29.04.2015

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Brett
      
       
Als ich heute um kurz nach Schulschluss den Nachhauseweg antrat, war ich alleine. David wurde früher geholt, da er zu einem Termin musste und Mikayla und Tess früher aus hatten. Der Schultag hatte nicht unbedingt sehr ereignisreiche Punkte mit sich gebracht, außer, dass David mir schon zum 100. Mal Mathe erklärt hatte und ich es, so wie ich halt war, immer noch nicht kapiert hatte. In der großen Pause trafen wir uns mit Mikayla und Tess. Das Übliche halt. Das einzig spannende war, dass mir auffiel, dass Markus wieder mal nicht da war. Was ein Wunder aber auch! Seufzend schüttelte ich den Kopf und beschleunigte meine Schritte, um schneller zu Hause zu sein.

         
Doch als ich gerade die Straße überqueren wollte, traf mich der Schlag. Wenige Meter vor mir sah ich einen Jungen jämmerlich am Boden hocken, den Kopf auf den Armen stützend. Dieser war kein geringerer als Markus. Ich konnte es kaum fassen. Ich kannte einzig und allein nur den Markus, der mit seinem selbstgefälligen Lächeln Menschen manipulieren, seine eigenen Gefühle verstecken konnte, wenn er es denn darauf ansetzte. Den Markus, der gerne mal nicht zum Unterricht erschien und als Krönung meist ziemlich unverschämt zu den Lehrern war. Ach, und nicht zu vergessen zu anderen Schülern. Aber diesen Markus, der wie ein Häufchen Elend am Boden saß, dazu noch total fertig aussah, den hatte ich noch nie gesehen.

"Markus... was zur Hölle machst du hier? Und wie siehst du überhaupt aus?!", fuhr ich ihn fassungslos an und kam langsam auf ihn zu. Darauf hob dieser verwirrt den Kopf und sein Blick fiel direkt auf mich. Jetzt, da ich näher an ihm dran war und er den Kopf gehoben hatte, konnte ich nun richtig erkennen wie er aussah. Und ich musste sagen, sein Anblick schockierte mich. Sein Gesicht war fahl, blass, eingefallen und hatte einen leichten Grünstich, was nach seinem Shirt aus zu urteilen so aussah, als ob er sich schon mehrere Male übergeben hatte. Seine Kleidung war von oben bis unten total verschmutzt und er selbst roch so, als ob er sich seit Tagen nicht mehr gewaschen hätte. Dazu war noch was anderes in seinem Geruch... war das.. Alkohol?!

"Brett... ich bin so froh, dass du da bist...", murmelte er und sah mir nun direkt in die Augen. Ich glaube, ich hörte nicht recht! Hatte Markus das tatsächlich gerade gesagt? "Was machst du hier?", fragte ich hart, während ich versuchte mich zu beherrschen, da ich kein Bock hatte, mich wieder anschreien zu lassen, nur weil ich Mitleid zeigte. "Ich... ich... weiß... nich...", erwiderte er, äußerst verwirrt. "Sehr witzig. Darauf fall ich nicht rein, Markus! Wenn du mir jetzt nicht sofort sagst, warum du hier bist und warum du so aussiehst, dann gehe ich!", drohte ich ihm wütend. Was dachte er eigentlich, wer er war? "Nein, bitte nicht! Bleib... d-du bist doch der Einzige, den ich noch hab... d-der sich noch für mich interessiert..", widersprach er verzweifelt, worauf ich misstrauisch eine Augenbraue hochzog, und griff nach meinem Arm. Doch ich gab ihm keine Chance, diesen zu ergreifen, weshalb ich ihn noch rechtzeitig wegzog. Erst jetzt wurde mir klar, wie traurig Markus tatsächlich sein musste. Wahrscheinlich so traurig, dass das alles gar kein Theater mehr sein konnte. Ich schätzte, dass er sich nicht nur zum Spaß so zugerichtet hatte. Klar, wer würde sowas auch machen? Markus war sicherlich kein Psycho. Das musste schon einen verdammt ernsten Grund haben. 

Ich holte einmal tief Luft, ehe ich wieder zum Sprechen ansetzte. Und was ich dann sagte, überraschte mich sogar selbst. "Und mich hast du auch nicht. Wir sind keine Freunde, Markus. Du hast mich, wenn du dich daran erinnern kannst, angeschrien, als ich wissen wollte, ob mit dir alles okay ist. Was glaubst du, wie bescheuert ich mich da gefühlt habe?" Meine Stimme wurde sanfter, gleichzeitig ignorierte ich die Schuldgefühle, die in mir aufzukommen drohten, aufgrund, dass ich sowas gerade gesagt hatte. Doch es stimmte. Markus und ich waren keine Freunde. Wir waren Feinde und hassten uns einander. Eigentlich.

Markus verzog das Gesicht, wandte sich ab und ich hörte, wie er langsam aber sicher anfing zu schluchzen. Das überraschte mich. Ich hatte Markus noch nie weinen gesehen. Und aufgrund, dass ich jetzt doch ein bisschen Mitleid hatte, seufzte ich kurz und kniete mich anschließend langsam zu ihm runter. "Was ist passiert?", fing ich vorsichtig an. Darauf wandte er sich wieder mir zu und blickte mit seinem tränenüberströmten Gesicht direkt in meins. "Weißt du.. ich bin schon seit Jahren total einsam, okay? Auf meiner alten Schule.. es war so beschissen. Die Gang.. war eigentlich nur dazu da, damit ich Leute um mich herum hatte. Ich wollte nicht alleine sein. Ich hatte nie wirklich Freunde, da meine Eltern ziemlich streng sind und mich kaum aus dem Haus gelassen haben.. geschlagen haben sie mich. Sie haben mich verdammt nochmal zu diesem Arschloch gemacht, das ich jetzt bin, weshalb mich auch so gut wie keiner mochte. Ausnahme, die Gang.. Da war ich Jemand. Aber als ich Max rausschmeißen musste, hatte ich auch auf die keinen Bock mehr. Ich hab mich abgekapselt und hab wieder angefangen zu rauchen. Alkohol hab ich genauso für mich entdeckt.", erzählte er und seine Unterlippe fing an zu zittern. Ich sah ihn ernst an. Ich hatte alles erwartet, doch mit dem hatte selbst ich nicht gerechnet. "Du musstest Max rauswerfen?", fragte ich. Er nickte. "Sonst hätten sie mich auch rausgeworfen.." Ich seufzte. Auf einmal tat er mir richtig Leid. Doch aus dem Grund, dass wir noch immer keine Freunde waren, konnte ich nicht anders, als ihm selbst in diesem Moment einen Vorwurf zu machen. "Ja, ich weiß, dass das echt scheiße ist. Raphael und co. sind einfach Idioten. Lass dich besser nie wieder auf die ein. Aber sich dann mit Alkohol und Zigaretten abzulenken, ist echt keine Lösung. Erst recht nicht in deinem Alter." Markus schnaubte. "Das sagst du ja schon so, als ob du wesentlich älter wärst als ich... " Ich seufzte. "Bin ich nicht. Trotzdem bin ich etwas älter als du. Wie alt bist du? Zwölf?", erwiderte ich. Dazu musste ich sagen, dass ich ja erst dreizehn geworden war, aber das konnte er ja nicht wissen.. Zögerlich nickte er. "Ach, Markus.", seufzte ich. "Lass mich raten, geritzt hast du dich auch schon?", warf ich ihm vor, und ich hatte recht. Er nickte und zeigte mir kurzerhand seine Arme. Bei dem Anblick drehte es mir förmlich den Magen um. Denn diese waren nur so mit tiefen Schnittwunden versehen, aus den manchen sogar noch etwas Blut lief.. Das sah wesentlich schlimmer aus, als es bei Tess damals ausgesehen hatte, und bei ihr war das schon ziemlich schlimm gewesen. Schaudernd wandte ich mich ab. "Oh Markus, du brauchst definitiv Hilfe. Am besten gehst du nach Hause und....", fing ich an, doch Markus unterbrach mich. "Nein! Nicht nach Hause! Überall hin aber nicht nach Hause! ich flehe dich an.." Okay, irgendwie überraschte mich das nicht sonderlich. "Na gut dann.. gehen wir in die Schule zurück zu Dominik, unseren Sozialpädagogen. Jetzt müsste er noch da sein. Mit dem können wir reden. Der könnte dir vielleicht helfen. Ist das in Ordnung?", schlug ich ihm vor, doch er konnte mir nicht antworten, da er keine Sekunde später anfing, sich zu übergeben. Und das hielt sogar ziemlich lange an. Angewidert schaute ich weg, da ich nicht hinsehen konnte, da mir sonst wahrscheinlich selbst schlecht werden würde. Daran war einzig und allein der Alkohol schuld... Ach Markus, dachte ich und unterdrückte nur mit Mühe ein Seufzen. Nachdem er sich ausgekotzt hatte, nickte er nur und rührte sich nicht. Ich hingegen stemmte mich auf, griff nach seinem Arm und versuchte ihn so auf die Füße zu ziehen. Doch Markus zeigte keine Regung. "Jetzt komm schon, stell dich nicht so an!", schimpfte ich, langsam etwas gereizt, und schaffte es letztendlich doch, ihn aufzurichten. So stand er kurzerhand noch etwas wacklig auf den Beinen vor mir. "Komm...", murmelte ich und legte ihm widerwillig einen Arm um die Schulter. Gemeinsam fingen wir an, langsam wieder zurück zur Schule zu gehen.

Aus dem Leben eines Mädchens..~♥Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt