Kapitel 26

1.7K 83 10
                                        

Schließlich klopft es für einen Moment energisch an die Tür . Ohne abzuwarten öffnet sich diese. Christian kommt mit einem professionellen Lächeln, mit einem Stethoskop um den Hals, in das Zimmer. Diese Hemden müssen maßgeschneidert sein. Es passt perfekt und umschmeichelt seine ansprechende Körperform. Er ist schon was fürs Auge! Unter anderen Umständen hätte ich ihn wahrscheinlich für überwältigend attraktiv gehalten. Die Aussicht, dass er in kurzer Zeit mir auf eine andere Art und Weise intim kommen wird, schmälert diesen Gedanken allerdings ziemlich. Er überfliegt für einen Moment meinen Fragebogen. Seine Augenbrauen ziehen sich dabei kurz kritisch zusammen. Was hat er denn jetzt entdeckt? Mein Herz schlägt schneller. Er tritt näher und holt sich aus einem der Schränke ein Blutdruckmessgerät. Das schaffe ich! Er nimmt mit seinen warmen, angenehmen Händen meine Hand und legt sie auf seinen Oberschenkel. Sanft umwickelt er die Manschette an meinen Oberarm und legt dann sein Stethoskop an. Ich schaue in die Luft und versuche mich abzulenken. Ich spüre, wie der Druck zunimmt, der Kopf des Stethoskops darunter geschoben wird und dann der Druck wieder abnimmt. Ich atme auf und möchte meinen Arm gerade wieder zu mir ziehen, als Christian diesen noch bei sich behält und mir bestimmend Zeigefinger und Mittelfinger auf mein Handgelenk legt. Ich versuche weiterhin ruhig zu atmen und weiche seinem intensiven Blick tunlichst aus. Schließlich hat er genug gemessen und notiert sich einige Werte auf dem Klemmbrett.

"Leg dich bitte auf die Seite. Po zu mir, Ina!", sagt er mit einem bestimmenden Tonfall. Ich wundere mich für einen Augenblick. Folge aber dann seiner Anweisung. Was kommt denn jetzt? Möchte er sich meinen Rücken anschauen? Ich höre das Schnalzen von Handschuhen und bin nun endgültig irritiert. Christian  fasst unter mein Untersuchungskleid und schiebt langsam, aber bestimmt meinen Omaschlüpfer herunter. Aus Affekt drehe ich mich auf den Rücken und schaue ihn irritiert an.

"Was wird das?"

"Eine rektale Temperaturmessung!", gibt er ruhig zurück. "Also wenn du dich bitte wieder zurückdrehen würdest!"

"Ich denke nicht dran. Seit ihr hier im Mittelalter stehengeblieben oder was? Ohrthermometer, Stirnthermometer, sagt euch das nichts?", frage ich empört. Christian nimmt als Antwort nur ein Thermometer von dem kleinen Beistelltisch und benetzt dieses mit Gleitgel. Dabei schaut er mich immer wieder ruhig an. Ich bekomme eine Gänsehaut.

"Liebe Ina, das gehört hier zum Protokoll. Wir leben hier Medizin auf einem hohen Niveau! Rektal ist nun mal mit am genausten. Aber ich kann natürlich auch gerne vaginal messen!"

"Vergiss es!", sage ich empört. "Ihr seid bei mir doch schonmal heute vom Protokoll abgewichen. Dann ist das jetzt das zweite Mal. Darauf kommt es nun auch nicht mehr an", sage ich bestimmt. Ich verschränke entschlossen meine Arme.

"Ich dachte, dass Gespräch mit Sebastian hat dir vorher die Augen geöffnet!", sagt Christian weiterhin ruhig. Allerdings glitzern seine Augen dabei. "Du bist jederzeit frei zu gehen!"

"Dein Ernst? Das ist Erpressung!", sage ich bestimmt.

"Kann ich helfen?", höre ich eine dunkle, samtige Stimme. Jakob. Scheiße! Schnell schiebe ich dieses Untersuchungskleid noch ein Stück weit herunter. Er kommt näher und verschafft sich einen Überblick über die Situation.

"Ich glaube unser Fräulein Sievers ist nicht so gut darin, sich helfen zu lassen!", gibt Christian trocken zurück. "Augenscheinlich braucht sie noch etwas Bedenkzeit!"

"Vielleicht ist mir auch einfach nicht mehr zu helfen!", sage ich entschieden. Jakob setzt sich zu mir auf die Liege. Seine Oberschenkel berühren fast die meinen. Die Wärme, die von ihm ausgeht ist fast unheimlich.

"Fräulein Sievers, Sie hatten nun genug Aufschub. Erst unterschreiben Sie ungelesen einen Vertrag, dann zweifeln Sie diesen an und bekommen von meinem Bruder AUSGIEBIG erklärt, wie Sie damit umgehen können und nun weigern Sie sich so eine einfache Prozedur, wie das rektale Fiebermessen über sich ergehen zu lassen? Sie verschwenden unsere Zeit! Wir haben hier echte Patientinnen, die sich helfen lassen wollen!" Diese Worte haben gesessen. Fuck! Ich spüre, wie Tränen in mir aufsteigen. Seit wann bin ich denn wieder so nah am Wasser gebaut? Ich schließe fest die Augen und versuche den Tränen keinen Raum zu geben. Meine Fäuste sind geballt. Ich drehe mich in die Embryonalstellung und will von allem nichts mehr wissen. Vor meinen Augen sehe ich Ruth, wie sie ihre warme, knochige Hand auf meine legt und mich liebevoll anlächelt. "Lass es zu!", sagen ihre schmalen Lippen. "Du hast es verdient, dass sich jemand auch um DICH kümmert!" Ich schluchze auf und spüre eine warme, feste Hand auf meiner Schulter, die mich streichelt. Die innere Illusion von Ruth ist verschwunden. Ich öffne die Augen und sehe in Christians Gesicht. Von Jakob ist keine Spur mehr zu sehen. Er sieht mich fragend an. Ich nicke ihm schließlich zu. So schlimm wird es schon nicht werden. 

Cinderella in ChucksGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt