangseingewiesen werden, weil man mich für irre halten würde. Aber, nein... Dann hätten sie sicherlich auch Jeongin zwangseingewiesen, was er ja nicht wurde. Oh mein Gott... Ich kniff die Augen zu. Ich würde noch verrückt werden. Denn ich schloss nichts mehr aus. Was war, wenn alles umsonst gewesen war? Ich würde alles verlieren. Nein, dann hatte ich bereits alles verloren. Ich hätte mein Leben hingeschmissen und hätte meinen Bruder nicht rächen können. Ich würde nie wieder ein Auge zu bekommen. Nie wieder. Keine Ruhe mehr finden. Ich würde Albträume kriegen. Angestaute Gefühle waren nicht gesund. Ich würde daran kaputt gehen. Das sagte ich nicht nur so. Der Staat könnte mich dann wirklich zwangsweisen lassen, weil es berechtigt wäre. Okay... Ich drehte gerade ein bisschen durch. Ich verlor meinen Verstand. Ganz klar. Aus diesem Grunde setzte ich mich auf und öffnete wieder die Augen. Ich atmete einmal tief ein und aus.
Für Seungmin. Du sitzt hier für Seungmin, egal wie es ausgehen wird, sprach meine innere Stimme zu mir. Nur deshalb konnte ich mich wieder entspannt zurücklehnen.
Es wird alles gut werden, konnte ich seine Stimme sagen hören, was mich automatisch entspannte. Obwohl ich es hasste, wenn er das zu mir sagte... Ich sollte der stärkere von uns beiden sein. Immer... Einfach, weil ich der ältere war und ich es so lernte... Aber es entspannte mich dennoch. Ich hörte, dass Menschen als allererstes die Stimme eines Verstorbenen begannen zu vergessen, bevor das Gesicht folgte. Deshalb war ich froh, dass ich ihn in meinen Gedanken noch hören konnte. Ich musste leicht schmunzeln. Ja... Alles würde gut werden...
Als wären meine Gebete erhört worden, hörte ich es an der Tür rascheln. In diesem typischen kleinen Vorraum der Polizeistation, wie man es eben in den Filmen kannte, passierte endlich was. Die Tür wurde geöffnet. Ich rechnete mit Mister Kang Lee, der bereits die ganze Zeit über für mich verantwortlich war, aber nicht er war es, der hinein trat, nein... Es war... Ein Junge. Auf der Stelle musste ich die Augenbrauen zusammenziehen. Den Kopf aufmerksam gehoben, weil er selbstbewusst eintrat, war ich zu mehr nicht fähig. Schließlich war ich an Händen und Füßen ans Stuhl gekettet worden. Der Tisch mir gegenüber war mein bester Freund. Mir wurde jede Fluchtmöglichkeit verboten und in jeder Bewegung war ich eingeschränkt. Ich musste heftig blinzeln. Der Junge kramte eine Fernbedienung hervor. Er richtete sie Richtung Kamera und schaltete diese aus. Okay... Das war der Moment gewesen, an dem mich die Angst übernahm. Es hätte mich zumindest übernehmen müssen, weil ich, egal wie jung er war, davon ausgehen musste, dass er hier war, um mich zu töten. Denn genauso fühlte es sich an... Aber dann fiel es mir ein. Ich legte den Kopf schief. Das Gesicht... Ich kannte den Jungen doch...

„Du...", ich musste die Stirn kraus ziehen.

Mit Chan... Dieser... Dieser Junge. Scheiße. Wie hieß der denn noch gleich? Ich erinnerte mich doch an ihn! An sein Gesicht... An seine Haare... An seine Augen..

Too much Promises - Stray Kids FF, Hwang HyunjinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt