Kapitel 54

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Ich erwache erst am nächsten Morgen wieder. So tief habe ich, glaube ich, noch nie geschlafen. Das hat echt gut getan. Ich strecke mich vorsichtig und entdecke erst dann die Infusion, an die ich angeschlossen bin. Anscheinend haben die Herren die Gunst der Stunde genutzt. Schnell schaue ich wieder weg. Wie soll ich denn jetzt aufstehen mit diesem Ding in meiner Hand. Mir wird etwas übel und gleichzeitig drückt meine Blase total. Die Ereignisse von gestern steigen wieder in mir hoch. Die Untersuchung durch Jakob, der Brunnen,...ganz schön viel für einen Tag! Langsam stehe ich auf und vermeide jeden Blick auf meine Hand und die darin steckende Kanüle. Es klopft an der Tür. Ich glaube, ich war selten so froh, dass jemand zu mir möchte. Ich räuspere mich. Mein Hals fühlt sich zum Glück wieder frei an. Christian betritt den Raum. Wie immer, unter der Woche, in Anzug und geschniegelt. Ich lächle ihm erleichtert zu.

"Na, wie geht es unserer Patientin?", fragt er und lächelt zurück.

"Gut. Also deutlich besser. Aber kannst du bitte die Infusion wegmachen und den Zugang ziehen? Außerdem muss ich dringend auf die Toilette!", sage ich mit Nachdruck.

"Wenn du so lieb fragst, gerne. Einen Moment!" Er holt aus der Tasche, die seit meiner Krankheit in meinem Zimmer "wohnt" Handschuhe und Pflaster heraus. Dann setzt er sich neben mich. Ich vermeide tunlichst den Blick dorthin und beiße die Zähne zusammen, als der kühle Schlauch mich berührt. Ich hole erst wieder Luft, als sich das Gefühl, wie der dünne Schlauch aus meiner Vene gezogen wird, einstellt. Christian drückt mit einem Tupfer darauf und fixiert dann ein Pflaster. "So gut wie neu!" Er lächelt mir zu und versorgt die Utensilien.

"Prima!", sage ich mit zitternder Stimme.

"So schlimm?", fragt Christian nun gar nicht mehr scherzend?

"Schlimmer! Ich gehe mal kurz für große Mädchen!"

"Alles klar. Frühstück ist in 10 Minuten unten im Speisesaal. Ich denke, du kannst wieder teilnehmen und bekommst deine Medikamente auch dort!"

"Ich kann mich auch wieder um Salma kümmern!", sage ich im Brustton der Überzeugung. "Mir geht es wirklich wieder gut!"

"Nein!", sagt Christian entschieden.

"Darüber sprechen wir noch!", sage ich die Beine zusammenklemmend. Es ist nun wirklich dringend.

"Vergiss es!", sagt dieser und wäscht sich die Hände, während ich ins Bad verschwinde und nach dem Toilettengang eine Dusche genieße. Kurz darauf fühle ich mich wie neugeboren. Leider habe ich nicht mehr wirklich viel Zeit, deshalb kann ich meine Haare nur anföhnen. Schnell schlüpfe ich in eine kurzen Jeansrock mit einer farbigen Strumpfhose und einem Langarmshirt. Noch ein bisschen Puder und Wimperntusche und schon bin ich bereit für den Tag. Sehr mit mir zufrieden laufe ich leichtfüßig die Treppen hinunter und in den Speisesaal. Es dauert keine 2 Sekunden und ich habe ein kleines Klammermädchen an mir hängen. Salma lässt mich gar nicht mehr los und so setzen wir uns gemeinsam an den Tisch. Erst dann wage ich einen Blick zu den Herren. Sebastian lächelt mich offen an, Christian verdreht die Augen und zeigt auf das Grünzeug dass ich essen soll und Jakob versteckt sich hinter der Zeitung. Also alles beim Alten. Ich seufze kurz und gieße mir etwas von dem Kräutergebräu ein. Jetzt kann ich nicht mal mehr das Grünzeug verschwinden lassen, da ich mit den Herren am Tisch sitze. Salma mampft solange ihren Obstsalat. Ich bin ziemlich neidisch. Christian stellt ein Becherchen mit Medikamenten vor mich hin. Ich nehme sie in die Hand und spüle sie mit einem Schluck des Gebräus herunter. Wenn ich Zeit mit Salma verbringen möchte, dann muss ich wohl guten Willen zeigen. Also ziehe ich den Gemüseteller mit Kräuterquark etwas näher zu mir und esse lustlos einige Stückchen. Immerhin habe ich noch ein Vollkornbrot dazubekommen. Ich kaue alles intensiv und schlucke es schließlich herunter.

"Wann bekomme ich eigentlich wieder normale Kost?"

"Nach der Einnahme des Antibiotikums und wenn eine Infektion ausgeschlossen ist!", erklärt Jakob hinter seiner Zeitung her.

"Das heißt ich soll mich die nächsten 5 Tage noch von dem Grünzeug hier ernähren?", frage ich fassungslos. Jakob legt die Zeitung beiseite und sieht mich ernst an.

"Sie scheinen es verstanden zu haben!", sagt er deutlich. Toll. Sind wir nun wieder beim Sie? Ich seufze. Meine gute Laune ist sichtlich in Gefahr.

"Dann müssen Sie meine ach so festlichen Kleider aber leider enger nähen lassen!", sage ich mit verschränkten Armen. Sebastian betrachtet unsere Konversation mit sichtlicher Freude.

"Ich denke, das können wir verschmerzen. Vielleicht lassen wir auch noch einige Zentimeter dazunähen. Dann können Sie weiterhin Ihre fragliche Schuhwahl nutzen!", gibt er zurück. Auf meine Chucks lasse ich nichts kommen.

"Besser bequeme Schuhe an, als einen Stock im Arsch!", murmle ich leise. Salma kichert auf meinem Schoß.

"der Stock im Arsch, der Stock im Arsch, der Stock im Aaaarsch!", singt sie auf die Melodie von "Alle Vöglein sind schon da." Ich muss mich mühsam beherrschen nicht einfach loszuprusten. Auch Christians Miene ist nicht viel davon entfernt, in ein großes Grinsen überzugehen.

"Salma!", sagt Jakob scharf. Dann ist es jedoch auch um Sebastian geschehen. Jakob wirft entschieden seine Zeitung auf den Tisch und verlässt mit schnellen Schritten den Raum, um sich in sein Arbeitszimmer zu flüchten. In mir bleibt ein schales Gefühl zurück. Vor lauter schlechtem Gewissen esse ich sogar das restliche Gemüse. Salma hat von Jakobs schlechter Stimmung nur wenig mitbekommen und trällert weiterhin vor sich hin. Dieses Mal allerdings die richtige Strophe.

Cinderella in ChucksGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt