swear? swear.

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P.O.V. Annabelle (wieder im Hier und Jetzt):

"Ich bin also dann in ein anderes Kinderheim gekommen...Es war im Vergleich zu dem davor nicht einmal ansatzweise schön. Mir wurden schlimme Dinge dort angetan, Annabelle. Ich, ähm, wurde misshandelt von sehr, sehr vielen Männern..."
Seine Stimme brach ab und man hörte, wie er kurz schniefte.
Es war jetzt komplett ruhig und ich hatte absolut keine Ahnung, was ich sagen sollte.
Mir hatten schon lange nichtmehr so die Wort gefehlt. Tatsächlich hätte ich etwas schlimmes erwartet, aber dann doch nicht diese Art.
Vielleicht hatte er ein paar Konflikte mit seinem Dad gehabt, ja! Dass sich Leute an ihm vergangen hatten, darauf wäre ich nie gekommen.
"Ich..."
"Du musst nichts sagen.", meinte er und ging etwas auf Abstand.
"Ich kann mir keineswegs vorstellen, wie sich das für dich anfühlen muss. Die Angst und alles. Du sollst nur wissen, dass das jetzt an uns nichts ändert. Es ist sicher nicht leicht für dich mit mir zu reden und deswegen ist mir das sehr wichtig."
Ich wollte ihn in den Arm nehmen, nicht aus Mitleid sondern um ihm mitzuteilen, dass alles gut war und es das immer sein würde, denn wir hatten uns beide.
Wesley dagegen schien gerade wohl eher zu bereuen, was er gesagt hatte.
"Wes, hörst du?", fragte ich, als er keinen Ton von sich gab.
"Ich weiß doch.", krächzte er und zog die Nase wieder hoch.
"Komm her, bitte!", bat ich ihn, weil er sich so weit von mir weggesetzt hatte, wie es nur ging.
"Ich will nicht, dass du mich so siehst, Belle!", flüsterte er leise.
Ich schaltete die Lampe an meinem Nachttisch an, die nichtwirklich hell leuchtete.
Wir waren ja die ganze Zeit im Dunklen gesessen.
Langsam kroch ich auf die andere Seite des Betts und hockte mich nahe neben ihn.
"Du sollst dich nicht schämen, Wesley! Es ist okay."
"Du verstehst es nicht."
"Natürlich, du denkst es wäre eine Schwäche mal zu weinen als eine männliche Spezies. Dabei ist das überhaupt nicht schlimm. Jeder muss das mal und das ist auch gut so, denn danach geht es einem jedes Mal besser.", versprach ich ihm und lehnte mich gegen seine Schulter.
"Ich habe dich nicht verdient, Annabelle!", murmelte er und ergriff meine Hand.
Seine war wie immer kalt. Die Heizung war doch eigentlich an.
"Sag das nicht! Es stimmt nicht."
"Ich behandle dich nicht so, wie du es verdient hast.", meinte er und es war schwer ihm unrecht zu geben, dann manchmal war er echt ein totaler Arsch.
Teilweise war ich allerdings genauso blöd drauf. Es war einfach die Kombi aus uns beiden.
"Trotzdem bin ich hier und du wirst mich auch nichtmehr los.", machte ich ihm klar, was er sich da mit mir eingebrockt hatte.
"Das will ich auch überhaupt nicht."
Ich hoffte das für ihn.
Er sah mich endlich mal wieder an. Seine Augen waren ein wenig geschwollen. Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass wir immer noch wach waren, obwohl wir schon fast morgen hatten.
"Willst du schlafen?", schlug ich ihm vor, aber er schüttelte den Kopf.
"Darf ich dich umarmen?"
Er lachte.
"Wieso fragst du mich das überhaupt noch?", wollte er wissen und legte dabei den Kopf schief.
"...weil ich..."
"Ach, ich verstehe schon. Nur weil ich vor nen paar Jahren vergewaltigt wurde, fragst du mich jetzt jedes Mal vorher, ob du mich anfassen darfst, weil ich könnte ja plötzlich was dagegen haben.", schnaubte er fast empört.
So meinte ich das doch gar nicht.
"Nein, nein! Du hast dich gerade nur echt ziemlich distanziert und ich wusste nicht, ob ich dann zu aufdringlich wirke.", wehrte ich mich gegen seine Anschuldigungen.
Schwierig!
"Was ist mit Josh?", fing er plötzlich mit einem ganz anderen Thema an.
Bitte begannen diese Diskussionen jetzt nicht schon wieder!
"Da ist nichts und da wird nichts sein, weil ich jemand anderen begehre."
"Wer ist denn der glückliche?", fragte Wesley gespannt, als ich auf seinen Schoß kletterte.
Ich tippte mit dem Finger etwas zu fest auf seinen nackten Oberkörper und er zuckte ein wenig.
"Sorry!", murmelte ich und nahm meine Hand schnell wieder weg.
Ich hatte seine Narbe berührt, an der er ja bekanntlich nicht angefasst werden wollte.
"Ist das davon?"
Er nickte stumm und nahm meine rechte Hand wieder, aber legte sie auf die vorherige Stelle.
"Ich dachte—"
"Ssschht", brachte er mich zum Schweigen und legte mir vorsichtig ein Finger auf die Lippen.
Ganz behutsam fuhr ich den zusammengeflickten Strich mit dem Zeigefinger nach.
Er hielt komplett still und sah mir nur dabei zu.
"Wirst du mir nochmal wehtun?", fragte ich und stieß mit dem Kopf gegen seine Brust.
Wes schüttelte den Kopf.
"Versprich es!", verlangte ich von ihm.
"Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich weiß nicht, was in der Zukunft passieren wird."
Er hatte leider verdammt Recht und ich verstand, wieso er mir dieses Versprechen, das ich von ihm haben wollte, nicht geben konnte.
"Mhmm.", brummte ich übermüdet und blickte zu ihm auf.
"Wesley, ich liebe dich so sehr, dass es mir Angst macht.", erklärte ich ihm.
"Ich denke nicht, dass das mit uns jemals etwas wird, wenn du nur daran denkst, wie ich dir wehtun könnte, Annabelle!", erinnerte er mich und hatte wieder Recht.
Verdammt!
"Vertrau mir, weil ich es auch tue!", sagte er leise und drückte mir einen sanften Kuss auf die Wange.
"Mein, mein Bruder hat diese Dinge gesagt...Wesley, ich...", stotterte ich vor mich hin und wusste im Endeffekt eigentlich nicht, was ich ursprünglich sagen wollte.
"Was hat er gesagt?", fragte er verwirrt und sah mich besorgt an.
"Ich bin eine Hure, weil ich mit dir geschlafen habe oder dass du jemandem schonmal wehgetan hast, also so wie die Leute dir.", fand ich meine Wirte doch irgendwie zusammen.
"Dein Bruder ist ein Idiot.", sagte er überzeugt.
"Ich weiß aber trotzdem..."
"Ich fasse niemanden gegen seinen Willen an. Ist das klar, Annabelle? Ich kann das nicht. Jakob ist so ein verfickter Wichser, mein Gott!", fluchte Wes vor sich hin.
"Ja!", antwortete ich.
Im Nachhinein war das auch logisch, dass Wes dazu psychisch nicht im Stand war.
"Lass uns schlafen gehen und morgen nochmal darüber reden!", bat er mir an, da wir uns beide gerade noch so wachhielten.
"Ja, bitte!"

One day you'll understand whyWo Geschichten leben. Entdecke jetzt