30.04.2015 *Special*

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Markus
 
        
Wortlos starrte ich auf die dunklen Fliesen des laminierten Küchenbodens. Ich fühlte mich schlapp und ausgelaugt. Klar, mehr als vier Stunden Schlaf hatte ich nicht abbekommen, da mir einfach viel zu viel durch den Kopf gegangen war. Auf einmal fühlte ich viel zu viel und das nicht einmal beabsichtigt. Normalerweise war ich sehr beherrscht, was meine Gefühle anging, jedoch nicht in dieser Nacht. Wut, Angst, Unverständnis, Verletzlichkeit.. diese Emotionen wechselten sich am laufenden Band ab oder vermischten sich sogar komplett. Einen Heulkrampf hatte ich auch mal wieder bekommen, jedoch hatte ich versucht den so leise im Zaun zu halten, dass Brett nicht aufwachen würde. Und das hatte ich auch hinbekommen. Also zumindest war ich mir ziemlich sicher. Gesagt hatte er jedenfalls nichts..

Gestern hatte ich mich scheiße gefühlt. So verloren und.. minderwertig. Ich dachte, mein Leben wäre vorbei, ich würde auf der Straße sterben. Vor allem, weil ich ja eh schon so am Boden war, ein körperliches Wrack, das sich von alleine niemals wieder erhoben hätte. Ich hatte bereits aufgegeben. Doch dann kam Brett. Hat mich angesprochen, mir geholfen, auch wenn anfangs nur misstrauisch. Aber das tat nichts zur Sache. Ich hätte das nie im Leben erwartet. Dass mir überhaupt jemand helfen würde, erst recht nicht Brett. Doch gerade er hatte es getan.

Er brachte mich zu unserem Sozialpädagogen mit dem wir dann auch gesprochen hatten. Dieser hätte gemeint, dass eine Entzugsklinik für mich und meine Eltern wohl das Beste sei. Und ab da fand ich dann wieder ein kleines bisschen Hoffnung. Es konnte doch wieder alles gut werden. Man musste nur dafür kämpfen.
Mit Brett war ich letztendlich auch zu ihm Nachhause gegangen, was ich genauso wenig erwartet hatte. Doch er bestand darauf.

Dort lernte ich seine Eltern kennen. Zuvorkommende, nette, liebevolle Menschen, das erkannte ich auf dem ersten Blick. Ich mochte sie von Anfang an. Es machte mich sogar ein wenig neidisch. Denn meine Eltern waren mittlerweile das komplette Gegenteil davon. Nur noch ganz vage erinnerte ich mich daran, wie sie vor ihrer Alkoholsucht waren. Ganz normale sympathische Menschen, gute Eltern. Nicht zu streng aber auch nicht zu locker. Sie hatten mich unterstützt, wie es nur irgendwie ging. Doch dann kam der Alkohol und... Meine Augen füllten sich mit Tränen. Wie sehr wünschte ich mir, dass alles wieder wie früher war.. Damals hatte ich wenigstens nicht so große Probleme wie heute. Damals wurde ich nicht so schnell wütend auf meine Eltern, wenn sie mich denn mal aufgeregt hatten. Damals war ich nicht gleich nach einem Wutanfall in Tränen ausgebrochen, weil mir alles zu viel wurde. Wie jetzt jeden verdammten Tag. Denn damals gab es dieses verfluchte Alkoholproblem noch gar nicht. Meine Fresse, wie sehr ich es hasste. Klar, ich hatte in gewissen Maßen auch damit angefangen, aber nur, weil ich keinen anderen Ausweg gefunden hatte. Es machte mich fertig. Ich hatte keinen Bock mehr darauf. Also habe ich ebenfalls angefangen zu trinken. Ich dachte, wenn sie das konnten, konnte ich das auch. Ich musste es mir beweisen und das hatte ich auch getan. Doch dann verlor ich endgültig den Boden unter den Füßen.

Brett's Eltern, Melanie und Christian, haben mir zum ersten Mal das Gefühl von früher zurück gegeben. Das der liebevollen, glücklichen Familie. Seitdem wollte ich das unbedingt wieder zurück haben. Ich genoss es total aber gleichzeitig machte es mich auch fertig, dass es bei uns schon lange nicht mehr so war. Es brachte mich um den Verstand und das merkten sie auch. Verdammt, sie hatten mich in den Arm genommen, als sie merkten, dass es mir wieder schlechter ging! Sogar Brett. Das war.. unglaublich. Ich hatte ganz vergessen, wie schön das sein konnte. Ich wollte das zurück haben. Mir fehlte das so sehr..

Trotzdem waren meine Eltern immer noch meine Eltern, auch wenn sie irgendwie vom Weg abgekommen waren.. Vor allem, weil ich ja wusste, dass sie eigentlich ganz anders sein konnten. Nur diese verdammte Sucht hinderte sie daran. Mit Christian hatte ich noch länger darüber geredet, gleich nachdem ich mich bei ihnen duschen durfte. Mal wieder eine richtige Dusche. Das hatte so unglaublich gut getan.. Brett lieh mir dafür Klamotten von ihm, die mir aber etwas zu kurz waren, da ich ein Stück größer war als er. Sonderlich dramatisch war es nicht, weshalb ich die Klamotten auch wunderbar tragen konnte. Alleine wegen der Geste an sich hätte ich es gemacht, aber auch, weil mir ohnehin nichts anderes übrig geblieben war. Meine total verdreckten und stinkenden Sachen hätte ich immerhin nicht unbedingt wieder anziehen wollen.

Jedenfalls meinte Christian, dass so eine Entzugsklinik wirklich Wunder vollbringen konnte. Dass einige ihr Leben danach wieder in den Griff bekommen hatten. Und das hoffte ich auch.. Ich hoffte, dass das bei uns genauso sein würde. Eine Welle der Wut überkam mich und ich ballte meine Hand zur Faust. Daran war ganz allein dieser verdammte Alkohol Schuld. Wieso gab es sowas überhaupt? Gäbe es den nicht, wäre das gar nicht erst passiert. Mir traten Tränen in die Augen. Wer wusste schon, wie lange meine Eltern das sonst noch mitgemacht hätten.. Wie lange es noch gedauert hätte, wenn es noch länger so weiter gehen würde, wann sie letztendlich davon umgekommen wären.

Ein lautes Klingeln an der Tür riss mich aus meinen Gedanken. Ich hob den Kopf. Weit und breit war keiner der Familie zu sehen und es war auch so schon absolut still im Haus. Ich wusste, dass Brett im Bad war, doch bei seinen Eltern hatte ich keine Ahnung.

Nach erdrückenden Sekunden, in denen ich zweifelte, ob ich nun aufmachen sollte oder nicht, klingelte es ein zweites Mal. Und als sich darauf immer noch nichts im Haus rührte, brachte ich meinen ganzen Mut zusammen und stieß mich von der Küchentheke ab. Ich atmete einmal ein, verscheuchte die Tränen und spazierte aus der Küche. So schlimm wird das schon nicht werden.. Wer könnte das so früh am Morgen denn schon sein? Der Postbote?, dachte ich, während ich mich immer weiter der Haustür näherte.

Doch ich hatte mich geschnitten. Als ich die Tür öffnete, sah ich drei mir vage bekannte Personen auf der Fußmatte stehen. Zwei davon waren Mädchen, ein kleineres und ein größeres. Die Namen hatte ich jedoch vergessen. Dafür erkannte ich aber den Jungen. Das war David. Wir gingen in dieselbe Klasse. Und auch, wenn ich mir nicht ganz sicher war, wer die beiden Mädchen waren, wusste ich eins: Sie alle drei waren Brett's Freunde. Ich hatte sie schon öfter zusammen auf dem Schulhof gesehen. Doch was wollten sie so früh morgens von ihm?

"Markus?!" Fassungslos starrten sie mich an. Ich konnte es verstehen, denn mir ging es nicht groß anders. Doch im Gegensatz zu den dreien blieb mir einfach nur der Mund offen stehen, da ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. "Was machst du hier?" "Hast du da Brett's Sachen an?" Waren die Fragen, die sie mir stellten. Doch ich konnte ihnen darauf keine Antwort geben. Ich hatte das Gefühl, ein riesengroßer Kloß drückte sich auf meine Stimmbänder und verhinderte, dass ich sprechen konnte.
Aber kurz darauf endlich die Erlösung. Ich hörte Schritte auf der Treppe und bemerkte letztendlich Brett, welcher sich durch die Tür zur Garderobe gequetscht hatte. Als er sah, wer da stand, hielt er abrupt inne. Er tauschte mit mir einen fassungslosen Blick. "Ich kann das erklären!"

     

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Ich widme diesen Teil DarkRose-, da ohne sie das hier gar nicht möglich gewesen wäre. Ihr kam die Idee, dass Markus morgens in der Küche steht, alle anderen gerade beschäftigt und nicht da sind und es plötzlich an der Tür klingelt und Brett's Freunde vor der Tür stehen. Und auch, wenn die Hauptidee etwas zu kurz gekommen ist, aufgrund Markus' emotionalen Gedanken, ist dieses Special trotzdem wert hier veröffentlicht zu werden c: Vor allem, weil ich diesen Teil besonders mag. Es ist für mich bisher das emotionalste aus seiner Sicht... Es zeigt, wie menschlich er nach allem doch ist und das ist wichtig. Menschlichkeit macht uns aus. Deshalb bedanke ich mich auch bei dir, da das sonst gar nicht entstanden wäre ♡

Aus dem Leben eines Mädchens..~♥Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt