12.03.2015

19 4 6
                                        

Markus

        
Wortlos starrte ich hinauf in den Himmel. Es war bereits Nachmittag und relativ bewölkt, manche Wolken dunkler als andere. Es gab sogar so viele, dass die Sonne kaum mehr durchkam. Doch das war mir in dem Moment einfach so egal. Ich brauchte Ruhe.. und Zuhause bekam ich die nicht. Also hatte mich raus geschlichen. Zu dem kleinen Treffpunkt, nähe der Schule. In so einer Art Seitengasse. Dort, wo ich mich früher mit meiner „Gang" immer getroffen hatte. Ich liebte diesen Ort. Dort kam ich immer her, wenn ich mal abschalten wollte. Es zumindest versuchte. Denn in meinem Fall war das nicht so einfach.. Wenn es denn jeden verdammten Tag auf's Neue wieder Ärger gab? Ich nichts dazu sagen konnte? Ich mich nicht einmal mehr wehren konnte? Und das Schlimmste.. ich hatte keinen mehr. Keinen, der mir zuhören konnte. Keinen, der mich mal umarmte und mir sagte, dass alles wieder gut werden würde.. Auch wenn es eine komplette Lüge war. Ich hatte.. sie alle verloren. Ich war allein. Verwandte wohnten ganz weit weg, meine sogenannte Gang hatte ich an Raphael verloren.. Max.. Als ich an ihn dachte, bildete sich ein fetter Kloß in meinem Hals, den ich mit viel Mühe versuchte, wieder hinunter zu schlucken. Er war der einzig richtige Freund, den ich jemals hatte. Nachdem ich ihn rausschmeißen musste.. verspürte ich seit dem Tag an nur noch Schuldgefühle. Ich hielt es dort nicht mehr länger aus. Ich verließ die Gang und überließ Raphael alles. Eigentlich hatte ich es mir selbst zuzuschreiben, dass ich nun alleine war. Ich hätte genauso gut drinbleiben können. Doch ganz im Ernst.. was sollte ich unter einem Haufen voller Idioten, die sich einen Dreck um mich scherten.. wenn es da draußen auch echte Freunde gab? Beziehungsweise einen. Doch den hatte ich verjagt.. vermutlich für immer. Zittrig atmete ich aus und schloss für einen Moment die Augen. Jetzt bloß nicht weinen.. Du musst stark bleiben, hörst du? Nur verschwommen bekam ich mit, wie einige Autos vorbeifuhren. Die dachten sich wohl sonst was. Komischer Junge sitzt in den Schulferien in einer dunklen verlassenen Gasse am Boden. Nimmt bestimmt Drogen und hat kein Zuhause. Der hat sicher keinen guten Einfluss auf meine Kinder. Ein bitteres Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Die hatten ja keine Ahnung.. Keine Ahnung in welchen Trümmern mein Leben momentan lag. Wie es bei mir Zuhause abging. Ich war Einzelkind und meine Eltern.. Psychopathen. Sie hatten schon immer ein Problem gehabt, wollten sich aber nie helfen lassen. Unsere Verwandten zogen weg, wollten nichts mehr mit uns zu tun haben, meinten, da müssten wir schon alleine zurecht kommen. Diese verdammten, herzlosen.. Fest ballte ich die Hände zu Fäusten. Mein Vater schlug mich. Meine Mutter versuchte irgendetwas dagegen zu tun, doch meist war es nutzlos. Und irgendwann.. machte sie einfach mit. Ein Tränenschleier legte sich über meine Sicht, während ich beobachtete, wie weitere Autos vorbeifuhren. Schnell wischte ich mir über die Augen. Nicht weinen, verdammt nochmal.. So machst du alles nur noch schlimmer. Du musst stark bleiben, wie gesagt. Stark bleiben in diesem beschissenen Teufelskreis..

Plötzlich meldete sich mein Knie wieder. Es pochte wie verrückt und dumpfer Schmerz breitete sich aus. Mit zusammengebissenen Zähnen dachte ich daran zurück, wie das überhaupt passiert war. Wer das getan hatte. Unglaubliche Wut breitete sich in meinem Inneren aus. Am liebsten hätte ich laut geschrien und mit der bloßen Faust gegen die harte Wand geschlagen, doch ich beherrschte mich. Das brachte ohnehin nichts. Also atmete ich einmal tief durch und lehnte mich so entspannt wie möglich zurück. Ich versuchte kontrolliert zu atmen, was leider nicht so einfach war. Doch irgendwie schaffte ich es trotzdem. Ich versuchte alle möglichen negativen Gedanken zu vertreiben, Ruhe zu bewahren. Meine Augen waren geschlossen. Ich musste runterkommen. Sonst würde ich noch endgültig durchdrehen.    

        
Nach einer ganzen Weile spürte ich plötzlich einen kalten Wassertropfen auf meiner rechten Wange. Ich öffnete die Augen und bemerkte, dass am Himmel alles schwarz war. Keine weißen Wolken mehr, nein. Innerhalb weniger Minuten hatte es dermaßen zugezogen. Gleich würde es ein großes Unwetter geben, so viel stand fest. Und tatsächlich. Es dauerte gar nicht lange da fielen auch schon die ersten dicken Regentropfen auf die Erde. Gefolgt von einem Blitz, welcher schlagartig den gesamten Himmel erhellte. Nicht sehr viel länger warten musste man, bis es gewaltig donnerte. So laut, dass ich mich am liebsten in die nächste Ecke verkrochen hätte. Verdammte Scheiße. Was machte ich denn jetzt? Ich war hier in einer verlassenen Seitengasse, nicht weit entfernt stand meine Schule, die jedoch zu sein müsste, da ja Ferien waren. Und bis zu mir nach Hause dauerte es knappe fünfzehn Minuten. Wo ich, wenn ich ehrlich war, nicht unbedingt hinwollte. Doch ich hatte keine andere Wahl.

Fluchend erhob ich mich, meine Jacke, welche ich zuvor ausgezogen hatte, hielt ich dicht über den Kopf, um nicht nass zu werden. Und so.. lief ich los. Immer gerade aus, einige Straßen entlang. Der Regen wurde immer stärker, meine Sicht dadurch immer schlechter. Es dauerte nicht lange, da hatte ich komplett die Orientierung verloren. Wusste nicht mehr wo oben und unten war. Die klatschnassen Klamotten klebten und der starke Wind zerrte nur so an mir. Das Unwetter nahm seinen unheilvollen Lauf.. Doch ich lief trotzdem weiter. Ich durfte nicht stehen bleiben. Nicht bei diesem Wetter. Ich musste schleunigst nach Hause. Ich musste nach Hause.. bevor es nur noch schlimmer werden würde. Wenn das überhaupt noch ging. Doch ich musste es einfach schaffen. Ich musste einfach. Auch, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch war, wieder Ärger zu bekommen. Weil ich so lange weg gewesen war. Weil ich mich einfach davon geschlichen hatte. Aber das war mir in dem Moment egal. Ich wollte nur rein ins warme Haus, dort wo es nicht wie aus Eimern schüttete, kein Wind tobte und am aller wichtigsten: dort, wo ich vor Blitz und Donner geschützt war.

Ich lief immer weiter eine Straße entlang. Diesmal war ich mir sicher, wieder auf dem richtigen Kurs zu sein. Ich musste bald da sein.. Ich beschleunigte meine Schritte, um schneller voran zu kommen. Was eine ganz und gar dämliche Idee gewesen war. Denn kurz darauf meldete sich mein verletztes Knie wieder. Und diesmal tat es richtig weh. Mit zusammengebissenen Zähnen humpelte ich weiter den Bürgersteig entlang, versuchte jetzt nicht schlapp zu machen. Doch erfolglos.. Schon nach wenigen Metern verlor ich jegliches Gleichgewicht, da mein Bein von dem Schmerz ganz taub geworden war. Ich versuchte mich noch mit letzter Kraft an einem niederen Holzzaun festzuhalten, doch es brachte nichts. Ich fiel trotzdem hin. Direkt auf den harten Asphalt. Mit den Knien voraus. Meine Hände zitterten, alles zitterte an mir. Ich hatte es so lange zurückgehalten, doch diesmal schrie ich so laut ich konnte. Es tat einfach so verdammt weh.. Die Schmerzen waren unerträglich. Sowohl physisch als auch psychisch. Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen. So kniete ich da also. Auf dem Bürgersteig, während der Regen nur so auf mich einprasselte. Mit vollkommen durchnässten Klamotten. Den Kopf Richtung Boden gerichtet. Die Hände zu Fäusten geballt. Am Himmel, einige Blitze, die aufleuchteten und laute Donner, die folgten. Und nun weinte ich doch.

Aus dem Leben eines Mädchens..~♥Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt