23.05.2014

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Tess
     

Aufgeregt stand ich im Aufzug des 2. Stocks und fuhr die beiden Stockwerke hinunter zur Lobby. Meine beiden Koffer hatte ich fest umklammert und eng an mich gepresst. Ich war froh, alleine in diesem Aufzug zu sein, denn dieser war alles andere als groß. Und ein Mädchen (mit ungefähr 1,50 m Körpergröße) und zwei schwere, dicke Koffer füllten schon mal die komplette Kabine aus. Und dabei war ich ziemlich schlank. Was für Probleme haben dann erst Leute, die etwas fester sind und genauso viel Gepäck bei sich haben, wie ich? Das wollte ich mir jetzt mal lieber nicht ausmalen..

Aber andererseits konnte ich von Glück sprechen. Schließlich waren diese Aufzüge noch vor knapp zwei Wochen defekt gewesen. Fabian, mein lieber Bruder, musste bei meiner Ankunft die beiden Koffer die Treppen hoch schleppen. Was hieß musste, das hätte sicherlich auch mein Dad getan, aber er hatte sich freiwillig dazu bereit erklärt. Warum er das getan hatte, das war mir bis heute nicht klar.

Wie dem auch sei.. Wenn sich daran nichts geändert hätte, hätte ich mit zwei schweren Koffern die Treppe runter latschen müssen. Und so wie ich mich kannte, wäre das nicht gut ausgegangen. Ganz und gar nicht gut. Vor meinem inneren Augen sah ich mich, wie ich leblos am Fuße der letzten Treppe auf dem Boden lag. Unter meinen eigenen Koffern begraben..

Ich verscheuchte diese Vorstellung ganz schnell wieder, denn nun blieb der Aufzug stehen und ich konnte aussteigen. Meine Aufregung stieg, denn nun hieß es: Familie wiedersehen.

Doch so einfach, wie ich es mir vorstellte, war es dann doch nicht. Ich hatte ganz vergessen, dass sich der Aufzug in einem langen schmalen Gang im Erdgeschoss befand, bei dem es um die Ecke erst zur Anmeldung ging. Sprich, zur Lobby. Und natürlich kam ein junges, zierliches Mädchen wie ich mit zwei Monsterkoffern nicht so schnell voran. So musste ich ziehen was das Zeug hielt um einigermaßen voranzukommen. Und wieder einmal verfluchte ich mich dafür, so viel eingepackt zu haben. Aber hey, man konnte schließlich nie wissen, was man alles gebrauchen könnte... auch wenn dann der zweite Koffer völlig überflüssig ist und nur unnötig im Schrank vergammelt.. scheiß drauf, du hast es wenigstens mitgenommen!

Meine unnütze Selbstironie sorgte dafür, dass ich wieder etwas Motivation fand und unwillkürlich schneller voran kam. So bog ich nach weniger als zwei Minuten an der Ecke ab und stand in der Lobby. Ich brauchte nicht lange um zu erkennen, dass meine Eltern bereits an der Anmeldung standen. Es schien so, als wären sie gerade angekommen. Und ab da konnte mich nichts mehr halten. Wie selbstverständlich ließ ich meine Koffer einfach dort stehen, wo sie waren und lief los.

"Mum, Dad!", rief ich und rannte meinen Eltern entgegen. "Schätzchen!", riefen sie und nahmen mich beide gleichzeitig in den Arm. Obwohl sie mich fast zerquetschten, genoss ich ihre körperliche Nähe. Ich hatte sie vermisst.. In meiner Wiedersehensfreude hätte ich auch glatt Fabian umarmen können, doch dieser war, zu meiner Enttäuschung, nicht da.
"Ist Fabian nicht mitgekommen?", fragte ich, nachdem ich mich langsam von ihnen löste. Dad schüttelte den Kopf. "Er hat zu tun. Wie du weißt hat er momentan viel mit Berufsschule und Ausbildung am Hut und muss deshalb viel lernen.", erklärte Mum. Ich nickte langsam. So war das also. Er hatte keine Zeit. Das sagten sie immer. Doch ich wusste es besser. Ich hatte mir nämlich genau gemerkt, dass mein Bruder Freitags immer frei hatte. Also von wegen Berufsschule. Und von wegen lernen. Das konnte er genauso gut am Wochenende machen. Wahrscheinlich nahmen sie das nur als Ausrede und verschwiegen den wahren Grund, dass mein Bruder keine Lust auf mich hatte. Ich war ja nur seine nervige, kleine Schwester und dementsprechend hasste er mich auch. Das merkte man einfach daran, wie er mit mir umging.. Und ich hatte es nie verstanden. Bis heute nicht. Ich meine, ich hatte ihm nie etwas getan..

Ich seufzte tief und meine Eltern schienen das wohl bemerkt zu haben. Jedoch grinsten sie sich nur geheimnisvoll an, sagten aber keinen Mucks. "Was ist?", hakte ich nach, da ich neugierig geworden war. Doch da wurden mir schon zwei Hände über die Augen gelegt und beinahe hätte ich laut aufgeschrien. Jedoch konnte ich mir sofort denken, wer das war. "Brett!", rief ich und drehte mich zu meinem Freund um. "Hey." Er grinste und nahm mich anschließend in den Arm. "Ich hab' dich vermisst..", flüsterte er an mein Ohr. "Ich dich auch!!", erwiderte ich. "Wo sind deine Eltern?", fragte ich, nachdem ich mich von ihm gelöst hatte. "Die warten draußen.", antwortete er. "Du darfst übrigens heute bei mir übernachten, nachdem du deine Sachen abgeliefert hast und etwas Zuhause warst. Natürlich nur, wenn du willst.", fügte er hinzu. Ich starrte ihn an. "Und deine Mum hat nichts dagegen?"
"Es war sogar ihr Vorschlag." Meine Kinnlade fiel herunter. "Was zum?!" Brett lachte. "Ich erklär dir später alles in Ruhe." Etwas perplex drehte ich mich zu meinen Eltern um. "Ihr habt davon gewusst, habe ich recht?" Mum und Dad nickten lachend. "Und es ist okay, wenn ich bei Brett schlafe?", hakte ich sicherheitshalber nach. "Ja, klar Schätzchen! Sonst hätten wir gleich was dazu gesagt.", erwiderte Dad. "Okay." Ich grinste. "Dann ist gut."

Aus dem Leben eines Mädchens..~♥Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt