Mittlerweile vergingen einige Wochen und ich saß immernoch im Asylum fest. Die letzten Wochen waren sehr langweilig. Ich musste fast jeden Tag zu Crane und er stellte fast immer die gleichen Fragen. Jetzt musste ich schonwieder zu ihm.
"Du siehst ja nicht sehr ausgeruht aus", meinte er.
"Ihnen auch einen schönen guten Morgen", erwiderte ich sarkastisch.
Er lachte kurz. Es war kein fröhliches Lachen. Man konnte es schwer deuten.
"Seit Anfang der Behandlung konnte ich feststellen, dass du sehr verschlossen bist. Und mich würde es sehr interessieren, woran das liegt"
Ich seufzte und setzte mich auf die Couch.
"Vielleicht kann man das mit deinem Verhalten gegenüber der Angst in Verbindung bringen"
Ich sah ihn verdutzt an und stützte mein Kinn auf meine Hände.
"Du meintest, du hättest fast keine Angst. Du möchtest mir aber auch nicht sagen, wovor du dich fürchtest. Mich würde es dennoch sehr interessieren..", fuhr er fort und begann zu grinsen.
Nun verstand ich fast garnichts mehr. Es schien so, als sei er vollkommen darauf fokusiert, zu erfahren, wovor ich Angst hatte.
"Warum wollen Sie das wissen? Es hat nichts mit meiner Verschlossenheit zutun"
"Warte hier", meinte er und stand auf. Er ging zur Tür und verschloss sie.
"Was wird das?", fragte ich und wurde etwas nervös, bekam aber keine Antwort. Stattdessen ging er zum Schreibtisch und holte aus einem Fach soetwas wie einen Beutel heraus. Den setzte er auf und drehte sich zu mir.
"Wollen Sie mich verarschen? Warum tragen Sie jetzt so'nen Beutel?"
"Es ist immernoch eine Maske! Erinnerst du dich nicht? Ich hab dich sofort erkannt"
Ich hielt das anfangs für einen schlechten Scherz, aber Crane schien vollkommen von sich überzeugt zu sein.
"Deinem Blick nach zu urteilen, hast du nun mitbekommen, wer ich bin", sagte er und kam mir ein paar Schritte näher. "Die bisherige Behandlungsmethode hat anscheinend nicht gewirkt. Vielleicht sollte ich etwas anderes testen"
Ich sah ihn fragend an, da ich nicht wusste, was er meinte. Doch in genau dem Moment kam irgendein Gas aus seiner Maske. Ich nahm meine Jacke und hielt sie mir vor den Mund, was aber nicht viel brachte. Als ich es einatmete bekam ich starke Schmerzen in den Atemwegen und musste unkontrolliert husten. Mein Kopf drückte als würde er gleich explodieren und ich hatte das Gefühl, meine Lunge würde brennen. "Was ist da-as für'n Ze-eug?", fragte ich und drückte meine Hände gegen den Kopf, in der Hoffnung, es würde die Schmerzen lindern. Meine Augen kneifte ich zusammen bis ich Sterne sah. Als ich sie öffnete, sah ich Scarecrow nicht mehr in den Raum.
"Wen haben wir denn da!", hörte ich jemanden hinter mir sagen. Ich drehte mich um und sah den Joker an der Wand stehen. In der einen Hand hatte er ein Messer, die andere hatte er in seiner Manteltasche vergraben. Er trug seine 'normalen' Sachen. Der lilafarbende Mantel mit passender Hose und die anderen für ihn typischen Kleidungsstücke. "Woher hast du die Sachen?" fragte ich ihn verwundert. Er kam bedrohlich langsam auf mich zu und streifte das Messer an seinem Mantel um Blutreste zu entfernen. "Das tut doch jetzt nichts zur Sache, Kleine"
"Was machst du hier?"
"Ich stelle hier die Fragen!", erwiderte er schnippisch und leckte sich über die Lippen.
Ich ging ein paar Schritte zurück während er mir immer näher kam und bei jedem Schritt breiter grinste.
"Wieso denn so nervös? Sonst bist du doch auch nicht so nervös gewesen! Vertraust du mir etwa nicht mehr?", fragte er gespielt traurig.
"Sollte ich das?"
"Ich mag es, wenn man mir vertraut.. das macht es um einiges leichter"
"Was leichter?"
"Das macht es leichter, jemanden.. auszuschalten"
Jetzt lachte er.
"Du hast das von Anfang an geplant?!", rief ich und stieß mit dem Rücken gegen die Wand. Er kam mir immer näher und stützte sich mit einer Hand neben meinem Kopf ab.
Die andere Hand, welche das Messer umfasste, setzte er an einem meiner Mundwinkel an. "Warum denn so ernst? Ein Lächeln steht dir viel besser!", sagte er schnippisch und schnitt mir mit dem Messer in die Wange. Komischerweise verspürte ich an dieser Stelle keinen Schmerz. Stattdessen konnte ich mein Umfeld kaum noch wahrnehmen und sah alles nur noch verschwommen. Vor mir stand niemand mehr. Ich sah kurz nach unten, wo sich um meine Füße herum eine klare Blutpfütze bildete. Als ich wieder aufsah, fand ich mich in dem Heim wieder, in den ich aufwuchs. Ich saß auf dem Boden in einer Ecke und mitten im Raum standen drei Jungen und zwei Mädchen, die mir irgendwie bekannt vorkamen. Sie hänselten ein kleines Mädchen, dass heulend unter einem Bett lag. "Na, wieder am verstecken? Du solltest doch stolz sein, so einen tollen Haarschnitt zu haben!"
Dieser Satz traf mich wie ein Schlag, da ich nun erkannte, was für ein Tag es war. Über Nacht hatte mir jemand meine langen Haare abgeschnitten und mir eine Jungsfrisur verpasst. Das Mädchen unter dem Bett war ich! Ich stand auf und stellte mich zwischen die Kinder und das kleine Mädchen, aber sie schienen mich nicht zu beachten. Das Mädchen, ich, rannte zur Tür, wo es von einem anderen Jungen abgefangen wurde. Dieser schlug ihr in den Bauch und sie fing stark an, zu husten.
"Lasst sie in Ruhe!", brüllte ich unter Tränen und wollte hinrennen, um ihr zu helfen, aber ich konnte mich nicht bewegen.
"Schicke Frisur, Clarke. Jetzt bist du ein richtiger Mann, kämpf auch wie einer!", meinte der Junge und trat ihr in den Bauch, sodass sie nach hinten umfiel. Die anderen Kinder lachten und ich stand wie angewurzelt in der Mitte des Raums und konnte nicht aufhören, zu weinen. "Warum muss ich das sehen?! Ich will dass es aufhört! Sofort!"
Nun war das Mädchen alleine in dem Raum und sah zu mir. Sie fing an, höllisch zu schreien und mir platzte fast das Trommelfell. "Hör auf! Lass mich in Ruhe!", brüllte ich ihr zu, aber sie hörte nicht auf. Nach einigen Minuten nahm ich das Geschrei nur noch wie durch eine Glaswand wahr und alles um mich herum verschwamm wieder. Meine Füße gaben nach und ich fiel auf den Boden. Von dort an bekam ich nichts mehr mit.
Als ich aufwachte, lag ich auf dem Boden in Cranes Büro. Ich setzte mich hustend auf und legte eine Hand an meine Wange. Ich hatte dort keinen Schnitt. Beim Abtasten der anderen Wange stellte ich das Gleiche fest. Vorsichtig stand ich auf und ging zur Tür. Draußen waren Schritte zu hören und jemand kam in den Raum. Ich stellte mich hinter die Tür und wartete, dass die Person hineinkam.
Es war Dr. Crane.
"Du Monster!", brüllte ich ihn an.
Er lachte aber nur und drehte sich um. In der einen Hand hielt er eine Kaffeetasse. "Ich hab mich schon gewundert, wo du bist"
"Was war das für ein Gas oder was auch immer das für ein Zeug ist?!"
"Es zeigt dir deine Ängste", meinte er grinsend. "Du wolltest sie mir nicht verraten. Irgendwie musste ich es doch herausfinden", sagte er schulternzuckend. "Jetzt kenn ich sie"
"Und was nützt dir das?!"
"Wie du bereits sagtest, sind Ängste die Schwachpunkte des Menschen. Deine Schwachpunkte sind anscheinend das Vertrauen und Kindheitserinnerungen"
Ich rannte schnell aus dem Raum und versuchte auf den Hof zu kommen. Dort angekommen sah ich, dass niemand draußen war. Wie lange war ich überhaupt bewusstlos? Ich wollte jetzt aber nicht zu meiner Zelle. Ich rannte zu einer Hecke in der Nähe des Spielfeldes und setzte mich zwischen diese und einen Baum, in der Hoffnung, mich würde keiner entdecken. Als ich dort saß, fing ich an zu weinen. Das Leben hier war Horror! Ich wollte einfach nur weg! Draußen wurde es langsam kälter. Ich machte meine Jacke zu und schloss die Augen. Es dauerte auch nicht lang bis ich einschlief.
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Whatever doesn't kill you simply makes you stranger
Hayran KurguDas Leben auf Gothams Straßen ist alles andere als einfach und sicher. Doch was passiert, wenn man auf eine Person trifft, die dieses Leben vollkommen auf den Kopf stellt? Genau das passiert Clarke, eine junge Taschendiebin, die eigentlich nur vers...
